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Kurzbeschreibung

[artedition | Verlag Bibliothek der Provinz]


Der Zyklus der Buchzeichnungen ist abgeschlossen, die Spurensuche nicht. Sie beginnt mit dem Abbruch der sogenannten „Weitiza“, einer Keusche in einem Dorf im Kärntner Gailtal.

Meinen im Jahr 1877 geborenen Großvater kenne ich nur von einigen Fotografien und erhalten gebliebenen Dokumenten. Eines wurde im Jahr 1919 in Chicago ausgestellt. Es berichtet, dass er anno 1912 via Schiff von Antwerpen aus nach Amerika gereist ist, als Bottler (Flaschenabfüller) arbeitet und aus dem „former Austro-Hungarian Empire“ stammt. Als er zurückgekommen war, konnte er sich mit seinem Verdienst seinen Traum von der eigenen Keusche verwirklichen. Er kaufte die an der Schattenseite des Dorfes gelegene „Weitiza“. Daneben ließ er ein Wirtschaftsgebäude errichten.

Die „Weitiza“, so wie ich sie in Erinnerung habe, bestand aus zwei Räumen. Die Küche: Sparherd, Waschbecken mit Kaltwasser, Esstisch. Augenfällig im Schlafzimmer der Herrgottswinkel, rundum mit Partezetteln tapeziert. Darunter stand der Radioapparat. Der Kachelofen: wie ein auseinandergeschnittener riesiger Schneeball, die flache Seite unten, hie und da grüne Kacheln, die Faustkacheln, hineingedrückt. Zwei Betten. Nachtkastln: die Lade innen mit braunem Packpapier ausgekleidet, ein Wasserglas daraufstehend, in welches die rosa Zahnprothese versenkt werden konnte und auch wurde.

Der Dachboden: die Schusterwerkstatt des Onkels. Bemalte Bauernkästen, die Hochzeitstruhe der Großmutter, Schusterwerkzeug, Leisten in herrlicher Unordnung. Manchmal fand ich eine Schlangenhaut oder das beeindruckende Gebilde eines verlassenen Wespennests, die Spuren der Siebenschläfer und Mäuse. Das Plumpsklo befand sich im daneben gelegenen Wirtschaftsgebäude: zwei im rechten Winkel angeordnete Brettersitze mit kreisrunder Öffnung. Der größere Sitz für die Erwachsenen, der kleine für die Kinder. Das Toilettenpapier: geschnittenes Zeitungspapier.

Mein Onkel übernahm nach dem Tod des Großvaters die Keusche. Er lebte dort alleine.
Der Heimkehrer-Entlassungsschein, ausgestellt 1947 in Wiener Neustadt, berichtet, dass er, der Schustergehilfe, nach über zwei Jahren russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückgekommen ist. Läuse- und seuchenfrei. Heimkehrerspende 50 Schilling, Zigarettenspende 10 Stück. Er war 27 Jahre alt. Arbeit bei der Wildbachund Lawinenverbauung, Kriegsopferrente. Manchmal im Gegengeschäft für ein Essen den Dörflern die Schuhe geflickt, Brennholz aus dem Wald geholt.

Schon vor meiner Schulzeit, später dann in den Ferien, fuhren meine Mutter, meine Schwester und ich manchmal wochenlang auf Besuch zum Onkel. Bei diesen Anlässen übersiedelte er in das sogenannte „Wallfahrerzimmer“, einen bewohnbaren Raum im Wirtschaftsgebäude. Wir zogen in die „Weitiza.“
Von seiner Vergangenheit erzählte der Onkel kaum. Wahrscheinlich fragte ich ihn auch nicht danach, interessierte mich nicht dafür. Meist sprachen die Erwachsenen windisch. („Deitsche Sprache schwere Sprache: Der, Die, Das, Das Die Der Teifl hol.“) Mag sein, ihre Gespräche kreisten auch um die schlechten alten Zeiten und dass es die Kinder einmal besser haben sollen.

