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Kurzbeschreibung

[Mit einem Nachwort von Daniela Strigl]

… Etwas von der angestrebten Leichtigkeit des Seins ist in den „Traktaten des Windes“ aufgehoben. Der Wind, der bald als zügellos zudringlicher Zephir angesprochen wird, bald als verdrossener Aeolus, erweist sich als kongenialer Schirmherr der Poesie, beweglich, flüchtig und spielerisch, elementar und machtvoll: „nimm mich als leeres blatt für / deine überschießenden traktate“, fordert das Ich in „SAVANNE“. Wer seine Verse als „Traktate des Windes“ deklariert, der bekennt sich zur Vorläufigkeit aller Erkenntnisse, zu einer Kunst, die niemandem Vorschriften macht …

(Auszug aus Daniela Strigls Nachwort)



Rezensionen
Wolfgang Ratz: Dine Petrik, „Traktate des Windes“

Mit welcher Art von Traktaten haben wir es hier zu tun? Verstauben sie in verlassenen Bibliotheken oder handelt es sich um bunte Sektentraktätchen, die der Wind über die Mariahilfer Straße weht? Doch nein: schon im ersten Gedicht Solon geht spricht der Athener Staatsmann (und politische Lyriker!) stolz „meine thesen und traktate sind gesetz!“. Doch auch weise Männer können sich über- und verschätzen, und wie aus dem Nichts bricht alles zusammen: „über nacht verwirrung: datenverwirrung!“ Geistiges Chaos, olfaktorisch untermalt: „üble gerüche in athen!/meine traktate nehmen schaden“. Gerüche und vermutlich auch mindestens so üble Gerüchte in diesem Gedicht, das man als Petriks Kommentar zum Zeitgeschehen lesen kann und muss. Solon hat von seinen populistisch geblendeten Landsleuten die Nase voll, er schmeißt ihnen den Demokratiekrempel vor den Tempel und „blickt nicht mehr zurück“ – nicht einmal im Zorn.

Petriks neuer Gedichtband ist wieder eine reife und gereifte Leistung, ein wahres Panoptikum mit großer thematischer Bandbreite. Die Wendung „den rechten fuß im einerseits / und anderseits –“ aus dem Gedicht Sphinx II deute ich (für mich) als Hinweis auf die thematischen und stilistischen Polaritäten in diesem Werk. Öffentliches und Privates, Reisende und Touristen, Natur und Kultur, aber auch Natur und Naturvernichtung (Monolog der Erde in Erschütterung), Kultur und Kulturvernichtung in Palmyra „durch einen mob ohne gedächtnis“.

Petrik selbst ist eine Reisende im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinn. Ihr poetischer Weg führt uns zum Fudschijama mit seinem „schneeweißen cape“, an den Tian Anmen, durch Grasland und Wüste. „Schau dich erst um, bevor / nimm mich als leeres blatt für / deine überschießenden traktate / im trommelinneren tönt der wind / nachdem ich in die jahre gewallfahrtet bin“ (Savanne). Wie in der Romantik wird die Landschaft auch hier zum Spiegel der Seele und erkennt die Betrachterin in der Geometrie der Sternbilder sich selbst „orion hält mich an der hand / das hirn vor die deichsel gespannt / hackt das herz einmal kurz dreimal lang“.

In und gegen die hohe Sprache der Lyrik kartätscht Petrik immer wieder Irritationen, Störelemente, kalauernde Wortspiele, dann wieder kursive Einsprengsel aus unserem coolen Zeitgeist- und Computerspeak. Ich kenne derzeit kaum wen, der/die so souverän zwischen den Stimmen und Sprachen wechselt und doch immer unverwechselbar bleibt. Und ich denke, dass diese traumwandlerische Sicherheit im Umgang mit Sprache daher rührt, dass das Wort Petriks innigste Heimat und der Weg im Land der Worte ihre tiefste und wahrhaftigste Reise ist.

