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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Christopher Mavrič u. Stefan Schlögl. Autor: Stefan Schlögl, Fotograf: Christopher Mavrič]

„Weil es mich gibt“ porträtiert 24 ältere Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, ihr Leben, ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Sorgen, ihre Arbeit und ihren Alltag. Es sind Erlebnisse und Schicksale, die in dieser Tiefe noch nie in einem Buch versammelt wurden.

Es sind erstaunlich normale Geschichten, die diese Menschen zu erzählen haben, und gerade das macht sie so außergewöhnlich. Sie geben Auskunft über die Suche nach einem Platz in der Familie, der Gesellschaft, nach einem Partner oder einer erfüllenden Arbeit. Hoffnungen und Ziele, die ein Leben eben so ausmachen. Wie bei jedem von uns.

Diese Biographien erzählen aber auch davon, was es heißt, in eine Zeit hineingeboren zu werden, in der es in Österreich so gut wie keine spezialisierten heilpädagogischen Einrichtungen und entsprechend ausgebildeten Ärzte gab. „Geistesschwach“, meist verbunden mit einem lapidaren „da kann man nichts machen“, so lautete in den 1950ern und 1960ern die übliche Diagnose. Das war damals mehr Urteil als Befund.

Viele von ihnen wurden versteckt, als billige Arbeitskraft eingesetzt oder in Nervenheilanstalten abgeschoben. Manche von den Porträtierten, die in der Nazi-Zeit zur Welt kamen und mit dem Stigma behaftet waren, eine „lebensunwerte“ Existenz zu sein, waren gar vom Tode bedroht.

„Weil es mich gibt“ erzählt anhand dieser Biographien also auch die Geschichte des Umgangs der österreichischen Gesellschaft mit Behinderten seit 1945 und davon, wie die Menschen selbst, ihre Familien und Angehörigen ihr Leben in der Nachkriegszeit und den ersten Jahren der Zweiten Republik meistern mussten.

Zu dieser Geschichte gehört aber auch die Gründung von Organisationen und Vereinen, allen voran die Lebenshilfen, die ab den 1970ern Anlaufstelle, Unterstützer und Heimstatt für Menschen mit Behinderungen waren und sind.

Viel ist seitdem geschehen. Längst stehen nicht mehr allein gemäße Verpflegung und Unterkunft im Mittelpunkt, sondern eine möglichst individuelle Förderung und Unterstützung, die Rücksichtnahme auf persönliche Bedürfnisse und Wünsche.

Doch seit einigen Jahren stehen immer mehr Organisationen und Standorte vor einer Herausforderung, die gewissermaßen ein Spiegelbild der österreichischen Gesellschaft ist: Auch diese Menschen werden immer älter.

Wie kann würdevolles, den unterschiedlichen Ansprüchen und Bedürfnissen gerechtes Altern gelingen? Wie können Bindungen an Freunde, Angehörige auch im Alter und im Fall der Pflegebedürftigkeit gewahrt bleiben? Wo sollen die Betroffenen gepflegt werden? In spezialisierten Pflegeheimen? Oder doch in ihrem gewohnten Umfeld? Und wie gehen sie selbst mit altersbedingten Problemen um?

Es sind Fragen, die uns alle irgendwann einmal angehen. Im Bereich der Betreuung von intellektuell Beeinträchtigten sind sie noch viel schwieriger zu beantworten.

„Weil es mich gibt“ erzählt entlang der Biographien also auch von einem der größten Umbrüche, vor denen alle Vereine und Organisationen im Bereich der Förderung und Unterstützung von Behinderten in Österreich stehen. 「…」


Für weitere Informationen zu Buch und Projekt siehe www.weilesmichgibt.at



Rezensionen
Stefan Schlögl: Leben als Behinderter: „Darf ich auch was fragen?“

24 Biografien von älteren Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in einem Porträtband: Bei einem der Protagonisten verlief die Recherche anders als erwartet.

An der Tür ein rotes Schildchen, das den Bewohner als „Prof. Dr. Johann Fastl, Kirchenexperte Nr. 1“ ausweist. Das Zimmer gibt Zeugnis von einem rastlosen Geist. Mehrere Kartons auf dem Schreibtisch, in denen sich Fotos, Ansichtskarten, Info-Broschüren von Kirchen, Klöstern und anderen heiligen Orten stapeln. Daneben sind Marien-Statuetten, Nippes aus einschlägigen Wallfahrtsorten und mehrere Fläschchen Weihwasser postiert. Die letzten freien Plätze belegen aufgeschlagene Zeitungen und Zeitschriften.

