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Kurzbeschreibung

[Hrsg. und gestaltet von Erika Schmied.] Mit einem Vorwort von Walter Grasskamp


Jede Portraitaufnahme ist auch ein zweites Gesicht des Fotografierten – eines, das man rahmen kann oder zerstören, bewundern oder wegräumen, behalten oder verkaufen, reproduzieren oder vergessen. Es ist ein Gesicht, das sich auf dem Fotopapier oder in der Pixelwelt vom weiterhin lebendigen Gesicht des Fotografierten ablöst und eigene Wege einschlägt.“

Dieses Buch versammelt Portraits von 118 Künstlerinnen und Künstlern, die Erika Schmied im Laufe ihrer Karriere angefertigt hat. Viele zeichnet der „Vorzug einer Beiläufigkeit“ aus, „wie sie bei kalendarisch ausgemachten Fototerminen, den Sessions, fehlt, vor denen alle Beteiligten lange über Locations und Outfits nachdenken können, bevor sie sich in Posen und Mimik üben. Erika Schmied haben diese und andere Elemente der Inszenierung nie interessiert, und die meisten Protagonisten ihrer Portraits gaben sich dann auch so, wie sie waren.

Walter Grasskamp


Rezensionen
Gregor Auenhammer: Spiegelbild der Seele

Obsessiv wetterte Thomas Bernhard (unter anderem) gegen das Medium der Fotografie. Ein Foto, so der Vorwurf des wortgewaltig Zornigen, lege „die Erscheinung eines Menschen ein (Nach-)Leben lang fest, sodass also ein flüchtiger Moment eingefroren wird und damit zur weiteren Entwicklung des lebendigen Organismus der porträtierten Person in Konkurrenz tritt, sich gereadezu gegen sie wenden kann“.

Naturgemäß trifft derartiges auch auf ein Gemälde zu, aber diese privilegierte Kulturpraxis ist, statistisch gesehen, vergleichsweise harmlos gegenüber der modernen Technik der Fotografie, die es zahllosen Bildautoren in jedem Moment und im Handumdrehen erlaubt, Personen ihr zweites Gesicht abzunehmen. Trotz (oder gerade wegen?) dieses Bernhard’schen Bildersturms – einer Frühform heute allgegenwärtiger Empörung und Entrüstung – nannte Erika Schmied ihr fünf Jahrzehnte reges Kulturleben umfassendes Fotokompendium Das zweite Gesicht. Das Album reicht zurück bis in die 1960er-Jahre, als Schmied, nach ihrem Studium an der Hamburger Kunsthochschule, als Grafikerin, Redakteurin und Fotografin für Plattenfirmen und Verlage arbeitete, und endet im Hier und Jetzt. Zu sehen Hockney, Lassnig, Brus, Hundertwasser, (oft) Bernhard, Artmann etc.

Nicht zuletzt aufgrund der Ehe mit Kritiker Wieland Schmied weitete sich das Universum von Musikern und Pop-Art zur internationalen Literaturszene. Erika Schmieds Fotos ergeben in ihrer Ruhe und Kraft eine seltene Intensität. Sie gewährt den Porträtierten zeitlose Präsenz, Individualität – und angespannte Authentizität zwischen Selbst- und Fremdbild.

(Gregor Auenhammer, Rezension in: Der Standard, Album, 19./20./21. Mai 2018, S. A8)