Doch auch geografische Heimaten, heiß- oder hassgeliebte, spielen in diesem Buch eine wichtige Rolle. So in Begegnung: „Wir lagern auf treppen aus minze und / gras, wir halten die stunden zwischen / den handflächen fest, wir gestehen uns / gegenwartsrechte zu: es ist alles anders / geworden, es ist alles gleich geblieben.“ Oder auch in Fluchtpunkt: „Über der stadt ein derber himmel, stets / bereit, herabzufallen auf die häuserzeilen / die auftrumpfenden fassadendächer mit / den blitzenden verglasungen, auf die in der / hitze swingenden portale, aufs morbid / duftende gemäuer, übermalt mit protzigem / schönbrunner gelb“, und endet rebellisch mit: „abertausende geschichten / Und kein platz für meine?“

Im letzten Teil finden sich die vielleicht berührendsten Gedichte, Texte zu Abschied und Tod, wobei die Trauer sogar angeblich unbeseelten Kreaturen gelten kann. Nachruf: „Meine erinnerung an dich / den letzten blick wirfst du mir von oben / herab als schweren sack um den hals / vom lastwagen oben, die TBC-marke / im rechten ohr, dein passierschein / zur schlachtbank blinkt in der sonne“. Der Tod ist die Grenze ohne Wiederkehr; eine im Leben erfahrene Distanz wird im Tod festgeschrieben. Steinern klingt die sonst so tänzerische Sprache Petriks in Daheim: „Am tisch die lampe das schweigen / die angst, die lust nicht verloren zu gehn / und um dich herum steht wie immer / ein fester zaun / nun säumt er dein grab“.

(Wolfgang Ratz, Rezension im Buchmagazin des Literaturhaus Wien vom 2. September 2019)


http://www.literaturhaus.at/index.php?id=12543


Peter Zimmermann: Dine Petrik, „Traktate des Windes“

Der mittag wankt durch alte Reben/ balgt gelangweilt mit dem Laub
mich treibt es fort durch alte gestern: sie erinnern mich an nichts
mein zaun hat löcher und mein reden/ zweifel wachsen wie die fliederbüsche
und der ärger mit den pixeln, während er, der adler oben mit nur einem flügel
schlag die halbe stadt fotografiert
Ist unerhört, ist sowas möglich/ lachse fliegen vipern fressen aus der hand
und oft zur gleichen zeit sonne und mond/ der mond der innen mehr ist
geometrisch schlicht vermessen, außen gletschergrau/ augen burgund:
was tun, dass er mich liebt?
in wirklichkeit ist alles relativ/ nur manchmal ist was kugelrund


Fotos heißt dieses Gedicht, das nicht vom Fotografieren handelt, sondern vom flüchtigen Augenblick, der in einem Bild eingefroren ist. Von etwas also, das wir nicht wahrnehmen können, weil unser Bewusstsein ja nicht für einen Sekundenbruchteil stehen bleibt und also immer alles in Bewegung und Veränderung ist. So ist auch der Wind im Titel des Bandes zu verstehen, Traktate des Windes. Wesen des Traktats ist die Behauptung, die Festlegung, aber der Wind ist flüchtig und launisch, mild oder zerstörerisch. Auf den Wind ist kein Verlass, was sollen seine Traktate anderes sein, als unzuverlässige Zeugnisse. Oder, positiv gedeutet, Zeugnisse, die sich nicht festmachen lassen, was ja ein Merkmal des Poetischen ist. Dem Seienden wohnt immer das Vergehende inne, der Schöpfung die Zerstörung. Gedichte schreiben muss man so, dass, wenn man das Gedicht ans Fenster wirft, das Glas zu Bruch geht, zitiert Dine Petrik den russischen Dichter Daniil Charms. Mit anderen Worten: man muss ehrlich sein.

Der Gedichtband Traktate des Windes von Dine Petrik ist in der Bibliothek der Provinz erschienen.

(Peter Zimmermann, Rezension für die Ö1-Sendung Ex libris vom 25. August 2019)


Sebastian Fasthuber: Dine Petrik, „Traktate des Windes“

Bei Dine Petrik ist schon die Prosa poetisch, wie sie mit der Kindheitsgeschichte „Stahlrosen zur Nacht“ bewies. Der Band „Traktate des Windes“ zeigt die Wiener Autorin nun als Lyrikerin, die viele Tonlagen, Stimmungen und auch Zwischentöne beherrscht. Sie hat den Band sorgsam komponiert und in die Abschnitte „Klage“, „Getöse“ und „Flucht“ geteilt. Auf schmalem Raum finden Zartes, Elegisches und Hartes Platz.