Fastl, festes Bäuchlein, neugierige Augen, gibt kurz über sich Auskunft. Gebürtiger Kärntner, Vater Straßenarbeiter, Mutter Hausfrau, Hauptschulabschluss. Lebt seit einigen Jahren im Föhrenhof, einem Wohnhaus der Lebenshilfe im südsteirischen St. Nikolai im Sausal. Wenn er nicht über Zeitungen und heiligen Schriften brütet, sackelt er in der ein paar Kilometer entfernten Tageswerkstätte Schrauben ein. Ein Brotjob offensichtlich, um Betreuer und Mitbewohner über seine wahre Berufung im Ungefähren zu lassen. Dann rutscht er an die Kante seines Schreibtischsessels und legt die Hände auf die Knie. Schaut einen an. Wie ein Wissenschafter, der ein verheißungsvolles Exponat begutachtet. „Darf ich auch was fragen“, hebt der 73-Jährige mit einem Mal an, während er sein Gegenüber durch dicke Brillengläser hindurch taxiert. „Sicher, fragen Sie.“

Johann Fastl: Woher kommen Sie?
Stefan Schlögl: Aus Wien.
Fastl: Ich schau immer „Wien Heute“. Wie heißt die Moderatorin? Wie heißt die?
Schlögl: Das weiß ich momentan nicht.
Fastl: Ah. Jetzt weiß ich's!
Schlögl: Und, wie heißt sie?
Fastl: Mir fällt's gerade nicht ein. Wie lang fährt man nach Wien?
Schlögl: Zweieinhalb Stunden ungefähr.
Fastl: Und wie lang nach Amerika?
Schlögl: Sieben Stunden Flug, würde ich sagen.
Fastl: Und nach Niederösterreich?
Schlögl: Eine gute Stunde, vielleicht ein wenig mehr.
Fastl: Schauen Sie, meine Armbanduhr, die hab ich zur Firmung in Seckau bekommen. Mein Firmpate war ein Dampfplauderer. Ist ein Dampfplauderer etwas Schlechtes?
Schlögl: Etwas anstrengend vielleicht.
Fastl: Ist ein Dampfplauderer ein Egoist?
Schlögl: Schwierig zu sagen. Wahrscheinlich schon.
Fastl: Ist ein Ich-Mensch ein Egoist?
Schlögl: Absolut. Herr Fastl, darf ich Sie fragen, wie …
Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch mal?
Schlögl: Die von „Wien Heute“? Ich schau jetzt im Handy nach. Moment. Ah, da hab ich's. Meinen Sie Elisabeth Vogel?
Fastl: Richtig! Ist die aus Wien?
Schlögl: Einen Moment. Ja, die ist Wienerin, vorher war sie bei „Steiermark Heute“.
Fastl: Wie alt war sie da?
Schlögl: Ungefähr dreißig. Warum?
Fastl: Und wie groß ist der Altersunterschied zwischen mir und ihr?
Schlögl: Ungefähr zwanzig Jahre.
Fastl: Ich mag Blondinen. Auch die Hannelore Veit aus dem Fernsehen.
Johann Fastl zeigt auf eine Foto-Collage, die hinter Glas an der Wand hängt. Hannelore Veit als ORF-Korrespondentin in den USA, als „Zeit im Bild“-Moderatorin, dazwischen einige Heino-Bilder.
Schlögl: Schauen Sie eigentlich nur Nachrichten oder auch Filme, Herr Fastl?
Fastl: Ich mag Western. Und Freddy Quinn. Lebt Freddy Quinn noch?
Schlögl: Ich glaube schon.
Fastl: Wo ist er zur Welt gekommen?
Schlögl: Im Waldviertel, das weiß ich zufällig.
Fastl: Letzte Woche bin ich von meiner Schwester abgeholt worden, wir wollten in ein Kloster, aber das war geschlossen, also sind wir zum Stift Seitenstetten gefahren.
Schlögl: Das ist doch im Waldviertel?
Fastl: Genau. Da, wo der Freddy Quinn herkommt. Wie alt ist Hannelore Veit?
Schlögl: Das weiß ich jetzt wirklich nicht, Herr Fastl.
Fastl: In Seitenstetten haben wir Kaffee getrunken und Torte gegessen.
Schlögl: Und haben Sie sich auch das Stift angesehen?
Fastl: Ja. Wann ist es drei Uhr?
Schlögl: In einer halben Stunde.