Meine Ferien: Freiheit. Entlassen aus der Obhut der Erwachsenen. Diese beschäftigten sich mit ihren Angelegenheiten: die „Weitiza“ frisch ausweißeln, mit einer Walze das Muster an den Zimmerwänden anbringen, die Onkelwäsche waschen, Blechwanne, Waschrumpel, das Entsaften: der Kult um den Holler. („Vor dem Holderbaum sollst du den Hut abnehmen.“) Walderd-, Waldhimbeeren, Schwarzbeeren, die Schwammerlsuche, Kürbisse. Meine kulinarischen Erinnerungen: Maiskolben in der Holzkohlenglut des Sparherds gegrillt, „Das goldene Band“, herrliche Fisolen aus dem Garten. Den Erwachsenen willkommene Unterbrechungen ihrer Tätigkeiten:
schier nicht enden wollende Tratschereien mit den Nachbarn und zahlreichen Besuchern. Wie schon gesagt, oft auf Windisch.
Manchmal schaute der Wegmacher auf seinem Moped vorbei, sein Werkzeug, die Schaufel, auf dem Gepäcksträger quer zur Fahrtrichtung eingeklemmt. Das Moped wurde zur Freude von uns Kindern beim Onkel untergestellt. Dann machte er sich pomali auf den Weg, der auf die Alm führt, um die vom Regen ausgeschwemmten Unebenheiten und Löcher zu begradigen. Hie und da ein verirrter Sommerfrischler, Besuche von Menschen, die ihren Urlaub an ihrem ehemaligen Heimatort verbrachten. Italienische, englische, französische Worte zum ersten Mal bewusst mit Begeisterung aufgeschnappt.
Expeditionen mit den Nachbarskindern in den Wald. Die Hochsitze der Jäger: ideal fürs Indianerspielen. Lianenrauchen oder zumindest so tun als ob. Versteckspiele in den Kukuruz- oder, wie die Dörfler sie nannten, Türkenfeldern. Brennnesseln. Hütten aus Ästen gebaut. Der Vorsatz, darin zu übernachten, scheiterte letztlich am Mut. Die Alten erzählten doch zu drastisch die Sage „Die wilde Jagd“ oder von den Raubrittern von Starhand. Aufgeschürfte Knie, vom Taschenfeitl verletzte Hände wurden mit Schnaps, wenn vorhanden mit „Diana Franzbranntwein mit Menthol“ desinfiziert. „Brennt ab und ist gut.“
Einen der wenigen Fernsehapparate, die es damals gab, besaß die Nachbarin. Er stand in ihrer Küche. Die halbe Umgebung kam mit einem Sessel zum Schauen angerückt. Das Nachmittagsprogramm: manchmal der „Kasperle“, abends in der „Zeit im Bild“ grausige Bilder und Berichte vom Vietnamkrieg. Der Onkel zwei Stationen mit dem Personenzug 3. Klasse ins Kino: „Jesse James – Mann ohne Gesetz“. Bei schönem Wetter, wenn die Dunkelheit hereinbrach, versammelte sich fast die ganze Nachbarschaft auf der Wiese vor der „Weitiza“, um in den Nachthimmel zu starren. Man wollte den „Sputnik“ (erster sowjetischer Satellit) vorbeifliegen sehen. Die Alten sagten beim Anblick des Sternenhimmels, die Sterne seien die Seelen der Verstorbenen.
Die Sonntage: die meisten Männer im Freien vor der Kirchentür stehend, in Tabakrauchwolken gehüllt, mit einem, besser zwei Augen nach dem Gasthaus schielend. Aus dem Kircheninneren der schleppende Gesang von Frauenstimmen, Gemurmel. Die Kirchtage: Standler. Türkischer Honig, Kokosbusserln, Blechspielzeug mit einem Schlüssel zum Aufziehen, Tiere, Panzer, Spielzeugpistolen. Die Verzweiflung darüber, wenn man das Werkl überdreht hatte.
Die verstorbenen Dörfler wurden damals zu Hause aufgebahrt. Manchmal ging der Onkel zur Totenwache, zum Beten. „Gott gib ihnen die ewige Ruh.“ Der Ortsfriedhof, ein paar Schritte von der „Weitiza“ entfernt, Schauplatz dramatischer Begräbnisse.
Die Trauergäste wurden beim Friedhofstor mit Brot empfangen. Der Friedhof selbst: nichts Gespenstisches, ein schöner, mit Liebe gepflegter Garten – zumindest bei Tageslicht. Friedhofsbesuche zu Allerheiligen, Allerseelen. Erinnerung an schneebedeckte Grabhügel. Darauf brannten Kerzen. Die verlöschten zündeten wir Kinder wieder an.