Als Motto dient ein Zitat des russischen Anarchisten Daniil Charms: „Gedichte schreiben muß man so, / daß, wenn man das Gedicht ans Fenster wirft, / das Glas zu Bruch geht.“ Ganz löst Petrik diesen Anspruch nicht ein, ihre Texte dürfen auch einmal einfach nur schön sein. Dem Buchtitel, der auf die Flüchtigkeit von Worten verweist, entsprechend weht einem aus diesen Gedichten etwas angenehm Leichtes entgegen: „Hier geht es mehr als lässig zu / trägheit hängt in der Luft ohne Grund.“

(Sebastian Fasthuber, Rezension im Falter #28/19 vom 12. Juli 2019, S. 27)


https://shop.falter.at/detail/9783990288290


Petra Ganglbauer: Dine Petrik, „Traktate des Windes“

Ein souveräner Flow, der jedoch gestaltungsweisend starke Rhythmisierungen enthält, Tönungen, Retardierungen und somit Musikalität.

Wie stets bei Dine Petrik, handelt es sich auch in diesem Lyrikband um avancierte, hervorragende Literatur, die zwar aus einer großen Disziplin heraus gemacht ist, jedoch darüber hinaus wie ein lyrischer Tanz anmutet.

„Unbändig spricht sich gegend an“ – ebenso unbändig, kraftvoll, bewegt, unabänderlich, wie von einem Fatum angetrieben, geben sich diese Gedichte.

Wie funkelnde Komplementärwörter muten die meist englisch gehaltenen Kursivstellen an, sie katapultieren das Gesagte vehement ins Jetzt, auch wenn „Traktate des Windes“ klassisch klingt.

Ein Tanz der Poesie, ein schwerer Tanz mithin – ein Flirren und Schimmern, das Gewicht hat.

Unvergleichlich.

Das kompetente Nachwort von Daniela Strigl erweitert den Zugang zur Dichterin und ihrer Sprachkunst.

(Petra Ganglbauer, Rezension auf der Webseite des BÖS. Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen, veröffentlicht am 19. Juli 2019)


https://www.bös.at/rezensionen/traktate-des-windes-klag-getoese-flucht-dine-petrik/


Viktória Kery-Erdélyi: Kraftvolle Gedichte

Manchmal tänzeln ihre Worte fast zärtlich über ein Blatt, um dann aber im Gedicht vereint eine spektakuläre Kraft zu entfalten.

Die im Burgenland geborene Dine Petrik komponiert in „Traktate des Windes“ sozusagen in den Gefühlslagen „Klage. Getöse. Flucht“.

(Viktória Kery-Erdélyi, Rezension für Die BURGENLÄNDERIN. Das Gesellschaftsmagazin des Burgenlandes, Dezember 2019)


ORF Radio Österreich 1: Dine Petriks Suche nach der Leichtigkeit des Seins

„Wer seine Verse als ‚Traktate des Windes‘ deklariert, der bekennt sich zur Vorläufigkeit aller Erkenntnisse, zu einer Kunst, die niemandem Vorschriften macht“, schreibt die Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl in ihrem Nachwort zu Dine Petriks Gedichtband. „Warum lesen wir Gedichte?“, fragt Strigl, „weil wir die Welt mit den Augen eines anderen sehen möchten? Oder weil wir ins Gedicht schauen wie in einen Spiegel? In Dine Petriks Gedichten ist beides möglich!“

Dine Petrik wurde im Burgenland geboren und lebt in Wien. Sie begann erst mit 50 Jahren zu schreiben, inzwischen sind zwölf Bücher erschienen, darunter sechs Lyrikbände. Außerdem verfasste Dine Petrik eine Biographie der 1951 verstorbenen Lyrikerin Hertha Kräftner.