Fastl: Amerika gefällt mir wirklich sehr, sehr gut.
Schlögl: Waren Sie schon mal dort, Herr Fastl?
Fastl: Nein. Sind wir schon fertig mit dem Reden?
Schlögl: Wir unterhalten uns, solange Sie wollen.
Fastl: Ich bin ein Trottel.
Schlögl: Das glaube ich nicht.
Fastl: Das hat ein Lehrer zu mir gesagt. Der hat gemeint: „So einen Trottel haben wir gerade noch gebraucht.“ Gestern habe ich mich mit Gerti gestritten.
Schlögl: Aber das ist hoffentlich wieder vorbei, oder?
Fastl: Ja. Aber Marianne, die ist eine sehr liebe Frau. Wann sind die nächsten Weihnachten?
Schlögl: In einigen Wochen.
Fastl: Im 64er-Jahr war ich mit meiner Mutter beim Doktor. Der hat gesagt: „Da oben ist er nicht ganz beinand.“
Schlögl: Und was hat Ihre Mutter dazu gesagt?
Fastl: Das wird sich vielleicht noch geben, hat sie gemeint. Da war ich 19 Jahre alt. Meine Mutter ist 1986 gestorben. Schlaganfall. War schlimm. Was ist ein Schlaganfall?
Schlögl: Das kann ich so schnell gefragt auch nicht genau erklären. Blutbahnen sind plötzlich verstopft, und dann bekommt man einen Schlaganfall.
Fastl: Danach bin ich zu meiner Tante Sophia gekommen. Bei ihr war ich, bis sie ebenfalls gestorben ist. Sie war sehr alt. Über neunzig. Vor zehn, elf, zwölf Jahren war das.
Schlögl: Und dann sind Sie in dieses Wohnhaus gekommen?
Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch einmal? Gleich weiß ich's!
Schlögl: Elisabeth Vogel.
Fastl: Wie alt muss man sein, um einen Revolver besitzen zu dürfen?
Schlögl: Ich glaube, 18 Jahre, aber man muss einen Waffenschein machen.
Fastl: Ich hab einen Revolver, da in der Schublade.
Schlögl: Den will ich sehen!
Fastl zieht energisch Schreibtischschubladen auf. Schiebt Krimskrams zur Seite, wühlt in Fotos und Ansichtskarten – und ist sichtlich überrascht, dass da kein Revolver ist.
Fastl: Hm. Maria Taferl gefällt mir sehr gut. In der Kirche haben sie so schön die Orgel gespielt, als wir dort waren. Wie spät ist es?
Schlögl: Kurz vor drei.
Fastl: Dann gibt's jetzt die Jause. Gehen wir.
Schlögl: Selbstverständlich.
Fastl: Wie heißt die Moderatorin?
Schlögl: Elisabeth Vogel.
Fastl: Ich weiß. Hat's gepasst, was ich gesagt habe?
Schlögl: Auf alle Fälle.

(Johann Fastl im Gespräch mit Stefan Schlögl, erschienen im Standard vom 24. November 2018)


https://derstandard.at/2000092085913/Leben-als-Behinderter-Darf-ich-auch-was-fragen


Stefan Schlögl: Jetzt, da sie älter sind

Leben mit Behinderung – Die Lebenserwartung von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung steigt. Doch wo und wie sollen sie in Würde altern?

Christa Kovacic ist keine Frau, die sich von ihren Erinnerungen überraschen lassen will. In dem kleinen, überordentlich aufgeräumten Zimmer der 78-Jährigen finden sich weder Fotos an den Wänden, noch breiten sich irgendwo Mitbringsel oder Billetts aus, diese kleinen Memorabilien, die sich meist im Laufe eines Lebens ansammeln.

Alles in Kovacic’ Refugium, das im Wohnhaus der Lebenshilfe im steirischen Trofaiach liegt, ist auf das Heute ausgerichtet. In der Gegenwart fühlt sich die zartgliedrige Dame mit dem mädchenhaften Glanz in den Augen am wohlsten. Die Vergangenheit hat sie sorgsam in der untersten Schublade einer Kommode verräumt. Fotoalben, Briefe, Dokumente: ein dicker Packen Leben.

