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Kurzbeschreibung

Hrsg. von Josef Kramer


Zur Arbeit ruft des Hahnes Schrei. Er mahnt: »Schnell geht die Zeit vorbei,
nütz' sie und nähr' auch deine Seel', der Tag ist lang, oft gehst du fehl,
eh' der Abend kommt und dich befreit, ward alle Zeit schon Ewigkeit!«

Helmbrecht Gilgenberg

Helmbrecht hieß der goldlockige Erbe eines Meiers, dessen Namen schon viele Ahnen vor ihm trugen. Er war ein Bauernsohn, wie deren viele, die für den Unterhalt der Menschen sorgten, für Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer und Bettelmann. Doch eines hob ihn aus der Bauernschar heraus, sein Stolz, sein Aufputz, den die überschwengliche Mutterliebe ihm angedeihen ließ. Schlußendlich bekam er auch noch das Kostbarste, was Mutters Truhe barg: eine Haube, kunstvoll genäht und bestickt von einer Nonne, die aus dem Kloster geflohen und sich außerhalb der Mauern ein anderes, reicheres Dasein erhoffte. Zwischen feinstem Federschmuck erzählten Bilder von Paris, der durch die Entführung der schönen Helena die Zerstörung Trojas heraufbeschworen hatte, von Roland und anderen Helden, die im Abendland das Heidentum bekämpften und vom freudvollen Leben der Ritter am Hof. Unter diesem Hute wuchs nun ein Recke heran, dessen Sinnen und Trachten einzig dem glanzvollen Schwelgen im leicht erreichbaren Besitztum galt.

Eines Tages trat Helmbrecht an den Vater heran und erklärte ihm sein Ziel. Der Bauer belehrte ihn, sprach vom ehrlichen, sicheren Dasein zuhause, warme vor Hochmut und schändlichem Raub und vor der Vergeltung, die ihm blühe, wenn das Unrecht der Ritter dereinst gerichtet werde. Darauf meinte der jugendliche Dickkopf: »Und mag auch kommen, Vater, was da will: Zur Burg, zur Burg muß ich und bin nicht still. Was hast du denn, wenn du mit vieler Müh' drei Jahre lang ein Rind, ein Fohlen ziehst und doch am End dir keinen Nutzen siehst? Da raub ich sie mir lieber frisch vom Feld. Vom Bauernleben hab ich nun genug, ich passe nicht zur Egge und zum Pflug.«

Der Vater sah, daß solcher Übermut nicht mehr zu halten war. Er verschaffte ihm ein teures Pferd und versuchte noch ein letztes Mal, den starren Sinn zu beugen. Zuallerletzt verriet er ihm ein Traumgesicht: »Ich sah dich arm und ohne Augenlicht. Du kamst mit einem Bein, mit einem Arm zu uns. Im letzten Traum, es ist ein Jammer, hingst du hoch am Galgen.« Auch diese Worte prallten ab am Harnisch seines Sohnes. Der nahm Abschied von Gotelind, der Schwester, dem Vater und der Mutter und sprengte davon in sein Schlaraffenland.

Nach langer Reise kam er ans Ziel. Ein Burgherr, der weitum als arger Bauernschreck bekannt war, nahm ihn in den Dienst. Das Räuberhandwerk war dem Helmbrecht schnell vertraut. Es war wie ein Rausch, das Raffen und das Jagen, doch nach Jahresfrist wollte er dies den Seinen auch sagen. Drum ritt er heim und grüßte mit fremder Fasson.

Der Vater wollte ihn nur dann als seinen Sohn erkennen, wenn er in der Muttersprache mit ihnen redete und als Beweis die Namen seiner Ochsen wüßte. Der Raubritter gab sich als Sohn zu erkennen und genoß danach die großzügige Bewirtung; fast wie in Ritterkreisen schlemmte er, es fehlte nur der Wein. Der Vater wollte wissen, wie jetzt das Leben auf den Burgen verliefe. Als er selbst noch als junger Knecht oft mit Käse und Eiern zu Hof gehen mußte, hatte er die höfischen Sitten von damals gesehen. »Ja, dazumal, ich weiß es noch recht gut, galt edler Sinn und frischer, frommer Mut.«

So sprach der Alte und hörte den Bericht seines Sohnes mit Schauder: »Nur vorwärts immer ohne Rast und Ruh und stich nur fest und hau nur tapfer zu! Den blendest du und dem wird abgehackt der Fuß und dem die Hand, wie ich gesagt. Den hängst du, diesen Reichen fängst du ein, das Lösegeld soll hundert Pfunde sein.« Dann packte er aus und prahlte mit großen Geschenken, vom besten, was der Raub ihm beschieden hatte. Wetzstein und Beil für den Vater, einen Fuchspelz für die Mutter, Schuhe für den Knecht und ein Kopftuch für die Magd; Gotelind bekam ein kostbares, seidenes Band. Nach sieben Tagen zog es ihn wieder fort. Nichts galt ihm des Vaters Rat, doch endlich Vernunft anzunehmen. Im Stillen verriet er der Gotelind das Ansinnen seines Kumpanen Lämmerschling, sie heiraten zu wollen, was immer sie auch als Brautscharz begehre. Dann ritt er, der unter den Räubern Schlingdasgäu hieß, wieder davon …