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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Christopher Mavrič u. Stefan Schlögl. Autor: Stefan Schlögl, Fotograf: Christopher Mavrič]

„Weil es mich gibt“ porträtiert 24 ältere Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung, ihr Leben, ihre Erfahrungen, Sehnsüchte und Sorgen, ihre Arbeit und ihren Alltag. Es sind Erlebnisse und Schicksale, die in dieser Tiefe noch nie in einem Buch versammelt wurden.

Es sind erstaunlich normale Geschichten, die diese Menschen zu erzählen haben, und gerade das macht sie so außergewöhnlich. Sie geben Auskunft über die Suche nach einem Platz in der Familie, der Gesellschaft, nach einem Partner oder einer erfüllenden Arbeit. Hoffnungen und Ziele, die ein Leben eben so ausmachen. Wie bei jedem von uns.

Diese Biographien erzählen aber auch davon, was es heißt, in eine Zeit hineingeboren zu werden, in der es in Österreich so gut wie keine spezialisierten heilpädagogischen Einrichtungen und entsprechend ausgebildeten Ärzte gab. „Geistesschwach“, meist verbunden mit einem lapidaren „da kann man nichts machen“, so lautete in den 1950ern und 1960ern die übliche Diagnose. Das war damals mehr Urteil als Befund.

Viele von ihnen wurden versteckt, als billige Arbeitskraft eingesetzt oder in Nervenheilanstalten abgeschoben. Manche von den Porträtierten, die in der Nazi-Zeit zur Welt kamen und mit dem Stigma behaftet waren, eine „lebensunwerte“ Existenz zu sein, waren gar vom Tode bedroht.

„Weil es mich gibt“ erzählt anhand dieser Biographien also auch die Geschichte des Umgangs der österreichischen Gesellschaft mit Behinderten seit 1945 und davon, wie die Menschen selbst, ihre Familien und Angehörigen ihr Leben in der Nachkriegszeit und den ersten Jahren der Zweiten Republik meistern mussten.

Zu dieser Geschichte gehört aber auch die Gründung von Organisationen und Vereinen, allen voran die Lebenshilfen, die ab den 1970ern Anlaufstelle, Unterstützer und Heimstatt für Menschen mit Behinderungen waren und sind.

Viel ist seitdem geschehen. Längst stehen nicht mehr allein gemäße Verpflegung und Unterkunft im Mittelpunkt, sondern eine möglichst individuelle Förderung und Unterstützung, die Rücksichtnahme auf persönliche Bedürfnisse und Wünsche.

Doch seit einigen Jahren stehen immer mehr Organisationen und Standorte vor einer Herausforderung, die gewissermaßen ein Spiegelbild der österreichischen Gesellschaft ist: Auch diese Menschen werden immer älter.

Wie kann würdevolles, den unterschiedlichen Ansprüchen und Bedürfnissen gerechtes Altern gelingen? Wie können Bindungen an Freunde, Angehörige auch im Alter und im Fall der Pflegebedürftigkeit gewahrt bleiben? Wo sollen die Betroffenen gepflegt werden? In spezialisierten Pflegeheimen? Oder doch in ihrem gewohnten Umfeld? Und wie gehen sie selbst mit altersbedingten Problemen um?

Es sind Fragen, die uns alle irgendwann einmal angehen. Im Bereich der Betreuung von intellektuell Beeinträchtigten sind sie noch viel schwieriger zu beantworten.

„Weil es mich gibt“ erzählt entlang der Biographien also auch von einem der größten Umbrüche, vor denen alle Vereine und Organisationen im Bereich der Förderung und Unterstützung von Behinderten in Österreich stehen. 「…」


Für weitere Informationen zu Buch und Projekt siehe www.weilesmichgibt.at



Rezensionen
Stefan Schlögl: Leben als Behinderter: „Darf ich auch was fragen?“

24 Biografien von älteren Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung in einem Porträtband: Bei einem der Protagonisten verlief die Recherche anders als erwartet.