Nicht viel hätte jedoch gefehlt, und bloß ein paar Blätter würden ihr Dasein bezeugen. 1940 kam Christa Kovacic in Leoben mit einer geistigen Beeinträchtigung zur Welt, in jenem Jahr, in dem die nationalsozialistischen Rassenfanatiker die „Aktion T4“, die Vernichtung allen „lebensunwerten Lebens“, auf den Weg brachten. 30.000 Menschen mit „seelischen und geistigen Behinderungen“ wurden bis 1945 allein in Österreich ermordet. Dass die kleine Christa im Schatten der Hüttenwerke in Leoben-Donawitz, einem der größten Rüstungsschmieden des „Dritten Reichs“, überlebte, war eigentlich ein Wunder.

Drei Jahre war das Mädchen alt, als sich nicht mehr verleugnen ließ, dass es nicht so war wie ihre Altersgenossen, dass es einfach länger brauchte, um gehen und sprechen zu lernen. Also gab man Kovacic 1944 weg, zur Großmutter, ins nahe Trofaiach. Die hielt in ihrem Haus bereits andere Kinder versteckt, die nicht dem rassischen Reinheitsgebot entsprachen.

„Ich war wirklich glücklich damals“, sagt Christa Kovacic. Ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit, das sie erst Jahrzehnte später wieder erfahren würde. Auch im Nachkriegsösterreich war kein Platz für eine wie sie, schon gar nicht in ihrem Elternhaus. Nach der Volksschule wurde sie in mehrere Heime abgeschoben, mit Anfang zwanzig fand sie in einem Verteillager der Post in Wiener Neustadt Arbeit, ihre Bleibe war in einer Baracke am Areal. „Ich mochte meine Arbeit“, sagt sie mit einem Lächeln – das aber mit einem Mal in sich zusammenfällt, als die Sprache auf ihren Vorgesetzten kommt. Nicht nur er habe sie bedrängt, erzählt sie, auch andere. „Ich hab immer Nein gesagt, hab mich gewehrt, aber …“ Christa Kovacic verstummt, will nicht in den Abgrund hinter diesem „aber“ blicken.


Noch vor 40 Jahren erreichten Menschen mit Trisomie 21 selten das 25. Lebensjahr

Mit Anfang dreißig kehrte Kovacic ins Leobener Elternhaus zurück, kümmerte sich um den Haushalt, bügelte und kochte, räumte die leeren Bier- und Schnapsflaschen weg, die der Vater hinterließ, stumme Zeugen der ständigen Streitereien ihrer Eltern.

Als der Haustyrann starb, war die Tochter 51 Jahre alt, danach kümmerte sie sich noch acht Jahre lang um ihre sieche Mutter. Viel Leben, viel Arbeit für eine Frau, die mit dem Stigma aufwuchs, „schwachsinnig“ zu sein.

Nun geht Christa Kovacic auf ihren Achtziger zu – und ihr Schicksal, ihre Erfahrungen stehen sinnbildlich für eine Generation von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung, die zum ersten Mal in der Geschichte seit 1945 ein höheres Lebensalter erreicht. Eine Entwicklung, die Betroffene, Organisationen und sozial engagierte Vereine wie Lebenshilfen, Caritas oder Diakonie, vor allem aber den Sozialstaat vor große Herausforderungen stellen wird.

Alters- und Sozialforscher rechnen bis zum Jahr 2030 mit einer Verzehnfachung der Zahl der über Sechzigjährigen mit intellektueller Beeinträchtigung. Exakte Zahlen lassen sich für Österreich schwer hochrechnen, da Daten über die Altersstruktur der insgesamt 85.000 Menschen mit geistiger Behinderung fehlen.

Doch allein bei den Lebenshilfen, dem mit aktuell 11.000 Klienten größten Behindertenverband, wären in zehn Jahren mehr als 6.500 Menschen älter als 60 Jahre. Wo sollen sie versorgt werden, wenn die medizinischen Möglichkeiten in den Wohnhäusern nicht mehr ausreichen? In eigenen Seniorenunterkünften? Oder, preisgünstiger, im ganz normalen Pflegeheim? Und wer kommt für die steigenden Kosten für speziell adaptierte Gebäude, für das zusätzliche Betreuungspersonal auf?

