Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

[Umschlagabbildung: Reinhold Genböck, »Nur einer hat Blickkontakt mit der kleinen rassigen Frau«]

Er tritt auf die Minute pünktlich ein. Heute trägt er einen braunen Mantel, wahrscheinlich aus Kaschmirwolle, dazu braune Lederschuhe und einen passenden braunen Hut. Auch sein Stock ist rotbraun, Rosenholz vielleicht oder Nuss. Er stellt sich an die Bar und trinkt seinen Cognac. Aber statt, wie gewohnt, zu bezahlen und das Lokal zu verlassen, tritt er an meinen Tisch. Fragt, ob er sich setzen dürfe. Ich nicke überrascht. Er räuspert sich, nimmt die dunkle Brille ab und schaut mir direkt in die Augen. Seine sind von einem hellen, wässerigen Blau. Die Haut, die an den Augäpfeln anliegt, ist rot und geschwollen, wie wenn er lange und heftig geweint hätte, und unter den Augen liegen schwarze Schatten. Er wirkt sehr alt, älter noch, als ich vermutete, solange er seine Brille trug. Er räuspert sich noch einmal. Ich weiß, dass Sie Künstler sind, und ich weiß, dass Sie zeichnen. Verfügen Sie über eine akademische Ausbildung?
Ja.
Öl auf Leinwand, können Sie damit umgehen?
Ja.
Wie lange gedenken Sie, in Rom zu bleiben?
Ich weiß nicht, ein paar Wochen, ein paar Monate vielleicht.
Wo leben Sie normalerweise?
In Wien.
Die Schöne an der blauen Donau.
Blau hab‘ ich die Donau noch nie gesehen.
Sie sind ferienhalber in Rom?
Nein, ich … Ich überlege, ob ich ihm erzählen soll, was mich aus Wien vertrieben hat. Lasse es bleiben. Ich bin in Rom, um die Werke der alten Meister im Ori­­ginal zu studieren, Giotto, Leonardo, Raffael, Michelangelo et cetera, sage ich stattdessen, ich be­schäftige mich hauptsächlich mit der Darstellung der Madonna.
Ausgezeichnet, ausgezeichnet! Ich habe mir von den Kellnerinnen sagen lassen, dass Sie gerne Leute, die hier verkehren, porträtieren?
Mein Hauptwerk, erkläre ich, ist das Porträt.
Sehen Sie, sehen Sie, ich habe mich in Ihnen nicht getäuscht. Darf ich Ihnen ein Glas Weißwein offerieren, und vielleicht ein Stück Kuchen? Nein. Gut. Ich möchte Sie nämlich meiner Frau vorstellen.
Sie möchten …?
Ich möchte Sie meiner Frau vorstellen, wiederholt er leise, fast flüsternd, ich möchte, dass Sie sie malen. Nackt. Sie haben im Moment nichts Dringendes vor?
Nackt?
Ja, nackt und mehr. Ich muss wohl ein bisschen ausholen. Darf ich Sie nicht doch zu etwas einladen? Zu einem Cognac vielleicht? Oder einem Prosecco? Ein Bier vielleicht? Was immer Sie möchten. Manuela! Der Herr möchte ein …



Rezensionen
Wolfgang Pauser: Christoph Braendle, „Aus den Augen“

Im Leben kommt es stets anders, als man denkt, und nicht anders verhält es sich in Christoph Braendles neuem Roman. In Aus den Augen wendet sich das Blatt für die Protagonisten immer wieder auf verblüffende Weise. Deshalb darf diese Rezension die Geschichte nicht nacherzählen – wie bei einem Krimi wäre es der Spannung abträglich, vorweg zu verraten, wer der Mörder ist. In Braendles Roman ist es freilich nicht der Tod, sondern sein Gegenspieler Eros, dem die geschilderten Personen nachjagen, um sich schließlich als von ihm Gejagte wiederzufinden. Ein solches Kippen der Verhältnisse widerfährt nicht nur den Akteuren wieder und wieder, sondern auch deren Rollen, Identitäten, Beziehungen und Sichtweisen. Wie in Kurosawas Film „Rashomon“ erzählt jeder Betrachter über die erlebten Ereignisse eine ganz andere Geschichte.

