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Kurzbeschreibung

„Unten an der Küste gewinne ich Land. Ich habe einen Deich angelegt. Dauernd versuche ich durch Anhäufungen, Umschichtungen und Verlegungen dem Meer Land abzunehmen. Klei eignet sich bestens dafür. Den klebrigen Rest der Ebbe in die Schubkarre schaufeln und heran karren. Ich erweitere den Deich um sechs, sieben Quadratmeter, indem ich ihn absteche und drei Meter weiter schaufle und wieder aufschichte. Das Dammniveau erhöhe ich um mindestens zehn Zentimeter, zur Vorsicht. Die Bilder von kalbenden Gletschern in der Antarktis vor Augen.“


Stimmen zum Buch:

„Klei“ war für mich irgendwie wie wenn man durch eine Art Geisterbahn fährt – manchmal sieht man nix, dann erkennt man etwas wieder, dann bekommt man plötzlich eine Breitseite von rechts und links und landet mit weit geöffneten Sinnen im nächsten Abteil.
Barbara Fink


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Die intensivsten Romane sind immer jene, die einem Zustand, Material oder einer Lage gewidmet sind. Klei ist alles davon und so etwas wie der reine Roman. Klei ist nichts anderes als getrockneter Schlick, der sich jeden Tag neu formiert, um sich nach einer Weile wieder zu verlagern.

Markus Lindner zeigt vielleicht so etwas wie eine mentale Robinsonade, einen Bildungsroman über einen Aussteiger, der auf dem Weg in die Zukunft im Lebens-Schlick hängen bleibt.

Der Ich-Erzähler hat eine kleine Erbschaft gemacht und arbeitet fallweise als Korrektor, so kann er sich einen beinahe romantischen Lebensstil auf einer kleinen Insel vor der Zivilisation leisten. Manchmal fängt er seltsame Spooters, das sind Delikatessenwürmer vom Strand, dann legt er wieder einen kleinen Spieldeich an und erobert sich etwas Land. Sonst versucht er im Lebenslauf der Inselbewohner unterzukommen und feiert den Brauch, dass die Gemeinschaft aus dem Häuschen ist, wenn jemand ans Festland fährt, um zu studieren. „In den letzten Tagen begannen wir über die Inselbewohner zu reden." (33)

Für die visuellen Künste ist eine Dunkelkammer eingerichtet, darin sollen Fotos von antarktischer Größe entwickelt werden. Denn so sehr man auch aussteigt, in der vernetzten Welt wird man von allem eingeholt. Das trifft auf den Schlick genauso zu, der aus den Festlandgletschern abgerieben ist, wie auf den gigantischen Plastikmüll im Ozean, der mittlerweile als eigener Kontinent betrachtet wird.

„Die nächsten Tagen – oder waren es Wochen oder Monate? – sind Treiben, wie ein Stück Treibholz herumgeworfen werden im Seegang." (60) Der Geographielose Zustand im Grau von Nebel, Schlick und Amorpher Masse lässt sich empfinden als seltsame Mischung aus Hoffnung, Blindheit und Manie. (70)

Der Held fährt aufs Festland, fliegt von einem Airport im Nebel weg und rattert plötzlich durchs Waldviertel. Der Schlick bei Gmünd ist ähnlich wie der Klei an der Küste, die Begegnungen mit den Menschen sind seltsam klar verhangen wie bei erinnerten Personen aus der Kindheit. Der Fluss ist zuerst einfach da, später erfährt man von ihm, dass er Thaya heißt und so etwas wie einen Verlauf hat. Er gleicht in seiner mäandernden Verborgenheit den Menschen, die plötzlich jäh hinter dem größten Truppenübungsplatz des Kontinents auftauchen.

Und dann geht es in den Winter zurück zum Schlick, Inseln sind seit jeher ideale Gefängnisse.

Markus Lindner erzählt von einem romantischen Helden, der sich hinter dem Web auf konkretem Boden klar werden und ausbreiten will. Aber der Boden ist schwammig, und auch das Firmament schaut heutzutage wie eine Grafik im Netz aus, das W der Cassiopeia leuchtet heutzutage als Buchstabeninstallation auf dem Display. (66) – Romantisch, klar und voller Balance im schwammigen Grund!

(Helmuth Schönauer, Rezension vom 30.12.2017)


Anton Distelberger: Klei

Was als Robinsonade einsetzt, entwickelt in rasanter Fahrt sich erst zu einer Dreiecksgeschichte, schweift zu Traumprotokollen ab, verweilt kurz bei einer böhmischen Pastorale, um schließlich in der Dystopie zu enden. Nach einer entbehrungsreichen und anstrengenden Odyssee durch die Zivilisation kehrt knapp vor deren Kollaps der gealterte und desillusionierte Held auf eine ungenannt bleibende Insel zurück, deren Lage der Leser sich aufgrund der konkreten klimatischen, meteorologischen und topographischen Angaben irgendwo zwischen den Orkneys und den Äußeren Hebriden vorstellen darf. Als zwischenzeitliche Ruhepunkte der im Fortissimo vorwärts getriebenen Handlung werden Schilderungen von festlichen Zusammenkünften einer Gegengesellschaft eingeschoben, die den Keim von Zerstörung und Auflösung schon genauso in sich tragen wie die bürgerliche Ordnung. Charmant fällt die Verbeugung des Autors vor seinem Kollegen Axel Ruoff und dessen Roman „Apatit“ aus, die auf der Seite 90 vollzogen wird. Zurück auf der Insel empfangen ihn der geborstene Fernseher, den er vor seiner Abreise von dessen Sockel gestoßen hat, und das Wurzelwerk der Vegetation seines Kühlschrankes, den zu entleeren die überstürzte Flucht von der Insel nicht erlaubte. In der vollkommenen Dunkelheit des so lange nicht geöffneten Elektrogerätes ist aus dem unbändigen Lebenswillen der Zwiebel- und Erdäpfeltriebe ein unterirdisches Geflecht erwachsen, das sich kraftvoll und mächtig ausgebildet hat. So wie der angeblich blinde Maulwurf, der in sein Höhlensystem abtaucht, um dort die Apokalypse zu überstehen, tastet der wankelmütige Protagonist durch die Windungen seines Lebens, wo ständig Sackgassen und Irrwege sich auftun. Die Notate des Überlebenden sind fragil wie jene Dämme, die er aus dem „Klei“ genannten Schlick anhäuft, den die Ebbe vor der Küste zurücklässt. Im ewigen Wettstreit von Wasser und Land stehen die menschlichen Inventionen und Interventionen auf tönernen Füßen.

(Rezension: Anton Distelberger)