Fragen, die auch im Grazer Stadtteil Geidorf angekommen sind. Dort wohnt Andreas Arnold. Sein Zimmer in einem Wohnhaus für geistig beeinträchtigte Senioren hat er im Laufe der Zeit in eine behagliche Studierstube verwandelt. Unzählige Zeitungsausschnitte hängen an den Wänden, in der Mitte steht ein nahezu raumfüllender, mit Notizblöcken und Zeitschriften vollgeräumter Schreibtisch, dahinter im Lehnstuhl sitzt ein akkurat gescheitelter Herr im Streifenhemd, das Kinn etwas nachdenklich im rechten Handballen versunken. 59 Jahre ist dieser Mann, der mit Trisomie 21 auf die Welt kam.

Damit ist der Grazer eigentlich ein Methusalem. Noch vor vierzig Jahren erreichte kaum einer mit dieser Behinderung das 25. Lebensjahr, doch dank frühzeitiger Therapie der Krankheiten und einer insgesamt verbesserten Unterstützung liegt die Lebenserwartung mittlerweile bei 65 Jahren. Diese positive Entwicklung hat jedoch Schattenseiten: Menschen mit Trisomie 21 haben eine ungleich höhere Wahrscheinlichkeit, im Alter an Demenz zu erkranken. Auch Andreas Arnold ist davon betroffen.

Immer öfter zieht sich der früher so aufgeweckte, gesellige Typ in sein Zimmer zurück. Schläft viel, dämmert vor sich hin. Eine Abdrift, aus der ihn die Betreuer immer wieder zurückzuholen suchen. Mit regelmäßigen Gedächtnistrainings, mit Wortübungen, aber auch mit Gesprächen, die ihm vergangene Ereignisse wieder in Erinnerung rufen. Während Arnold vor einigen Jahren noch sein Leben in der Wohngruppe am Rosenhain – so gut es eben ging – selbst gestaltete, kleine Besorgungen erledigte und tatkräftig im Wohnhaus mithalf, ist er nun immer öfter auf Zuwendung, ja auch auf Pflege angewiesen.

Und damit steigt, je älter und gebrechlicher Menschen wie Andreas Arnold werden, der Aufwand für die Organisationen insgesamt: Bislang etwa waren die Dienstpläne der meisten Wohnhäuser darauf ausgerichtet, dass der Betrieb tagsüber, während die Klienten ihre Zeit in den Tageswerkstätten verbrachten, für einige Stunden ruhte. Doch mittlerweile wollen oder müssen immer mehr Ältere aufgrund körperlicher Gebrechen zu Hause bleiben. Ebenso sind immer mehr Einrichtungen aufgrund des höheren Pflegebedarfs gezwungen, auch während der Nacht den Dienst aufrechtzuerhalten. Aber nicht nur beim Personal kommen in den nächsten Jahren auf die Behindertenorganisationen enorme Kosten zu, auch eine entsprechende Ausstattung der Wohnbereiche sowie der Fahrzeuge belastet die Budgets der Träger zusätzlich.

Gleichzeitig jedoch wird der Beitrag jener geringer, die bislang das Fundament der Behindertenbetreuung waren: die unmittelbaren Angehörigen, vor allem die Eltern. Die sind mit ihren Kindern gealtert und teils hochbetagt. Wer da wen im gemeinsamen Haushalt pflegt, wem tagtäglich hilft – das lässt sich in vielen Fällen gar nicht mehr so genau sagen. Gewiss ist bloß, dass in Zukunft für immer mehr Betroffene ein Platz in einem speziell auf die Bedürfnisse von intellektuell oder körperlich Beeinträchtigten ausgerichteten Haus gefunden werden muss.


Der Traum vom Lebensabend mit der Familie endete bei einem Verkehrsunfall vor 25 Jahren

Katharina Trattner lebt in so einem Haus. In selbstbewusstem Dottergelb breitet sich das einstöckige Gebäude der Lebenshilfe mitten im Grünen aus. Seit fünf Jahren wohnt die 60-Jährige hier nahe des weststeirischen Städtchens Murau. Im Erdgeschoss des Neubaus reihen sich helle Räume aneinander, eine Kreativwerkstatt, eine „basale Gruppe“ für jene, die durchgängiger Pflege und Unterstützung bedürfen.

