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Kurzbeschreibung

[…] Als Galerist ist es schwieriger geworden, in der Multi-Channel-Waren- und Medienlandschaft entdeckt und mit seinem Angebot wahrgenommen zu werden. Der klassische Kunsthandel ist im Umbruch und steht nicht nur in Konkurrenz mit der verstärkten Kommerzialisierung des Marktes durch Auktionen, sondern auch mit dem überbordenden Angebot der Unterhaltungs- und Freizeitindustrie. Altersbedingt verändern sich Sammler- und Käuferstrukturen und die Motive und Gründe eines Kunstkaufs sind andere als noch vor einigen Jahren. Rendite, Prestige und Anlagediversifikation bis hin zum Artflipping sind neue Begrifflichkeiten, mit denen man sich als Kunsthändler konfrontiert sieht.

Längst reicht es nicht mehr aus, Ausstellungen in den eigenen Räumlichkeiten zu machen. So präsentieren wir uns im Internet, schicken Newsletter, posten in den sozialen Medien, beteiligen uns an zahlreichen Kunstmessen und verschicken Monografien und Verkaufskataloge. Die Gesellschaft ist stärker in Bewegung als je zuvor und ihre Komplexität ist gewachsen. Dinge sind mehr miteinander verwoben als bisher, alteingesessene Muster und Strukturen verändern sich, Waren werden global verfrachtet, Gelder in Hundertstelsekunden hin und her geschoben.

In diesem Lichte erscheint mir die vorliegende Publikation retroverdächtig, dennoch bin ich hoffnungsfroh, was Ihre Rückmeldungen anlangt, und habe nicht zuletzt auch selbst große Freude mit diesem Buch. Zu einem nicht unerheblichen Teil ist diese Arbeit Dokumentation der österreichischen kulturellen Identität, ein Programm, das sich nicht nur in Blockbusteraustellungen von Klimt und Schiele erschöpft, sondern von einer bunten Vielfalt getragen ist.

Die Freude, die ich habe, wenn ich ein Bild entdecke und erstehe, möchte ich gerne mit Ihnen teilen. So etwa mit dem „Vergissmeinnichtgarten“ von Karl Mediz, der das Hochzeitsgeschenk an seine Frau Emilie Pelikan war und Jahrzehnte in Privatbesitz schlummerte. Es erinnert mich nicht nur an meine bessere Hälfte, sondern auch an das Bild einer Geigerin in einer von Natternkopfblumen übersäten Wiese von Karl Mediz, das viele Jahre bei mir zu Hause hing. Auch die Bilder von Josef Floch begleiten mich bereits seit langer Zeit. Schon meine Mutter war von seinem Werk begeistert und erstand vor Jahrzehnten zahlreiche Gemälde aus seinem Nachlass in Amerika. Zufällig entdeckte ich beim Blättern in der Sommerausgabe des Belvedere Magazins ein Foto, welches den Künstler beim Malen unseres Bildes „Skulptur“ aus 1946 zeigt.

Mit den Werkverzeichnissen und Ausstellungen über Carry Hauser und Otto Rudolf Schatz machen sich das Belvedere und das Wien Museum verdienstvoll, was die Wiederentdeckung heimischer Kunst der Zwischenkriegszeit angeht. Wir präsentieren mit der „Ansicht von Mönichkirchen“ und der „Heiligen Familie“ zwei wichtige Werke der Neuen Sachlichkeit von diesen beiden Künstlern. Von Carry Hauser erwarben wir 2017 den Nachlass; die Bearbeitung und Dokumentation aller Bilder und Schriften ist im Gange und wird uns auch weiterhin intensiv beschäftigen.

Mit den Bildern von Fritz Krcal und Ernst Nepo gilt es in Wien zwei bedeutende Künstler zu entdecken, die vornehmlich im Westen Österreichs bekannt sind. Ernst Nepo wiederum war mit Herbert Gurschner durch die Mitgliedschaft im Mühlauer Künstlerkreis verbunden. Beide zeichnet ihr vielfältiges, stilistisches Talent aus und eint ihr Faible für manieristische Porträts im Stile der Neuen Sachlichkeit, wie jenes der „Frau von Guggenberg“ von Nepo.

Neben dem regionalen Kunstschaffen gibt es auch Verbindungen zwischen einzelnen Bildern zu entdecken. So lohnt sich etwa ein Vergleich von Lilly Steiners „Mutterschaft“ mit Schieles „Mutter und Kind“, das im Leopold Museum verwahrt ist. Ebenso erkennt man die Nähe Hans Figuras „Dürnstein“ zu Schieles Ansichten von Stein an der Donau. Auch Wilhelm Jaruska war von der Expressivität und Farbigkeit Schieles begeistert, wie sich bei etlichen der vorliegenden Arbeiten zeigt. Die Bekanntschaft mit Jaruskas Werk war für mich die große Entdeckung der letzten Monate, weshalb ich bereits eine Ausstellung für 2019 plane. Daneben gibt es aber auch etliche andere Kleinode aufzuspüren, wie den bezaubernden „Pierrot“ Alfred Buchtas oder die Bildergeschichten Alfred Hagels. Auch von Frederick Jaeger, den wir bereits letztes Jahr neu präsentierten, sind entzückende Werke im Programm. […]

(Roland Widder im Vorwort)