(Ankündigung zur ORF Radio Ö1-Sendung Nachtbilder vom 7. Dezember 2019, Gestaltung: Nikolaus Scholz, Redaktion: Edith-Ulla Gasser)


https://oe1.orf.at/programm/20191207/581893/Dine-Petriks-Suche-nach-der-Leichtigkeit-des-Seins


Andreas Wirthensohn: Rückenwind für die Poesie

Böen und Brisen in aktuellen Gedichtbänden

Der Schnee, die Bäume, die Wolken, die verschiedenen Jahreszeiten, aber auch der Wein und das Kaffeehaus – all das (und noch viel mehr) sind immer wiederkehrende lyrische Motive, über deren Entwicklung durch die Epochen und Jahrhunderte man ganze Abhandlungen schreiben könnte.

Einer der besonders gern bedichteten poetischen Gesellen ist der Wind. Eine Anthologie mit Wind-Gedichten dürfte ziemlich opulent ausfallen und müsste natürlich Goethes „Erlkönig“ enthalten: „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? / Es ist der Vater mit seinem Kind“ (vielleicht samt der wunderbaren Parodie Heinz Erhardts: „Wer reitet so spät durch Wind und Nacht? Es ist der Vater. Es ist gleich acht.“). Aber auch des Nobelpreisträgers Bob Dylan Gassenhauer „Blowin’ in the Wind“.

Einige Lyrikbände machen die Luftbewegung gar zu ihrem Leitmotiv. Offenbar mit gutem Grund: „Der Wind erweist sich als kongenialer Schirmherr der Poesie, beweglich, flüchtig und spielerisch, elementar und machtvoll“, schreibt Daniela Strigl im Nachwort zu Dine Petriks „Traktate des Windes“ (Bibliothek der Provinz, 2019), und schon der Untertitel zeigt, wofür der Wind hier vor allem steht: „Klage – Getöse – Flucht“. Petriks Gedichte greifen weit aus, geografisch genauso wie zeitlich: Palmyra, Solon, die Sahara, Qumran werden ebenso besungen wie der Fußball, die Wiener U-Bahn und der Augarten – mal im hohen Ton, mal eher leise und dezent.

Das Gedicht ist für die 1942 im Burgenland geborene Petrik „eine art der beugungsform“, ein „wortgefecht“. Mitunter schießt sie dabei übers Ziel hinaus, wenn die Originalität eines Wortspiels („maosoleum“) oder einer Doppeldeutigkeit („Aug-artenfiguren“) allzu demonstrativ vorgeführt wird. Am besten ist sie dort, wo sie ihre sprudelnde lyrische Energie ein wenig drosselt. Etwa in dem Schlussgedicht „Chrysanthemen“, einem November- und Totengedicht, das wundersam schillert zwischen „bleich“ und „rubinrot“: „du gingst ohne abschied / nahmst mit dir auch das / was mir nie gehört hat und /doch so rubinrot jetzt färbt / deine rosen am grab“.

(…)

(Andreas Wirthensohn, Rezension in der Wiener Zeitung vom 14. Dezember 2019)


https://www.wienerzeitung.at/meinung/blogs/litblog/2042217-Rueckenwind-fuer-die-Poesie.html


Astrid Nischkauer: stets den fluchtpunkt poesie im blick

Klage Getöse Flucht lautet der Untertitel des aktuellen Gedichtbandes Traktate des Windes von Dine Petrik. Klage Getöse Flucht sind zugleich aber auch die Überschriften der drei Kapitel, in welche der Band untergliedert ist. Und so können wir uns die Frage stellen, wer im ersten Abschnitt denn klagt? – Niemand geringerer als die Alpen, oder die Erde selbst, da wir in diesem Kapitel Gedichte finden, die aus eben dieser Perspektive geschrieben sind. Denn die Dichterin Dine Petrik hört den Hilfeschrei der Erde ebenso wie das ansonsten unerhörte, also nicht gehörte, Seufzen der Alpen:

Unsere fundamente sind zerstochen und
zerbrochen, voll mit löchern, tunnels, röhren
sechs- achtspurige autobahnen: was
fragen wir, was noch


Der Band beginnt allerdings mit dem Gedicht SOLON GEHT, womit der antike Solon, Dichter und Denker, gemeint ist. Es geht weiter mit den Gedichten NIKE HÖREN und SPHINX. Alleine die Titel verraten uns schon ein großes Interesse an antiker, altertümlicher, ägyptischer Kunst und Kultur. Richtig spannend wird das Ganze dann durch eine Verschränkung mit dem Hier und Jetzt in Form von eingeworfenen Schlagworten und Anglizismen wie „smile“, „social media“, „handy“, „hip hop“, oder „die coolen youngsters“. Dine Petrik gelingt damit in ihren Gedichten ein sehr eleganter Spagat von der Antike bis ins Heute.