28 Menschen verbringen hier den Tag, viele von ihnen wohnen in einem der Zimmer im ersten Stock, so auch Katharina Trattner. Die Beine stecken in dicken weißen Stützstrümpfen, die Füße in groben orthopädischen Schuhen, der Oberkörper ist im Rollstuhl festgegurtet – bei so gut wie allen Verrichtungen ist sie auf Unterstützung angewiesen.

Auch das Sprechen fällt ihr nicht leicht. Beharrlich nimmt sie, während sie einen mit neugierigen, wachen Augen ansieht, immer wieder neue Anläufe, um Laute zu artikulieren, die nicht nur Äußerungen, sondern Sprache sind. Vor einigen Jahren noch hat die Steirerin im Haus ihres Sohnes, in einer eigens eingerichteten Wohnung, ihren Alltag bewerkstelligen können. Dann ließ der Körper, auch der Geist, immer mehr nach – bis Trattner ihrem Sohn nicht mehr zur Last fallen wollte. Das habe sie gespürt, sagt diese Frau, die einen speziellen Blick auf sich, auf ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten, auch auf das Leben im Alter hat. Vielleicht weil sie sich noch daran erinnern kann, wie sie sich vor Jahren ihren eigenen Lebensabend einmal vorgestellt hat. Im Schoß ihrer Familie im selbst gebauten Eigenheim.

Der Traum endete jäh an einem Augusttag vor 25 Jahren. Bei einem Verkehrsunfall erlitt die Mutter zweier Kinder schwere Hirnschäden, ihr Körper war halbseitig gelähmt. Jahre dauerte es, bis sie wieder gehen und sprechen lernte. Nie hat sie sich aufgegeben, hat sich stattdessen wieder ein eigenes Leben erkämpft, ein anderes zwar als jenes, das sie vorher führte. Das sie aber schließlich an einen Ort führte, an dem sie glücklich ist – und an dem sie alt werden möchte.

Bedächtig schürft Frau Trattner nach den richtigen Worten: „Ich bin wirklich gern hier. Ins Pflegeheim zu gehen, daran will ich gar nicht denken“, sagt sie schließlich. „Ich hoff, ich kann noch lange hier bleiben.“ Bei ihren Kolleginnen und Kollegen unten in der Werkstatt, in der sie noch immer Tag für Tag farbenfrohe, dicke Schals knüpft, bei dem Betreuer, der sie beim Mittagessen im Speisesaal mit ein paar milden Scherzen aufmuntert, in ihrem Zimmer, in dem sie immer wieder ihre alten Fotoalben hervorzieht, um darin zu blättern. All das, die Freunde, die vertraute Umgebung, will Katharina Trattner, wenn es ihr einmal schlechter gehen sollte, nicht hinter sich lassen. So wie Andreas Arnold in Graz. Wie Christa Kovacic in Trofaiach. So wie wir alle.


24 ältere Menschen mit geistiger Beeinträchtigung haben der Autor Stefan Schlögl und der Fotograf Christopher Mavrič in ihrem Buch „Weil es mich gibt“ (Verlag Bibliothek der Provinz, 2018) porträtiert. Die Fotografien sind bis 3. Februar im GrazMuseum zu sehen.

(Stefan Schlögl in Der Zeit Ausgabe Österreich Nr. 5/2019 vom 24. Januar 2019, S. 12)


https://www.zeit.de/2019/05/leben-behinderung-altern-wuerde-lebenserwartung-geistige-beeintraechtigung


Michael Eham: »Sie haben mir alle vertraut und mich aufgenommen wie einen alten Freund«

Die Lebenserwartung geistig behinderter Menschen nähert sich dank vieler Fortschritte bei Medizin und Betreuung immer mehr der Gesamtbevölkerung an. Christopher Mavrič hat für ein Buchprojekt österreichische Senioren mit Behinderung porträtiert und erzählt Geschichten von außergewöhnlicher Normalität.