An der Tür ein rotes Schildchen, das den Bewohner als „Prof. Dr. Johann Fastl, Kirchenexperte Nr. 1“ ausweist. Das Zimmer gibt Zeugnis von einem rastlosen Geist. Mehrere Kartons auf dem Schreibtisch, in denen sich Fotos, Ansichtskarten, Info-Broschüren von Kirchen, Klöstern und anderen heiligen Orten stapeln. Daneben sind Marien-Statuetten, Nippes aus einschlägigen Wallfahrtsorten und mehrere Fläschchen Weihwasser postiert. Die letzten freien Plätze belegen aufgeschlagene Zeitungen und Zeitschriften.

Fastl, festes Bäuchlein, neugierige Augen, gibt kurz über sich Auskunft. Gebürtiger Kärntner, Vater Straßenarbeiter, Mutter Hausfrau, Hauptschulabschluss. Lebt seit einigen Jahren im Föhrenhof, einem Wohnhaus der Lebenshilfe im südsteirischen St. Nikolai im Sausal. Wenn er nicht über Zeitungen und heiligen Schriften brütet, sackelt er in der ein paar Kilometer entfernten Tageswerkstätte Schrauben ein. Ein Brotjob offensichtlich, um Betreuer und Mitbewohner über seine wahre Berufung im Ungefähren zu lassen. Dann rutscht er an die Kante seines Schreibtischsessels und legt die Hände auf die Knie. Schaut einen an. Wie ein Wissenschafter, der ein verheißungsvolles Exponat begutachtet. „Darf ich auch was fragen“, hebt der 73-Jährige mit einem Mal an, während er sein Gegenüber durch dicke Brillengläser hindurch taxiert. „Sicher, fragen Sie.“

