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Kurzbeschreibung

[Bilder von Ramona Schnekenburger]

Trotz ihres schweren Schicksals hat Hanni nie den Glauben an das Leben verloren. Wenn man die bald Hundertjährige fragt, wie alt sie werden will, sagt sie Hunderttausend.
Das Stück, eine Hommage an eine Hundertjährige, zeigt die große Geschichte aus der Perspektive ganz kleiner Leute, deren unerschütterliche Kraft und Lebensmut vorbildlich ist.



Die gebeugte Schauspielerin in einem Kostüm aus großen Kitteln und Schürzen plagt sich mit einer Kiste.
Getragene Musik – War da etwas? Schatten sprechen nicht, doch habe ich was gehört. Meine Ohren sind unerbittlich. Vielleicht der Bürgermeister? Wenn eines hundert wird, kommt nicht der Tod, sondern der Gemeinderat und bringt Geschenkkörbe mit Sachen, die du nicht mehr essen kannst. Wenn eines hundert wird … Ahhhh. Haben Sie mich jetzt erschreckt. Sie sind aber nicht der Bürgermeister. Was wollen Sie? Einbruch? Bei mir gibt es nichts. Schauen Sie sich um.
Ob das ich bin auf dem Bild? Wer denn sonst? War ich jung. Ich sag nicht, dass ich hübsch war, aber hässlich auch nicht. Eine gute Partie hätt ich machen können, einen Partieführer hab ich gekriegt. Einen Bauer hätt ich kriegen können, einen Beamten, Geschäftsmann, aber der eine hat krumme Beine gehabt, der andere rote Haar, der dritte einen Blähhals. Mein Mann war ein Bild. Da gibt es nichts. Grobes Gesicht mit Zügen, hohe Backen, weiches Kinn, kein verbrannter Nasenrücken. Eine Erscheinung. Wie ich ihn zum ersten Mal gesehen hab, den Josef, steh ich im Arbeitskittel und mit der Scheibtruhe auf dem Misthaufen. Eine Korona aus Fliegen um den Kopf, das Knarren der Stall­türe im Gesicht, die Armut in den Händen. Ich war ja nur das Mensch. Und er? Frisches weißes Hemd, gebügelte Hose, geschnäuzt und gekampelt. Sie werden lachen, ich hätt ihn gefressen.
Volksmusik – Mitten im Krieg war das. Mir ist die Scheibtruhe aus der Hand gefallen. Und dann kalbt die Kuh, die Fanny. Ich, das Mensch, am Misthaufen mit der Scheibtruhe, dieses Bild von Mann am Hof, und der Bauer schreit, schnell Hanni, schnell, hol den Viehdoktor, mit der Fanny gibt’s Komplikationen. Eine Kuh war wichtiger als die Gefühlswallung einer Dirn. Hab ich mich aufs Rad schwingen und fahren müssen wie eine gesengte Sau, weil ich gewusst hab, diesen Mann, ich könnt ihn fressen, den muss ich haben, ob er will oder nicht. Das dürfen Sie mir glauben, weil es wahr ist. Und wie ich zurück gekommen bin samt Doktor, war er weg. Die Fanny hat ihr Kalb gekriegt, aber das Bild von Mann war nicht mehr da. Da waren Haselsträucher, der Huflattich, Kuhfladen und Tränen im Gesicht. Doch, da war er. Und dann hat er sich zu mir gesetzt und hat gesagt, du willst es doch auch, dass ich neben dir sitze. Ich hab mir nichts anmerken lassen. Aber das war gleich. Du bist also da das Mensch hat er gesagt, und dass ich mich einmal anschauen lassen soll. Dann hat er gesagt, eh sauber. Und dass es mir gefällt, hat er gesagt. Mehr hat es nicht gebraucht. Der Holunder hat geblüht, meine Beine vom Brombeergestrüpp zerkratzt, aufgeschlagene Knie, die Stiefel voller Erde, ein nach Stall stinkendes Kleid, dreckige Finger, er aber sagt: eh sauber. Und mit seinem Blick hat er mir die Beine aufgetan. (…)