Name: Christopher Mavrič
Geboren: 1985 in der Steiermark
Wohnort: Wien
Ausbildung: Studium zum Informationsdesigner an der FH Joanneum Graz und Ausbildung an Friedl Kubelkas Schule für künstlerische Fotografie
Website: www.c-mavric.at


SZ-Magazin: Woher kam Ihre Inspiration, mit älteren Menschen mit Behinderung zu arbeiten?
Christopher Mavrič: Als mir die »Lebenshilfe« in Graz das Projekt vorgeschlagen hat, war ich am Anfang etwas verunsichert. Ich habe mich an zwei meiner Großeltern erinnert, die am Ende ihres Lebens pflegebedürftig und schon sehr gebrechlich waren. So erinnere ich mich auch an sie. Ich wollte die Bilder von den behinderten Seniorinnen und Senioren dann so machen, wie ich gerne an die eigenen Großeltern zurückdenken möchte.

Wie haben Sie das in den Fotos umgesetzt?
Ich habe versucht, den ganzen Alltag der Pflege und Therapie beiseite zu lassen, um mit der Schwarzweißfotografie einen ganz direkten und unmittelbaren Zugang zu den Menschen zu schaffen. Dabei wollte ich einfach keine Ablenkungen, wie ein Bett oder eine Gehhilfe, die den Blick auf den Menschen verstellen, dann ist die emotionale Komponente viel unmittelbarer. Mir war auch wichtig, dass oft die Hände der Menschen mit im Bild sind.

Warum?
Weil ich zeigen wollte, dass all diese Menschen eigenmächtig handeln können.

Wie war die Stimmung bei den Treffen?
Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kitschig, aber wenn du in so eine Werkstatt der Lebenshilfe reingehst, dann ist da so eine Stimmung, dass du kurz glaubst, du bist aus allem, was Alltag bedeutet heraußen. Ich war total begeistert wie die Leute sich darauf gefreut haben und den Fototermin als ihren Höhepunkt an diesem Tag gesehen. Sie haben mir alle vertraut und mich aufgenommen wie einen alten Freund. Das war ziemlich inspirierend und eine sehr schöne Erfahrung.

Welche Begegnung hat Sie besonders beeindruckt?
Mich haben eigentlich alle beeindruckt, aber ganz besonders war Karl Fellner. Ich bin nach einer mehrstündigen Autofahrt an der Werkstätte der Lebenshilfe angekommen und habe die Leitung gesucht. Da kam ein rüstiger, älterer Herr auf mich zu und stellte sich vor. »Servus, I bin da Koarl!« Und das mit so einem Nachdruck, dass ich im ersten Moment total davon überzeugt war, dass er ein Mitarbeiter der Lebenshilfe ist.

Was haben Sie über das eigene Leben gelernt?
Das Leben ist kostbar und zerbrechlich, muss man es jeden Tag voll auskosten. Und, dass der Ausdruck »Mensch mit Behinderung« bedeutet, dass diese Leute nur durch die Unfähigkeit der Gesellschaft, sich auf die besonderen Bedürfnisse der Menschen einzustellen, »behindert« werden.

In Ihrem Buch erwähnt Ihr Co-Autor Stefan Schlögl auch die Geschichte des Umgangs der österreichischen Gesellschaft mit behinderten Menschen. Hatten Sie das während des Fotografierens im Hinterkopf?
Ganz ehrlich, ich versuche, im Hier und Jetzt zu sein und lege meine volle Aufmerksamkeit auf das Gegenüber. Aber es ist auf jeden Fall besonders, dass diese Generation die erste ist, die nach dem zweiten Weltkrieg und dem Euthanasiewahnsinn so alt werden darf und kann, auch weil die Medizin so weit fortgeschritten ist.

Haben diese Menschen ihren Platz in der Gesellschaft gefunden?
Definitiv. Wenn Sie als Betrachter in diesen Fotos Zufriedenheit, Glück und Vertrauen spüren, dann ist das natürlich in erster Linie die Leistung der Menschen selbst, aber auch von den Mitarbeitern der Lebenshilfe und den Angehörigen.


Christopher Mavrič hat vergangenen Dezember gemeinsam mit Stefan Schlögl das Buch »Weil es mich gibt« herausgebracht. Die Porträtsammlung ist beim Verlag Bibiliothek der Provinz erhältlich.

(Interview: Michael Eham, erschienen im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 14. Februar 2019)


https://sz-magazin.sueddeutsche.de/neue-fotografie/sie-haben-mir-alle-vertraut-und-mich-aufgenommen-wie-einen-alten-freund-86814


Elisabeth Mittendorfer: Behinderte Menschen im Porträt: „Was bedeutet schon normal?“

24 behinderte Menschen erzählen in einem neuen Buch aus ihrem Leben. Ihr Älterwerden bedeutet neue Herausforderungen.