Als der Onkel nicht mehr alleine leben konnte, übersiedelte er in ein Altersheim. Die „Weitiza“ war lange Zeit unbewohnt. Ihrer bemächtigte sich der Schimmelpilz, unmöglich, sie wieder instand zu setzen. Später baute mein Schwager an ihrer Stelle seine Werkstatt. Meine Schwester fand beim Ausräumen der Keusche in der Nachtkastllade des Schlafzimmers und am Dachboden die Bücher. Sie fragte mich, was man mit ihnen machen solle. Von der Schönheit der Bücher fasziniert, verstaute ich sie in einem Karton. Erst Jahre später erinnerte ich mich an sie. Vielleicht war jetzt die Zeit reif geworden, sie in Bilder umzusetzen. Die Bücher der „Weitiza“ sind Religionsbücher auf Deutsch und Slowenisch, Schul-, Sagen-, Märchen- und Sparbücher, ein Buch über das Schusterhandwerk, Haushaltskalender … Zum Lesen damals für mich nicht von Interesse. Die Illustrationen aber mit großen Augen angeschaut. Sie auch liebend gern mit Kritzi Kratzi versehen. Die aufkommenden ausgeborgten Comic-Heftln hatten auf mich naturgemäß die stärkere Anziehungskraft.

Über drei Jahre hinweg brachte ich das, was die Zeitumstände aus diesen Büchern gemacht hatten, zu Papier. Habe sie beobachtet, belauscht. Mit Blei- und Buntstiften, Tintenblei, Aquarellfarben, Ölkreide, Deckweiß, in Mischtechnik sozusagen. Das Zeichenpapier ist einem alten Buchhaltungsbuch entnommen. Ich bemerkte, dass sich der Ordnungsraster – er dient dazu, Zahlen aufzuzeichnen, Abrechnungen zu notieren – zu von mir gewünschten graphischen Resultaten verwaschen ließ. Das konnte ich gut in meine Zeichnungen integrieren. Die Bücher selbst musste ich akribisch abbilden. Verwandelt waren sie ja. Ihren Geruch, ihre Oberflächenlandschaft, das Vergilbte, Spuren von Flüssigkeiten, das Kritzi Kratzi, Notizen, Heftklammern, Leinenstreifen, Fäden, Prägungen … wollte ich darstellen, festhalten.
Als wohlwollende Menschen bemerkten, dass ich diese Bücher zeichnete, brachten sie mir ihre Schätze. Einige davon habe ich den „Weitiza“-Büchern hinzugefügt, eines, handgeschrieben in klassischem Chinesisch, prompt verkehrt vor mich hingelegt und auch so gezeichnet.
Buchobjekte wie welke Blätter, die im Laufe der Zeit eine überraschende Poesie entfaltet haben. Fragmente, kaum noch Schriftstücke, Mischwesen: halb Zeugen menschlichen Daseins, halb bloßes Material, das sich anschickt, in den Kreislauf der Natur zurückzukehren. Diese Mischung aus Hinfälligkeit und Durchhaltevermögen erweckte in mir den Wunsch, sie zu bewahren. Sie wurden vor meinen Augen lebendig, als hätten sie die Empfindungen ihrer ehemaligen Besitzer angenommen und würden damit Zeugnis von der Existenz dieser Menschen ablegen.

Lebendig geworden ist für mich auch eine Welt an einer Zeitenwende, wie ich sie in den Ölbildern und Holzschnitten des Künstlers Werner Berg sehe. Sie erzählen von einem Menschenschlag, der an einer alten agrarischen Lebensform festhält, sich nur zögernd und allmählich von ihr löst.
Am Ende meiner frühen Jugend war ich wenig zu Gast in der „Weitiza“. Im Kofferradio hörte ich mit Hingabe Janis Joplins unter die Haut gehendes Gekreische „Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? … Oh Lord, won’t you buy me a colour TV?“, Bob Dylan sang „The times they are a-changin’ …“
Aufbruchstimmung

(Günter Egger)