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Kurzbeschreibung

Es ist ein absolutes Wunder, dass ich davongekommen bin. Geboren am oberen Ende des Waldviertels, in einer ärmlichen Gegend mit langen schneereichen Wintern und kalten Winden, die aus dem Böhmischen herüberkamen, Grüße aus der Eiswüste des hohen Nordens mitbrachten und die karge Landschaft für Monate knebelten.

Und ich, auch ein Gewächs dieser windigen, kalten Gegend, hatte dazu noch einen ungeduldigen Vater, der immer zu weit nach vorne dachte, in erster Linie wo er seine Kinder unterbringen könnte, um etwas mehr Luft rund um den grob gezimmerten Esstisch zu bekommen, und als Draufgabe eine Pepitant.

Dieses Buch wurde nicht geschrieben, um Mitleid zu schüren. Vielmehr um im Leben nicht zu vergessen, wo man herkommt, weil so vieles aus der Kindheit resultiert. Reaktionen, Emotionen, Liebesfähigkeit, Gerechtigkeit, Loyalität, Urteilsvermögen. Das Leben schlechthin.


Rezensionen
Karin Wansch: „Es ist ein Phänomen, was ein Kind leisten kann“

Harte Arbeit, schlimmes Heimweh und große Verantwortung für ein kleines Mädchen: Das alles prägte die Kindheit von Rosa Kurzmann. Als Sechsjährige wurde die gebürtige Waldviertlerin zum Arbeiten zu einer Tante geschickt, als Achtjährige kam sie auf einen Bauernhof nach Bad Zell. Ihre Erinnerungen an diese Zeit hat Rosa Kurzmann in ihrem Buch „Katz aus!“ niedergeschrieben.

OÖN: Als sie [sic, Anm.: Die Kleinschreibung des Anredepronomens der Höflichkeitsform und des Possessivpronomens zieht sich durch] sechs Jahre alt waren, brannte ihr Elternhaus ab. Alles vernichtet, der Vater im Gefängnis wegen Verdachts auf Brandstiftung. Wie haben sie dieses Ereignis in Erinnerung?

Rosa Kurzmann: Eigentlich war das für mich gar nicht so schlimm. So lange die Mutter da war, hab ich mir nie richtige Sorgen gemacht. Ich hab mir mehr um sie Sorgen gemacht.

Der Brand hat die Familie in große Not gebracht. Deshalb schickte sie ihr Vater zur gefürchteten Pepitant, die sie als sehr grobe Person beschreiben. Haben sie heute Verständnis für seine Entscheidung?

Nach dem Brand wohnten wir im kleinen Auszugshaus unserer Tante. Wir waren zu viert, es war fast nicht zum Aushalten. Die Not, die Enge, das waren wir ja gewohnt. Aber zur Pepitant – das war schrecklich. Natürlich hab ich das nicht zur Gänze verstanden, aber ich habe keinen Zorn auf meinen Vater. Vielleicht hab ich es mir auch weggeschrieben.

Ihren Vater beschreiben sie als strengen, jähzornigen Mann. Wie war ihr Verhältnis?

Ich hatte auch schöne Momente mit ihm. Trotz allem: Die Liebe zur Natur haben wir von ihm mitbekommen. Dafür bin ich ihm dankbar.

Still sein und folgen: Kinder wurden nicht sehr gefördert, sich zu selbstbestimmten Menschen zu entwickeln. Trotzdem haben sie sich getraut hat, ihre Meinung zu sagen. Was hat sie darin bestärkt?

Ein gewisser Groll, weil Mädchen keine Bildung bekamen. ‚Das zahlt sich gar nicht aus, dass ich dich auf eine Schule schicke. Du heiratest eh‘, hat der Vater gesagt. Unser Gemeindearzt hatte 16 Kinder, alle sind auf ein Gymnasium gegangen, obwohl die auch nicht viel hatten. Warum geht das bei mir nicht?

Sie schreiben nicht nur von Hunger auf Bildung. Auch von buchstäblichem Hunger.

Wir hatten schon was zu essen. Aber es gab wenig Abwechslung. Sterz, saure Suppe, Sauerkraut mit Erdäpfeln. Fleisch nur am Sonntag, Würstl nur zu Weihnachten. Wir waren alle zaundürr. Im Großen und Ganzen hat keiner was gehabt. Aber wir hatten noch weniger.

Wie war ihre Beziehung zu ihren Geschwistern?