In ihren Gedichten unternimmt Dine Petrik Reisen zu den Wiegen abendländischer Kultur in Palmyra, Qumran oder Ephesos. Mit den Gedichten reisen wir um die ganze Welt, sehen den Fudschijama, den Tian Anmen Platz, eine Savanne, die Sahara, oder auch den Yangtse. Fährmittel zu sowohl räumlich entlegenen, wie auch zeitlich Jahrtausende in der Vergangenheit zurückliegenden Orten, ist die Literatur.

Wohin ich gehe
: wohin ich will
von west-südost bis ephesos


Die Gedichte zu Ephesos interessieren mich persönlich ganz besonders, da wir in Wien das unglaubliche Glück haben, im Ephesos-Museum einen Großteil der Ausgrabungsobjekte aus Ephesos bestaunen zu können. Ein kleines aber großartiges Museum, das völlig zu Unrecht immer noch ein Geheimtipp ist. Mein Zugang zu Ephesos ist aber wohl ein anderer als der von Dine Petrik, die sich vermutlich vorwiegend lesend und recherchierend Ephesos genähert hat. Denn Verweise auf das Museum, oder einzelne darin gezeigte Objekte, kann ich, die ich dieses Museum sehr gut kenne, in den Gedichten keine erkennen.

Wir haben es hier mit Gedichten einer Reisenden und Suchenden zu tun, die den Dingen auf den Grund geht und sogar das Sein an sich zu definieren sucht:

Hat das sein eine definition
ist es eine komposition aus
zerrütteten konsonanten nicht mehr
als ein mondlichtartiger faden im stoff
der durch träume weht


Auch wenn in den Gedichten Philosophisches verhandelt wird, geschieht das nicht auf trockene, verkopfte Art und Weise, sondern singend und swingend. Spannung und Rhythmus im Sprachfluss entstehen dabei gerade durch Brüche, Kontrapunkte und Dissonanzen.

das fetzchen ich was will ich will
dass etwas swingt in diesen brüchen
kontrapunkten, dissonanzen


Kontrapunkt als kompositorisches Grundprinzip ist ein Hinweis darauf, dass Musik nicht nur inhaltlich in den Gedichten eine wichtige Rolle spielt, sondern die Gedichte an sich musikalisch gedacht und komponiert sind. Musik entsteht aus der Stille oder führt auf die Stille hin und so gibt es auch stille Momente in den Gedichten: „wenn schnee fällt lässt sich stille sehen“. In den Gedichten findet man sehr viele ebenso schöne, wie unerwartete Metaphern, an einer Stelle blickt uns beispielsweise „ein gestimmter text“ aus dem Spiegel entgegen, „es zeilt sich“ mitunter in den Gedichten, oder wir haben es auch einmal ganz einfach mit einem berauschenden „fall von wortrausch“ zu tun.

Das zweite Kapitel Getöse beginnt dann mit einem ganz eindeutig im Wien der Gegenwart verorteten Gedicht mit dem Titel U-BAHN-GESANG, in dem es unter anderem um das relativ neue Kebab-ess-Verbot der Wiener Linien geht und einen mittlerweile beendeten Pilotversuch, Wiener U-Bahn-Wagone mit eigenem Raumduft zu besprühen, „parfumes, versprüht von ein paar / wiener lilien“. Einmal aufmerksam geworden, findet man zahlreiche Hinweise auf Wien in den Gedichten, sei das nun die „blutrünstige lady macbeth“, die „vom burgtheater bis zum / rathausmann hinauf und wieder / nieder“ weht, „Aug-artenfiguren“, „die donau“, die „byzanz / schräge ebenen“ spiegelt, „der große wagen“, der „über den kahlenberg flieht“, oder man findet sich abends „immer auf dem sprung ins lugeck“.

