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Kurzbeschreibung

Hrsg. von Josef Kramer. [Mit Zeichn. von Schülern aus Kaltenberg und Hackstock]



Plöckensteinsee, Schwarzenberg

Oben am Scheitel des Böhmerwaldes erhebt sich ein Felsgebilde, dessen Gipfel wie ein dreifacher Thron geformt ist und daher den Namen Dreisesselberg trägt. Zur Urzeit des besiedelten Nordwaldes haben drei Könige über Böhmen, Bayern und Österreich geherrscht, die sich zu Beratungen auf dem Sesselberg versammelten. Ihre Reichsgebiete stießen nämlich hier an einem Punkt zusammen, sodaß sie sich treffen konnten, ohne ihr Land zu verlassen.

Drei Männer aus dem königlichen Gefolge kamen bei ihren Jagdstreifzügen zu einem dunklen Waldsee, an dessem Ufer sie ein verhutzeltes, altes Weib antrafen. Es stierte unbeirrt in den glänzenden Wasserspiegel. Die Jäger richteten ebenfalls ihre Aufmerksamkeit dorthin und sahen Schwärme von Fischen darin wurlen. Sie machten sich eben daran, ihre Jagdgelüste im See weiterzuverfolgen, als das Moosweiblein zu reden begann: „Ich weiß nicht; alle fünfhundert Jahre komme ich hier vorbei, und immer finde ich etwas anderes vor. Einmal ist da ein großer Wald, dann wieder ein See, dann ein Dorf und blühende Felder und dann wieder Wald und Wasser…!”

Sprachs und ging grußlos ins Waldesdickicht hinein. Die Männer wußten mit den seltsamen Bemerkungen nichts weiter anzufangen, sie lachten darüber und taten ein paar Schritte ins seichte Uferwasser. Vorsichtig tauchten sie die geöffneten Hände ins Wasser. Seltsame Exemplare von Forellen waren das; rot um das Maul, und die Schuppen funkelten. Warum flohen die Fische nicht? Sie drängten sich geradezu an die Jäger heran. Diese packten zu und warfen sie zuhauf ans Ufer, mehr als sie verspeisen mochten.

Die Sonne war inzwischen hinter den schroffen Felswänden untergegangen. Die Männer richteten ein Lager für die Nacht her und setzten sich zufrieden ans Feuer, über welches sie einen Wasserkessel mit den Fischen gehängt hatten. Allmählich wich jegliche Farbe aus der Umgebung, ihre Blicke trafen auf die Steinwand, die jenseits des Sees aufsteigt. Sie galt von jeher als verwunschen. Tief drinnen im Fels, hieß es, seien Grotten und Gänge, die von unglaublichem Gepränge, von Gold und Silber und allerlei Kristallen taghell erleuchtet würden. Ein Heidenkönig aus Sachsen habe sich mitsamt seinen Schätzen vor Kaiser Karl in diesen Berg geflüchtet. Bevor er gestorben ist, habe er durch einen Zauber den Zugang zu seinem unterirdischen Reich verschlossen. In der Passionszeit öffne sich die Seewand, und die Menschen könnten ungehindert aus- und eingehen. Wer aber den Torschluß versäumt, der sei für immer verloren.

Die Männer kannten diese Geschichte wohl, saßen schweigend am Feuer und warteten auf ihr Abendessen. Ganz still war’s. Sie hörten es alle gleichzeitig: Woher kam es zuerst, aus dem Wald oder aus dem Kessel? Ein Sausen erhob sich und schwoll bedrohlich an. Im Kessel regten sich die totgeglaubten Fische und vollführten einen kecken Tanz, hüpften in die Höhe und wirbelten umher, daß die Jäger vor lauter Angst wie gelähmt das Schauspiel begafften. Das Tosen im Wald schien das eines mächtigen Sturmes zu sein, doch es rührte sich weder Ast noch Wasser. Keine Wolke schwamm im sternübersäten Himmelsmeer, und der Mond stieg in gewohnter Langsamkeit zum Zenit. Da – woher kam das Gemurmle? Die Männer starrten auf den See hinaus; ja, von dort hörten sie es noch einmal: „Es sind nicht alle zuhaus! Es sind nicht alle zuhaus!“

Sie stürzten zum Kessel, packten ihn kurzerhand und schütteten seinen brodelnden Inhalt in den See. Die sprühschuppigen Fische schnellten davon, und augenblicklich herrschte wieder Stille. Sprachlos verharrten die Jäger am Feuer bis der neue Tag anbrach. Sie kehrten zu ihren Königen auf den Dreisesselberg zurück und berichteten von der schrecklichen Erscheinung am See. Die Könige beendeten ihr Gipfeltreffen und verwünschten den Wald, auf daß er Einöde bleibe für ewige Zeiten.


Rezensionen
Lexikon Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur:

Auf besonders für Volkskundler interessante Art und Weise wurden im Sinne der "oral history" Sagen aus dem Mühlviertel zusammengetragen und jeweils auf die betroffenen Orte bezogen. Die überraschende Unmittelbarkeit steht dabei mit manchen Ungereimtheiten in Kontrast; doch eignet sich der Band durchaus für den Einsatz im Unterricht.

(Kommission für Kinder- und Jugendliteratur, 1997 [?])


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