Johann Fastl: Woher kommen Sie?
Stefan Schlögl: Aus Wien.
Fastl: Ich schau immer „Wien Heute“. Wie heißt die Moderatorin? Wie heißt die?
Schlögl: Das weiß ich momentan nicht.
Fastl: Ah. Jetzt weiß ich's!
Schlögl: Und, wie heißt sie?
Fastl: Mir fällt's gerade nicht ein. Wie lang fährt man nach Wien?
Schlögl: Zweieinhalb Stunden ungefähr.
Fastl: Und wie lang nach Amerika?
Schlögl: Sieben Stunden Flug, würde ich sagen.
Fastl: Und nach Niederösterreich?
Schlögl: Eine gute Stunde, vielleicht ein wenig mehr.
Fastl: Schauen Sie, meine Armbanduhr, die hab ich zur Firmung in Seckau bekommen. Mein Firmpate war ein Dampfplauderer. Ist ein Dampfplauderer etwas Schlechtes?
Schlögl: Etwas anstrengend vielleicht.
Fastl: Ist ein Dampfplauderer ein Egoist?
Schlögl: Schwierig zu sagen. Wahrscheinlich schon.
Fastl: Ist ein Ich-Mensch ein Egoist?
Schlögl: Absolut. Herr Fastl, darf ich Sie fragen, wie …
Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch mal?
Schlögl: Die von „Wien Heute“? Ich schau jetzt im Handy nach. Moment. Ah, da hab ich's. Meinen Sie Elisabeth Vogel?
Fastl: Richtig! Ist die aus Wien?
Schlögl: Einen Moment. Ja, die ist Wienerin, vorher war sie bei „Steiermark Heute“.
Fastl: Wie alt war sie da?
Schlögl: Ungefähr dreißig. Warum?
Fastl: Und wie groß ist der Altersunterschied zwischen mir und ihr?
Schlögl: Ungefähr zwanzig Jahre.
Fastl: Ich mag Blondinen. Auch die Hannelore Veit aus dem Fernsehen.
Johann Fastl zeigt auf eine Foto-Collage, die hinter Glas an der Wand hängt. Hannelore Veit als ORF-Korrespondentin in den USA, als „Zeit im Bild“-Moderatorin, dazwischen einige Heino-Bilder.
Schlögl: Schauen Sie eigentlich nur Nachrichten oder auch Filme, Herr Fastl?
Fastl: Ich mag Western. Und Freddy Quinn. Lebt Freddy Quinn noch?
Schlögl: Ich glaube schon.
Fastl: Wo ist er zur Welt gekommen?
Schlögl: Im Waldviertel, das weiß ich zufällig.
Fastl: Letzte Woche bin ich von meiner Schwester abgeholt worden, wir wollten in ein Kloster, aber das war geschlossen, also sind wir zum Stift Seitenstetten gefahren.
Schlögl: Das ist doch im Waldviertel?
Fastl: Genau. Da, wo der Freddy Quinn herkommt. Wie alt ist Hannelore Veit?
Schlögl: Das weiß ich jetzt wirklich nicht, Herr Fastl.
Fastl: In Seitenstetten haben wir Kaffee getrunken und Torte gegessen.
Schlögl: Und haben Sie sich auch das Stift angesehen?
Fastl: Ja. Wann ist es drei Uhr?
Schlögl: In einer halben Stunde.
Fastl: Amerika gefällt mir wirklich sehr, sehr gut.
Schlögl: Waren Sie schon mal dort, Herr Fastl?
Fastl: Nein. Sind wir schon fertig mit dem Reden?
Schlögl: Wir unterhalten uns, solange Sie wollen.
Fastl: Ich bin ein Trottel.
Schlögl: Das glaube ich nicht.
Fastl: Das hat ein Lehrer zu mir gesagt. Der hat gemeint: „So einen Trottel haben wir gerade noch gebraucht.“ Gestern habe ich mich mit Gerti gestritten.
Schlögl: Aber das ist hoffentlich wieder vorbei, oder?
Fastl: Ja. Aber Marianne, die ist eine sehr liebe Frau. Wann sind die nächsten Weihnachten?
Schlögl: In einigen Wochen.
Fastl: Im 64er-Jahr war ich mit meiner Mutter beim Doktor. Der hat gesagt: „Da oben ist er nicht ganz beinand.“
Schlögl: Und was hat Ihre Mutter dazu gesagt?
Fastl: Das wird sich vielleicht noch geben, hat sie gemeint. Da war ich 19 Jahre alt. Meine Mutter ist 1986 gestorben. Schlaganfall. War schlimm. Was ist ein Schlaganfall?
Schlögl: Das kann ich so schnell gefragt auch nicht genau erklären. Blutbahnen sind plötzlich verstopft, und dann bekommt man einen Schlaganfall.
Fastl: Danach bin ich zu meiner Tante Sophia gekommen. Bei ihr war ich, bis sie ebenfalls gestorben ist. Sie war sehr alt. Über neunzig. Vor zehn, elf, zwölf Jahren war das.
Schlögl: Und dann sind Sie in dieses Wohnhaus gekommen?
Fastl: Wie heißt die Moderatorin noch einmal? Gleich weiß ich's!
Schlögl: Elisabeth Vogel.
Fastl: Wie alt muss man sein, um einen Revolver besitzen zu dürfen?
Schlögl: Ich glaube, 18 Jahre, aber man muss einen Waffenschein machen.
Fastl: Ich hab einen Revolver, da in der Schublade.
Schlögl: Den will ich sehen!
Fastl zieht energisch Schreibtischschubladen auf. Schiebt Krimskrams zur Seite, wühlt in Fotos und Ansichtskarten – und ist sichtlich überrascht, dass da kein Revolver ist.
Fastl: Hm. Maria Taferl gefällt mir sehr gut. In der Kirche haben sie so schön die Orgel gespielt, als wir dort waren. Wie spät ist es?
Schlögl: Kurz vor drei.
Fastl: Dann gibt's jetzt die Jause. Gehen wir.
Schlögl: Selbstverständlich.
Fastl: Wie heißt die Moderatorin?
Schlögl: Elisabeth Vogel.
Fastl: Ich weiß. Hat's gepasst, was ich gesagt habe?
Schlögl: Auf alle Fälle.

(Johann Fastl im Gespräch mit Stefan Schlögl, erschienen im Standard vom 24. November 2018)


https://derstandard.at/2000092085913/Leben-als-Behinderter-Darf-ich-auch-was-fragen