Am Beginn des Romans beauftragt ein alter reicher Mann einen jungen Maler, das Porträt seiner wesentlich jüngeren Gemahlin anzufertigen – ein Ganzkörperporträt, und zwar nackt. Er verspricht ihm ein hohes Honorar, stellt aber die Bedingung, ihm zuvor in aller Ausführlichkeit seine Lebensgeschichte, deren Kern die Liebesgeschichte zu seiner Frau ist, erzählen zu dürfen. Während der Maler anfänglich nur am Geld interessiert ist und ungern zuhört, gerät er nach und nach doch in den Bann dieser Geschichte, um so mehr, nachdem er die Frau kennen gelernt und zu malen begonnen hat. In der Folge geraten die drei Personen in ein Geflecht wechselseitiger Beziehungen und Abhängigkeiten, das mit jeder Wende undurchsichtiger wird.

Ebenso spannend wie die wechselhaften Ereignisse der Dreiecksbeziehung zwischen dem jungen Maler, dem alten Privatier und dessen allzu junger Gattin ist deren Erzählweise. Der Künstler fungiert zwar als Ich-Erzähler, seiner Sprache wird vom Autor jedoch alles Literarische demonstrativ vorenthalten. Im Gegensatz dazu erweist sich der alte reiche Mann als kultivierter Erzähler seiner Lebensgeschichte auf einem hohen sprachlichen Niveau, das im Maler den Verdacht weckt, auf Routine zu beruhen. Als die beiden Männer erstmals ins Gespräch kommen, bricht gleichsam die Literatur herein in die nüchtern berichtete Realität des Ich-Erzählers. Auch die junge Frau des Privatiers wird später ihre Geschichte erzählen, ein Tagebuch wird dem Maler zur Lektüre übergeben und am Ende wird ein Brief noch einmal alles bisher Geglaubte revidieren.

Christoph Braendle verschachtelt Erzählebenen, zitiert Zitiertes und wechselt die Sprechweisen je nach Perspektive. Das Literarische seiner Erzählung liegt in der Selbstthematisierung und Reflexivität des Erzählens. Kunst und Leben, Fantasie und Realität werden gegeneinander ausgespielt, prallen aufeinander und verweben sich schließlich zu einem schillernden Konstrukt, das die Verwirrung des Lesers nahe an die Irrungen der drei Protagonisten heranführt.

Der Roman spielt in Rom, wo der Maler seine Zeit mit zeichnerischen Studien alter Meister verbringt. Dabei wird die Bildende Kunst – neben der Erzählkunst – zu einer zweiten metaphorischen Referenz, die den Fortgang der Ereignisse so sublim wie bedeutungsschwanger begleitet. Vormittags studiert der Maler in den Kirchen schmachtende Marien und hingebungsvolle Pietas, nachmittags zeichnet er die auf ein Sofa hingegossene nackte Frau. Die Bilder der Sinnlichkeit und der hehren Kunst beginnen im seinem Kopf zu verschmelzen, je mehr ihn sein insgeheim längst erwachtes Begehren um den Verstand bringt. Dennoch ist Aus den Augen kein erotischer Roman, sondern ein Roman über den Eros als Treiber und Wender der Schicksale.

Der Autor scheint seine Freude damit zu haben, seinen Lesern immer neue Fallen zu stellen. Er beginnt jede Passage ein wenig klischeehaft und weckt damit Vorurteile und Erwartungen über den weiteren Verlauf, denen er alsbald den Boden unter den Füßen wegzieht. In diesen Kippmomenten verfliegt alles Allgemeine literarischer Narrative und das absolut Einzigartige individuellen Erlebens und Schicksals tritt gleichsam nackt hervor. Im Kontext aktueller Geschlechterdebatten fällt auf, dass die Rolle der Frau anfangs so klassisch angelegt wird, wie es der Figur eines reichen alten Patriarchen vor dem Hintergrund des rein kunsthistorisch betrachteten Roms zu entsprechen scheint. Doch kaum erhebt sich der Verdacht, man lese gerade die erotische Fantasie alter weißer Männer, kippen die scheinbaren Machtverhältnisse in ihr Gegenteil. So viel Selbstermächtigung war nie! Mit De Sade gesprochen wandelt sich die unterdrückte Justine zur souveränen Juliette, das vermeintliche Opfer erweist sich in gleichem Maße als Täterin und die Verführte zieht als Verführerin die Fäden.

Christoph Braendle spielt in Aus den Augen mit literarischen Erwartungsmustern des Lesers, die er selbst aufbaut, um sie dann zu kippen. Alles kommt anders, als man denkt – im Roman wie im wirklichen Leben.

(Rezension: Wolfgang Pauser, Autor und Kulturphilosoph)


https://www.christophbraendle.net/kopie-von-onans-kirchen