Nach einem schweren Autounfall musste Katharina Trattner mit Ende dreißig noch einmal ganz von vorne anfangen: ein zweites Mal in ihrem Leben essen, sprechen, lesen und schreiben lernen. Der 60-Jährigen ist es trotz schwerer Gehirnschäden und einer halbseitigen Lähmung gelungen, ihr Leben neu zu erfinden. Nachzulesen ist ihre Biografie in dem Buch „Weil es mich gibt“. Der Autor Stefan Schlögl und der Fotograf Christopher Mavrič haben für dieses 24 ältere Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung getroffen und porträtiert.


KURIER: Was kann man von den Geschichten lernen?
Stefan Schlögl: Dass wir manchmal Dinge und Ereignisse für bedeutsam erachten, die im großen Gesamtgefüge völlig irrelevant sind. Mir war wichtig, keine unmittelbare Betroffenheit auszulösen, sondern diesen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Ihre Geschichten sollen zeigen, wie man mit Lebenskrisen umgeht und dass man sie nur gemeinsam lösen kann.

Die Biografien zeugen auch vom Umgang der österreichischen Gesellschaft mit Behinderten seit 1945.
Ja, sie erzählen davon, wie mit sozial Schwächeren umgegangen wurde – ob mit oder ohne Behinderung. Es hat damals häufig ein Wegschieben, ein Verdrängen und ein Verstecken stattgefunden. Einigen Menschen aus dem Buch ist es so ergangen, weil sie niemanden gehabt haben oder weil die Eltern gar nicht gewusst haben, an wen sie sich wenden sollen.

Wann hat sich die Situation für diese Menschen verbessert?
In den 70er-Jahren sind durch das Engagement von Angehörigen und deren Verwandten und Bekannten Institutionen wie die Lebenshilfe entstanden. Sie haben Möglichkeiten gesucht und auch gefunden, diese Menschen zu integrieren. Davor ist es hauptsächlich um Verwahrung gegangen und nicht um Unterstützung oder Förderung.

Wie sind die Gespräche abgelaufen?
Völlig anders, als ich es bislang als Journalist gewohnt war. Ich bin manchmal vier bis fünf Stunden bei den Menschen gesessen, bis wir eine gemeinsame Sprache gefunden haben.
Das Erstaunlichste für mich war, dass ich auf unglaublich starke Persönlichkeiten getroffen bin, die mich regelrecht geleitet haben. Meine Gegenüber hatten oft recht fixe Vorstellungen davon, wie sie sich selbst, ihre Biografie darstellen wollen.

Das Buch thematisiert die Frage, wie intellektuell Beeinträchtigte würdevoll altern können. Was sind die Herausforderungen?
Da diese Menschen heute aufgrund besserer Versorgung und Förderung älter werden, müssen wir uns mit denselben altersdemografischen Herausforderungen auseinandersetzen, mit denen auch wir konfrontiert sind. Neben dem Bedarf nach spezieller Pflege haben sie zu ihrer intellektuellen Beeinträchtigung – wie andere alte Menschen auch – mitunter chronische Beschwerden, beispielsweise Diabetes. Dazu kommen spezifische Erkrankungen. Menschen mit Trisomie 21 hatten noch vor 30 Jahren eine Lebenserwartung von etwa 35 Jahren. Mittlerweile können sie bis zu 60 werden, leider ist bei dieser Gen-Mutation die Gefahr einer Demenz sehr hoch. Es braucht dann ganz andere Pflege- und Betreuungsstrukturen als im normalen Altersheimbetrieb.

Was nehmen Sie persönlich aus dieser Erfahrung mit?
Am Ende dieses Buches habe ich mich gefragt: „Wer ist jetzt eigentlich normal und wer ist behindert?“ Mit der Frage, was Normalität ist, beantwortet sich für mich auch die Frage, was Integration ist. Integration bedeutet ja nicht, dass ich irgendjemanden als normal anerkenne, sondern dass jeder Mensch ganz selbstverständlich Teil unserer Gesellschaft ist.

(…)

(Elisabeth Mittendorfer im Gespräch mit Stefan Schlögl, erschienen im Kurier vom 23. Dezember 2018)


https://kurier.at/leben/behinderte-menschen-im-portraet-was-bedeutet-schon-normal/400360070