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Kurzbeschreibung

[Mit Textbeiträgen von Udo Bachmair, Cécile Cordon, Manfred Greisinger, Konrad Köstlin, Nicole Krestan, Tarek Leitner, Elisabeth Martschini, Erika Molny-Pluch, Barbara Neuwirth, Wolfgang Waitzbauer und Mella Waldstein]


Verfall und Vergänglichkeit

Scheinbar stumm stehen sie da. Verfallene, vergessene Häuser. Vergessen? Nein, nur bedingt. Sie bleiben verankert im Kopf und im Herzen von noch unter uns weilenden früheren Bewohnern. Wehmut über nicht mehr Zurückholbares sowie Freude über gelungenen Neubeginn halten deren Erinnerungen wach.

Und welcher Art ist das Empfinden des Betrachters, der sich erstmals hineinversenkt in helle und finstere Gedanken über all die Vorgänge, Erlebnisse und Erscheinungen, die das alte historische Gemäuer miterlebt und unentrinnbar aufgesogen hat?

Sich hineinzuversetzen in all das, was über Generationen hinweg an Glück und Leid in alten Räumlichkeiten erlebt und erlitten worden sein mag, lässt Bilder freudvoller wie bitterer Erkenntnisse entstehen.

Solcherart eingestimmt erscheinen die längst dem Verfall preisgegebenen verlassenen Objekte nicht mehr wirklich stumm. Sie leben auf andere Art weiter. Sie zeugen vom Gelächter von Kindern, von fröhlichen Runden scherzender Freunde, von wehklagenden Sterbenden, von Ärger, Streit und Hader. Und über alldem – sei’s zu hoffen – von Liebe, Leidenschaft und wundersamen Träumen. Verwitterten Mauern und vergessenem alten Inventar scheint da nichts Menschliches fremd.

Doch was bleibt von all den Träumen, den Sehnsüchten und Hoffnungen? Den unbeschwert verbrachten Stunden in den mit Zufriedenheit und Besitzerstolz gespachtelten Wänden des früheren Heims? Werden so manche Geheimnisse, die die Mauern der Gebäude behütet haben, jemals enthüllt? Viel bleibt der Vorstellungskraft des Betrachters überlassen.

Die Ästhetik des Verfallenen und Verfallenden beflügelt die Phantasie. Ehemals glanzvolle Hausfassaden, verschnörkelte Treppengeländer, kaum mehr erkennbare Wandbemalungen, alte verrottende Möbel und Requisiten aller Art, längst erkaltete Kachelöfen, die einmal für gemütliche Wärme sorgten, morsche Türrahmen, abblätternde Farbsplitter, verwilderte Gärten, in denen sich Unkraut und Getier ausgebreitet haben: Sie alle bezeugen den Wandel von Zeit und Natur. Unbehindert dem Verfall ausgesetzt, bilden sie eine neue Form von Schönheit.

Verlassene und vergessene Orte nehmen gewissermaßen einen Platz zwischen Leben und Tod ein. Sie beleben Gedanken an die eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit. Und: Sie können auch neue Wege eröffnen. Wege zu tieferer Selbsterkenntnis.

(Udo Bachmair)


Siehe auch eine weitere Leseprobe: hier.