Die meisten waren schon ausgezogen, als sie noch ein Kind waren. Wir hatten keine geschwisterliche Beziehung. Meine Schwester in Bad Zell war meine Erzieherin. Sie hat immer drauf geschaut, dass ich sie nicht blamiere. Wir waren ja ein bisschen verwildert. Daheim aber waren wir wie Pech und Schwefel. Wir haben gestritten, aber wehe wenn mich jemand beleidigt hat! Das 100-prozentige Gefühl, ich bin nicht alleine: Das war es vielleicht das, was ich verloren habe. War das der Grund für das schlimme Heimweh? Ich hatte immer Heimweh. Man verliert sich, wenn man weggeht. Man gehört nicht dazu. Später hab ich begonnen, das Waldviertel zu erforschen, mit dem Rad, beim Wandern. Irgendwann hab ich im Herbst die geackerte Erde gerochen. Dann war ich daheim. Dann habe ich gewusst, wo ich hingehöre. Ich habe das Buch nicht geschrieben, damit sich wer erbarmt. Sondern damit man weiß, wo man herkommt. Das ist der Geruch, die Erde, der Wald. Das sind die Wurzeln.

Als kleines Kind mussten sie große Verantwortung übernehmen: auf Kühe, auf die Kinder aufpassen.

Wir waren einfach schon fähig, in dem Alter Verantwortung zu übernehmen. Sonst wär die Pepitant nie auf die Idee gekommen, dass sie sich eine Sechsjährige holt für den Haushalt. Es ist ein Phänomen, was ein Kind leisten kann. Selbstständig sein, selbstständig denken und für sich zu kämpfen und zuzugreifen, wenn es passt.

Sie waren zehn Geschwister, als sie fortgeschickt wurden. Dann kamen sie nach längerer Zeit aus Bad Zell nach Hause, und plötzlich war ein neues Baby da – ihre jüngste Schwester.

Das war schon ein Schock. Noch eins! Sie ist mir ein bisschen wie ein Eindringling vorgekommen. Aber sie war ja arm, keiner hat sich umgeschaut um sie. Das hab dann ich gemacht. In Bad Zell habe ich gelernt, wie man einen Haushalt ordentlich führt. Das hab ich der Mutter vorgeführt, damit ich bei ihr bleiben kann. Sie hat sich gefreut, aber es hat nichts genützt. Ich musste wieder weg.

Erschütternd sind die Beschreibungen sexueller Gewalt und die existenziellen Nöte durch die vielen Kinder. Dem gegenüber stehen die Ahnungslosigkeit, mit der junge Leute aufwuchsen und die Unbeholfenheit, mit der sie sich begegneten. Hat es eine Aufklärung gegeben?

Mein Vater hat immer gesagt hat, dass er die Mutter liebt. Als sie gestorben ist, war er am Boden zerstört, jahrelang. Das ist auch eine Art von Liebe. Aber er hat seinem Trieb freien Lauf gelassen. Es wurde nie viel geredet über solche Dinge. Aufklärung gab es in keinster Weise. Man war unangenehm berührt, dass ein Kind auf sowas denkt.

Heiraten, Kinder bekommen, Bäuerin sein: So hatte sich ihr Vater ihr Leben vorgestellt. In Ried/Riedmark stand ein Erbhof in Aussicht, sie lernten sogar Autofahren, weil der Bauer einen Chauffeur brauchte. Trotzdem waren sie nicht glücklich.

Als 18-Jährige mit einem Opel Kapitän durch die Gegend zu fahren: Das war wie ein Wunder! Das hat mich wahnsinnig beflügelt. Es gab auch eine Bücherei in Ried. Aber als die Bäuerin dann jemanden aus ihrer Verwandtschaft beerbt hat, war das für mich, als hätte man mir eine Last abgenommen.

Warum?

Ich hatte das Gefühl, das kann ich alleine auch. Ich brauch keinen Bauern, der mir ein Auto zur Verfügung stellt. Ich bin leichten Herzens nach Linz gegangen. Ein Schritt in der Annahme, da geht was weiter.

Ihre Mutter musste so vieles ertragen, auch in den schlimmsten Situationen konnte sie sich nicht gegen den Vater durchsetzen. Was haben sie von ihr gelernt?

Sie hat uns gelehrt, wenn auch vielleicht zu oft mit Demut und mit Dienstbarkeit, dass man sein Leben bewältigen kann. Dass man zugreift, wenn es passt und Chancen wahrnimmt.

Trotz allem Heimweh als Kind: Als Erwachsene hat es sie auf vielen Reisen in die Welt hinausgezogen. Wurden sie durch ihre Kindheitserfahrungen auch positiv geprägt?

Irgendwie schon. Ich habe Menschen kennengelernt, die weltoffen waren. Die haben mir gut getan. In Pension bin ich auf Reisen gegangen. Ich hab mein Auto verkauft, ein Rad gekauft und bin losgefahren. Ich war immer schon furchtbar neugierig. Das bin ich heute noch. Die Neugier treibt mich an.

[…]

(Karin Wansch im Gespräch mit Rosa Kurzmann in den Oberösterreichischen Nachrichten vom 10. April 2018)


http://www.nachrichten.at/oberoesterreich/muehlviertel/Es-ist-ein-Phaenomen-was-ein-Kind-leisten-kann;art69,2865385