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Kurzbeschreibung

[Hrsg.: Michael Lehofer]


Manche Rahmen umfassen die Ewigkeit von innen

Wenn ich Gerald Brettschuh treffe, erlebe ich eine eigenartige Desintegration der eigenen Person. Seine Unruhe erfasst, irritiert jedoch nicht. Ich vermute, dass es sich dabei um eine kreative Unruhe handelt. Dazu strahlt er eine zauberhafte menschliche Wärme aus. Diese Wärme ist von kindlicher Unvoreingenommenheit wie auch von elterlich anmutender Fürsorglichkeit. Das sind gleichsam die Vektoren, zwischen denen die Segel gesetzt sind, mit denen der Künstler Gerald Brettschuh durch die Welt, den Himmel und die Unterwelt segelt. Er hat keine Grenzen. Er kennt Grenzen zwar, aber er akzeptiert sie nicht. Er ist in diesem Sinne, um ein Wort aus der Jugendsprache zu verwenden, schmerzbefreit. Das Wort bedeutet ja nicht, dass man den Schmerz nicht fühlen würde, es bedeutet, dass man einen alternativen Umgang mit ihm pflegt. Der Schmerz spielt eine große Rolle auch im Leben von Brettschuh. Als sich seine erste Frau einem anderen Mann zuwandte, ihn verließ, malte er Tag und Nacht, bis das Unvorstellbare in ihm Wirklichkeit geworden war. In diesen Bildern wird Schmerz Wirklichkeit, sosehr, dass er sich ins Unwirkliche entfremdet. Das ist etwas, was wir alle erleben können: Wenn wir uns mit etwas ganz identifizieren, dann wird es uns fremd. Wir müssen dem Eigenen gegenüberstehen, damit wir es noch als das Eigene verstehen können. Haben nennt man das. Im Sein löst sich alles auf. Das ist vermutlich der künstlerische Prozess. Wenn ich mit Gerald Brettschuh in Berührung komme spüre ich, dass der künstlerische Akt nie endet. Er hat keinen Anfang, er hat kein Ende. Jeder Blick, jeder Atemzug ist dem gewidmet, worum es ihm letztlich geht. Eine eigenartige, immerwährende Konzentration. Nicht gewollte, sondern unfreiwillige, unvermeidliche Gefolgschaft. Ein Künstler mit Haut und Haaren. Seine Bilder erinnern an Höhlenmalerei, Antike, Renaissance, Expressionismus und entziehen sich letztlich allen Kategorien. Der Verführung, sich von der Stereotypie der eigenen, erfolgreichen, der funktionierenden Kunst korrumpieren zu lassen hat er sich entzogen. Er schafft aus sich heraus, folgt keinem Zeitgeist. Das unterscheidet ihn von vielen seiner Kollegen.

Einmal habe ich G.B. gefragt, ob nicht vielleicht der Betrachter, der verstehende Aufnehmer eines Kunstwerkes, der eigentliche Künstler wäre? Wann, so meine Frage, entstehe denn eigentlich ein Kunstwerk? Der Künstler sei vielleicht nicht Künstler, sondern ein Wahrnehmender. Ein Medium? Als ich ihm diese Provokation vor Augen hielt, war er sofort bereit zu folgen. Er war bereit seine eigene Identität für das zu opfern, was ihm das Wichtigste im Leben ist: Nicht er selbst, sondern aus ihm und durch ihn wird gestaltet. Natürlich ist auch Gerald Brettschuh wie wir alle, laut Joseph Beuys, Künstler. Nein, nicht wie wir alle. Er ist radikaler, daher bedankter. Gott sei Dank!

Die in dieser Publikation vorliegenden Werke verbindet ihre Vorläufigkeit. Das Vorläufige scheint mir eine ganz vornehme künstlerische Ausdrucksform zu sein. Denn sie lässt frei. Manchmal wenige Striche, manchmal mehr, manchmal Farbe manchmal nicht. Warum gerade so? Die Erkenntnis, jeder weitere Strich, weitere Farben könnten zuviel sein, zerstören, macht aus dem Unfertigen das Fertige. Ein spannender, ein inspirierender Prozess für den Betrachter. Lehrreich für unser eigenes Leben. Das was der Maler aufzeigt sind nicht Zustände. Es sind dynamische Dimensionen des Menschseins und gehen über diese hinaus. Daher nennt er die vorliegende Auswahl nicht Figuren sondern Figuralien. Wie in meinem Gedicht Manche Rahmen / Umfassen die Ewigkeit / Von innen zeigen sie weniger wer sie sind, sondern weisen auf das Unermessliche des Nichtseins hin. Das beschreibt meistens genauer, jedoch auch unpraktischer.

Gerald Brettschuh hat zu seinen Bildern, bei aller Liebe zu ihnen, eine eigenartige Distanz. Sucht ihr aus, sagte er zur Kuratorin Aurelia Meinhart und mir. Sagte es und verschwand. Als ob er sagen wollte: Tut das wozu ihr gekommen seid, ich hab mein Teil getan. Das haben wir getan, das werden wir wie viele andere weiterhin tun. Sucher sind Finder.

(Michael Lehofer)