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Kurzbeschreibung

Es war in den frühen 1970er Jahren, als sich der Blick auf die Natur veränderte, man erstmals ihre Gefährdung realisierte. Gleichzeitig riefen die Nach68er Jahre zu vermehrter Sensibilisierung gegenüber der eigenen spirituellen Natur. Das führte zu einem regelrechten Exodus aufs Land. „Neuer Regionalismus“ nannte man das später.
Einer der feinfühlig auf die neue Atmosphäre reagierte, war Peter Hauri, Werklehrer von Beruf und damals Chef-Bühnenbildner am Neumarkt-Theater in Zürich. 1973 zog der 33jährige gebürtige Seenger ins Seetal. Er war nicht der Einzige – auch Mitglieder der einstigen Aarauer „Gruppe Ziegelrain“ waren schon da und andere mehr.
Die bildende Kunst, die Malerei, wurde für Peter Hauri Lebensinhalt, verbunden mit einer intensiven Auseinandersetzung mit fernöstlichem Gedankengut, wie es in dieser Zeit viele geradezu magisch anzog. Freiheit von Denken und Handeln in einem selbstbestimmten Leben war die Losung; das Unterrichten an diversen Bezirksschulen sicherte Hauri hiefür die existentielle Grundlage.
1978 lädt ihn Elisabeth Staffelbach, die seit Herbst 1976 zusammen mit Madeleine Thomann die Galerie „Brättligäu“ am Kronenplatz in Lenzburg führte, zu seiner ersten Einzelausstellung in der Region ein. Möglicherweise auf Empfehlung von Hugo Suter, der die einführenden Worte sprach.
Die Thematik der Mischtechniken auf Papier war noch sehr breit, doch einem der Texte, die ich damals für die Aargauer Zeitungen schrieb, gab ich den Titel „Dem vom Zahn der Zeit Bedrängten“, eine Ūberschrift, mit der man auch die aktuelle Ausstellung im Kantonsspital Aarau überschreiben könnte.
Hievon auf ein 40jähriges, kohärentes künstlerisches Werk zu schliessen, wäre freilich falsch.
Dennoch ist da etwas, auf das ich beim Nachdenken über Peter Hauri immer wieder stosse, nämlich den Wunsch des Künstlers etwas durch Malerei aufzuwerten, selbst dem Unscheinbarsten , Verwahrlosesten, Abgebröckeltsten Respekt, Würde, gar Schönheit – vielleicht auch Liebe – zurück zu geben.
Peter Hauri hat das nicht aus einer Position der Stärke heraus gemacht, er war selbst immer auch ein Teil der Bedrängnis. Vieles, von dem er träumte, löste sich bald einmal in Schall und Rauch auf. Und doch ging es immer wieder darum, es im Transformationsprozess der Malerei zumindest sichtbar werden zu lassen.
Stets – und das zieht sich als weiterer roter Faden durch das Werk – ist die Ausgangssituation eine Fotografie – in den allermeisten Fällen eine auf Reisen oder auch in allernächsten Nähe selbst gemachte Aufnahme. Peter Hauri war selten ohne seine Kleinbildkamera unterwegs, für den Fall, dass …, wer weiss …, er plötzlich einem „Bild“ begegnen würde. Die Ausgangs-Fotografie konnte – vor allem im Frühwerk –auch eine wo immer gedruckte, dann oft figürliche Vorlage sein. Selbst ungegenständlich scheinende Bilder haben – mehr oder minder versteckt – diese Basis. Eines der nachhaltigsten Beispiele hiefür ist das grösste, je von Peter Hauri ausgeführte Kunst am Bau-Projekt für die Schulanlage Rütihof in Zürich als er 1995/96 auf fünf je 7 x 3 Meter grossen Tafeln verwitterte Grabsteine soweit vergrösserte bis sie nur noch als subtile, farblich jedoch intensivierte, Spuren von ihrer erlebten Zeit erzählten.
Viele Werke von Peter Hauri zeigen ähnliche Prozesse, weniger von Grabplatten ausgehend, sondern vielleicht von einem Schweizer-Bundes-Bahn-Waggon, einer Hintertüre, einer Mauerecke, einem Gehweg, einem Raum-Durchblick, einer Täfelung mit verblassten Deko-Elementen.
Bevor ich detaillierter darauf eingehe, sei auf eine Gruppe von Bildern verwiesen, die in Opposition zum bisher ausgeführten stehen. Es war 1987 als ich diesen erstmals begegnete, in der Galerie del Mese in Meisterschwanden. Peter Hauris Bilder waren „explodiert“! Etwas in ihm schien sich aufzubäumen. Im Gespräch merkte ich indes schnell, es war nicht die grosse Heiterkeit ausgebrochen, die Bilder waren eher ein existenzielles Auflehnen gegen die immer wieder aufkommenden Depressionen. Aber die Bilder waren da! In Rot, Gelb, Blau, Grün, Weiss und Schwarz fächerte er Naturimpressionen auf, liess Bäume von oben nach unten von unten nach oben wachsen.
Es war in den 1980er-Jahren – dem Jahrzehnt der „Wilden“ – klar, dass auch das mitspielte bei diesen letztlich als feuriges „Intermezzo“ in seinem Gesamtwerk da stehenden Bildern. Es war Gestik und Emotion in Farbe!
Doch zurück zu den Werken in der Ausstellung, die mehrheitlich dem Spätwerk zuzuordnen sind. Einigen bin ich zuletzt 2013 im Müllerhaus in Lenzburg begegnet, der wohl letzten grösseren Ausstellung Peter Hauris zu Lebzeiten, die sein Freund, der Züricher Bildhauer Piero Maspoli kuratiert hatte. Wenn ich meiner damaligen Ansprache folge, sind es nicht reine Aquarelle, sondern eine Mischung aus Aquarell- und Gouachefarben, in jedem Fall ist es erstaunlich wie sehr die Malerei und ihr Trägermedium – das Papier – gleichsam eins sind. Man vergesse nie: Peter Hauri war ein Meister seines Fachs! Und die Malerei an sich interessierte ihn stets ebenso wie die inhaltliche Bedeutung seiner Motive.
Diese ist dennoch nicht zu unterschätzen, denn die letzten 20/25 Jahre seines Lebens waren eine Zeit, in welcher er oft sagte, er male nicht mehr für die Öffentlichkeit, sondern für sich. Die Reduktion von Formen und Farben, die wir in vielen späten Werken sehen, sind darum auch inhaltlicher Ausdruck gewollter, gesuchter Vereinfachung und Stille; mit wenigen Lichtblicken in Farben.
In diesem Rückzug verstecken sich zwei Punkte. Der eine ist, dass der selbstgewählte Tod seiner Lebenspartnerin, der vor allem durch Gedichte bekannten Marianne Zwahlen (später Marianne Hauri-Zwahlen) ihn in seinem Innersten gleichsam gebrochen hat. Die Beziehung war aufgrund der psychischen Fragilität Mariannes immer eine äusserst schwierige, aber Peter Hauri wollte seine Partnerin im Leben halten und als ihm dies letztlich nicht gelungen war, plagten ihn – zu Unrecht notabene – Schuldgefühle, die eine weiterführende Karriere als Maler im extravertierten Netzwerk des Kunstbetriebs mehr und mehr verunmöglichte. Und dann war da, last but not least, die angeschlagene Gesundheit, die das Malen oft zur Anstrengung machte. Doch jetzt dürfen wir die Bilder ans Licht holen!

(Annelise Zwez in der Ansprache zur Ausstellung von Peter Hauri im Kantonsspital Aarau, 17. Oktober 2019)