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Kurzbeschreibung

Es ist soweit. Heute habe ich mit meinem neuen Roman begonnen. Die ersten Sätze, gewissermaßen der Einstieg in die Geschichte, sind mir ja schon seit längerer Zeit im Kopf herumgegangen, doch hatte ich keine Lust, ausgerechnet in den Sommermonaten mit dem Schreiben zu beginnen. In Zeiten, da ich noch tagein, tagaus an der Drehbank stand und mir manchen Sommer lang der Schweiß in den Augen brannte, weil die Hände und die Ärmel zu dreckverschmiert waren, um ihn von der Stirn wischen zu können, habe ich oft davon geträumt, einen ganzen Sommer lang auf der faulen Haut liegen zu können.

Einfach nur so; ohne Hawaii, Palmwedel und rot-grüne Drinks aus der einschlägigen Glücksspielwerbung. Eine schattige Wiese an einem kalten Bach, in dem man ein paar Flaschen Bier hätte einkühlen können, wäre mir damals schon mehr als genug gewesen. Nun hatte ich mit einem Mal die Möglichkeit, einen Sommer genießen zu können, als ob Urlaub wäre. Deshalb sagte ich mir, ich müßte dies nutzen und mich nicht von der Arbeit drängen lassen.

Das mag sich gut anhören, doch mußte ich feststellen, daß mir das nicht immer leicht gefallen ist. Man liegt in der Wiese, hat die Seele an die nächststehende Weide zum Baumeln gehängt – und plötzlich ist da ein Gedanke, eine Idee oder auch ein Satz, von dem man überzeugt ist: Der paßt, der ist gut, genau so sollte er dann gedruckt im Buch stehen. Man fühlt sich geradezu verpflichtet, ihn sogleich niederzuschreiben, in der Gewißheit, daß er längst vergessen sein würde, wenn man ihn später einmal braucht. Andrerseits ist einem klar, daß es dann nicht bei dem einen Satz bleiben kann. Wenn man einmal mit dem Niederschreiben beginnt, dann muß man sich gleich ganz, mit Haut und Haar, in die Arbeit stürzen, sonst hat man am Schluß einen Haufen Zettelchen; Sätze, die untergebracht werden wollen und einen nur behindern, weil man im nachhinein zu überlegen beginnt, für welche Stelle sie denn nun eigentlich gedacht gewesen sein könnten.

In einem Anfall von kaum noch zu zügelnder Arbeitswut habe ich mir schließlich ein Diktaphon gekauft; gleichsam als Ausweg aus dem Dilemma: Schreiben oder Faulenzen? Ich ging davon aus, daß ich das Mini-Tonbandgerät überallhin in der Hosentasche mitnehmen und meine Einfälle auf diese Weise schon einmal speichern könnte. Aber mehr als ein paar Sätze habe ich nicht in den Apparat hineingesprochen. Man kommt sich dabei unsagbar komisch vor. Ist man unter Leuten, würden die einen ohnehin gleich als Irren betrachten, zöge man plötzlich das Ding aus dem Hosensack und erklärte: »’tschuldigts, aber mir ist gerade was eingefallen…«

Doch selbst wenn man allein spazieren geht und die Möglichkeit hätte, sich auf ein einsames Bankerl am Waldrand zu setzen, hat man in dem Moment, da man es in der Hand hält, das Gefühl, als müßte einen geradezu jemand beobachten. Und sei’s nur ein Regenwurm, der sich angesichts so eines Anblicks einen Holzfuß lacht. Man beruhigt sich schließlich mit der Überlegung: Wenn es soweit ist und man mit dem Schreiben beginnt, wird einem schon wieder etwas einfallen; nicht dasselbe, aber doch etwas, das nicht unbedingt schlechter sein muß. Zuvor aber sollte man es sich den Sommer über gutgehen lassen, das Dolcefarniente auskosten. Denn ich wußte, der Arbeitsbeginn würde einen grundsätzlichen Einschnitt in meinem Leben bedeuten. Zumindest gehe ich davon aus …


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Spannung entsteht immer an jener Auflage, wo die Fiktion auf der Landebahn der Realität aufsetzt. In Spionagefilmen löst die höchste Spannung immer jenes sagenumwobene Quietschen der Reifen aus, wenn das Flugzeug mit dem Helden an Bord auf der Landebahn des Einsatzortes aufsetzt.

Helmut Rizy hat dieses Quietschen in der Literatur zum Anlass genommen, um einen Roman über das Aufsetzen erfundener Geschichten in einer harten literarischen Realität zu beschrieben. Der Herausgeber, Textmanager und Promotor des Romans ist eher zufällig auf den Einbuchbestseller Kiesewetter gestoßen, der ein typisches Genieschicksal durchleben muss.

Kiesewetter ist vom ersten Bestseller fetzreich geworden, aber auch kopfleer, was den nächsten Roman betrifft. Da selbst ein Diktaphon zu umständlich ist für die komplizierten Nonsensgedanken, engagiert er wie einst Goethe seinen Eckemann den späteren Herausgeber als Sekretär. Dieser muss ihn Tag und Nacht mit dem klassischen Notizblock in der Hand begleiten, um alles aufzuschreiben, was einmal ein Roman werden könnte.

Wie bei den echten Romanciers üblich, "verendet" Kiesewetter auf offener Schreibstrecke. Da auch kein Geld mehr zu holen ist, entschließt sich der Herausgeber, das Arbeitsjournal zu veröffentlichen. In diesem Steinbruch voller unausgegorener Gedanken nisten sich bald die interessantesten Gedankenvögel ein.

Das ganze Journal ist ein Versuch, einem journalistisch seichten Alltagsanspruch der Umwelt mit einem jämmerlich einfachen Innenleben zu entsprechen. Kiesewetter ist umso öfter eine arme Sau, je mehr er sich in den Habitus eines großen Schriftstellers stürzt.

In unendlich mühselig trivialen Arrangements geht es täglich darum, etwas zu jenem Roman beizutragen, der mit jedem Tag in weitere Ferne rückt. Zwischen 11. September und 16. Dezember eines x-beliebigen Jahres häuft sich so ein Journal von gut zweihundert Seiten an. Die einzige Gliederung dieser Wurst besteht in dem viel sagenden Ausruf "ausgeredet", was so viel wie Ende, Halt die Gosche, die Sache ist erledigt oder ich bin fertig bedeuten kann.

Helmut Rizys Roman handelt von einer großen Literaturgeschichte, die auf eine jämmerliche Daseinswurst heruntergezoomt wird. Seine Protagonisten haben die Literatur als großen Rucksack umgeschnallt, der sie verlässlich zu Boden wirft. Hinter den grausamen Alltagsschikanen beim Schreiben stellt sich durchgehend die Frage, wozu tun sich die Dichter das an. "Man kann nichts erzwingen …" (180) lautet schließlich die Erkenntnis, die zum Schreiben drängt und von diesem abhält.

Nach diesem Arbeitsjournal ist man als Leser froh, kein Dichter sein zu müssen, andererseits ist man dem Meta-Dichter Helmut Rizy dankbar, dass er so viel Stoff so liebenswürdig witzig für einen zusammengetragen hat, damit man sich die Recherche von eigenem Nonsens scheinbar ersparen kann. Aber dann dämmert es einem doch: Als Leser sitzen wir höchstens auf der anderen Seite des Scheißbergs, deshalb lieben wir die Dichter alle.

(Helmuth Schönauer, Rezension in: [?], 14.7.2004)


http://lesen.tibs.at/node/114