Eine Verbindung vom ersten zum zweiten Kapitel stellt beispielsweise die sehr einprägsame Formulierung „mich anhimmelnde sterne“ dar, die uns schon in Klage am Ende eines Gedichtes folgendermaßen begegneten:

: unbestimmbar alles, wie die
massen mich anhimmelnder sterne


Und in Getöse erneut in anderem Umfeld aufgegriffen wird, nun allerdings am Beginn eines Gedichtes:

Kein wolkenzug wirft schatten
auf mich anhimmelnde sterne


Dine Petrik strebt mit ihren Gedichten nicht mehr und nicht weniger an, als das mit Worten Unsagbare im Klang des Ganzen hörbar werden zu lassen:

: das nicht sagbare mit worten, ob
es hörbar wird im klang des ganzen?


Musik wird im Laufe des Bandes immer wichtiger, zum einen inhaltlich:

im seichten takt die bratsche wird weil
sie nicht weinen darf, gezupft, ex oriente


Zum anderen auch formal, beispielsweise durch Binnenreime:

Schön, wie jetzt die duren spuren
die verruchten noten vielmehr zoten
drei vier lieder hin und wieder


Das letzte und kürzeste Kapitel Flucht beginnt dann mit einer Gedichthommage an Ingeborg Bachmann. Das erste der beiden Bachmann-Gedichte beginnt mit den folgenden Worten:

Vielleicht dieses jahr
das dreißigste im ungarland
im blick den großen bären


Aufgerufen werden hier Bachmann-Titel wie Das dreißigste Jahr oder die Anrufung des Großen Bären. Und das „ungarland“ lässt natürlich sofort an das „Ungargassenland“ und damit an ihren Roman Malina denken. Im weiteren Verlauf tauchen dann biografische Details aus Bachmanns Leben auf, ein namentlich nicht genannter „er“, der durch das Anführen der Todesfuge klar als Paul Celan zu erkennen ist, schreibt ihr keine Briefe mehr und Zigaretten dürfen natürlich auch nicht fehlen, bei einer Autorin die bekannter Weise mit einer brennenden Zigarette eingeschlafen war:

Zeit der stille, zeit der sucht
der griff nach den gauloises
das innere voll asche und tabletten
hinter rauchsäulen und wolken
zählt der große bär die stunden aus
bis er mich schlafen legt?


So entsteht ein einfühlsames und sehr persönliches Portrait Ingeborg Bachmanns. Der Gedichtband schließt mit Nachrufen und Trauergedichten mit Titeln wie BRUDERS TOD, NACHRUF, CHRYSANTHEMEN. Die letzten beiden Gedichte des Bandes enden beide mit demselben Wort, und zwar mit „grab“, wo jede Flucht früher oder später endet. Am eindringlichsten aus diesem Kapitel ist aber gerade das Gedicht, das ein Nachruf auf eine Kuh ist. Denn es ist absolut aufrichtig und eine Spur trotzig, erzählt von der Freundschaft eines Schulkindes mit einer Kuh, der es täglich das Schulbrot und den Apfel gegeben hatte, und über die nicht eingestandene Trauer und die Schuldgefühle, nachdem die Kuh geschlachtet worden war.

Von meinen tränen um dich
will ich mit niemandem sprechen
will mich nicht lächerlich machen
man weint nicht um eine kuh

Doch das wissen um deine angst
die du hattest, bis sie der
gewaltsame tod in dir
ausgelöscht hat
quält mich noch heute


Für einen etwas versöhnlicheren Ausklang schlage ich das Buch neuerlich auf und beginne es von vorne zu lesen. Von ganz vorne, also noch vor dem ersten Kapitel, wo dem ganzen Band ein Zitat von Daniil Iwanowitsch Charms vorangestellt ist:

Gedichte schreiben muß man so,
daß, wenn man das Gedicht ans Fenster wirft,
das Glas zu Bruch geht.


Dieses Zitat seinem Gedichtband als Motto voranzustellen, zeugt von einem gesunden Selbstvertrauen, das man gerade als Dichterin haben soll und muss, möchte man gehört und ernst genommen werden. Traktate des Windes ist ein Gedichtband, den man gerne und mit Freude liest. Gedichte mit Pfiff und Pfeffer.


(Astrid Nischkauer, Rezension für Fixpoetry vom 25. Feber 2020)


https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/dine-petrik/traktate-des-windes-klage-getoese-flucht