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Kurzbeschreibung

Enzyklopädie des Wiener Wissens, Bd. XII. – edition seidengasse


Dieser Band bietet einen Überblick über die Homosexualitätsdiskurse und Lebenswelten der Homosexuellen in Österreich und Deutschland von 1870 bis 1970. Er behandelt damit die Vorgeschichte unserer gegenwärtigen Sicht von Homo- und Heterosexualität. Lesben und Schwule wurden in dieser Zeit von der Majorität der Bevölkerung vorurteilsbehaftet und stigmatisiert wahrgenommen sowie per Gesetz bestraft und polizeilich verfolgt. Der Homosexualitätsdiskurs offerierte gleichgeschlechtlich begehrenden Männern und Frauen aber auch Identifikations- und Subjektivierungsangebote. Viele von ihnen nahmen sich als sexuelle Typen mit bestimmten Eigenschaften und einer eigenen Wesensart wahr und interpretierten sich im Zeichen medizinischer, psychologischer und moralischer Stereotypen und Kategorien. Durch politische Agitation, juristische Intervention, Aufklärungs- und Emanzipationsbewegungen, vor allem aber durch widerständische und eigensinnige Lebensentwürfe und Erfahrungen trugen Homosexuelle über die Jahrzehnte hinweg zur Neuordnung des Denk- und Sagbaren bei und schufen ihre „eigenen“ (Sub-)Kulturen und Lebenswelten.


Gleichgeschlechtlich begehrende Männer und Frauen standen in Österreich und Deutschland über die Jahrhunderte hinweg im Mittelpunkt von Diskursen, die ihre ›Eigenart‹ erklären, regulieren, bestrafen, disziplinieren, heilen, verfolgen, abschaffen, aber auch vernichten wollten. Immer wieder waren jedoch auch Stimmen zu hören, die sich gegen die Stigmatisierung und Ausgrenzung und für eine soziale und rechtliche Emanzipation von gleichgeschlechtlich Begehrenden einsetzten. Ihr gemeinsames Ziel war es, das Denken über die Homosexualität bzw. die Homosexuellen zu verändern, mit Folgen für die Fremd- und Selbstwahrnehmung von Schwulen und Lesben sowie für deren rechtlichen und gesellschaftlichen Status. Manifest wurden die Diskurse, indem man (Straf-)Gesetze erließ oder veränderte, den individuellen und sozialen ›Umgang‹ mit Homosexuellen regelte, polizeiliche Zwangs- und Verfolgungsmaßnahmen setzte oder die Betroffenen zu einer revidierten Selbstsicht animierte. Zwischen 1870 und 1970 ging es dabei zumeist nicht nur um Moral, Anstand und Sitte, sondern auch um die Bewahrung der patriarchalen und politischen Hegemonie, der Geschlechterhierarchie und der ihr zugrunde liegenden Heteronormativität und -sexualität.

Schwule und Lesben hinterließen oft nur deshalb historische Spuren, weil sie in die Fänge von Justiz, Polizei und Medien gerieten oder sich in Schriften und mittels Organisationen gegen die Benachteilung und Verfolgung wandten. Das ist auch der Grund, warum wir über die Breite und Vielfalt schwuler und lesbischer Lebenswelten nur relativ wenig wissen und die Geschichte von gleichgeschlechtlich begehrenden Personen oftmals (nur) durch die ›sexuelle Brille‹ etwa von Gerichtsakten oder Zeitungsberichten lesen (können). Gerade die vorhandenen lebensgeschichtlichen Quellen belegen aber, dass es sich bei den historischen Homosexualitätsdiskursen keineswegs um eine Einwegkommunikation handelte. Durch politische Agitation, juristische Intervention, Aufklärungs- und Emanzipationsbewegungen, vor allem aber durch widerständische und eigensinnige Lebensentwürfe und Erfahrungen trugen Homosexuelle über die Jahrzehnte hinweg zur Neuordnung des Denk- und Sagbaren bei und schufen ihre ›eigenen‹ (Sub-)Kulturen und Lebenswelten.