Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Die schwarze Fahne auf dem Mast vor der Schule wurde zu einem düsteren Markenzeichen. Drei junge Männer waren wenige Wochen vor ihren Reifeprüfungen um ihre Zukunft betrogen worden, ein Schatten lag über diesem Haus und auf allen Gängen und Räumen. Und wieder ermittelte die Kriminalpolizei.

Den Kriminalisten war von Schülern und Schülerinnen gesagt worden, dass sie Josef fragen sollten, der wäre ein kleines Genie und wisse sicher mehr als alle anderen. Tatsächlich stellte der schon im ersten Gespräch Zusammenhänge her: »Herr Inspektor, ich stelle mit Befremden fest, dass Sie nichts von den Vergewaltigungsvorwürfen gehört haben, die gegen meine drei tragisch verunglückten Schulkollegen, um das Wort Kameraden zu vermeiden, erhoben wurden. Diese Anklage war nie Gegenstand medialer Berichterstattung, Karl Berger senior, ein sogenannter Staranwalt, hat dafür gesorgt, dass keine einzige Zeitung, nicht einmal die bürgerlichen Blätter, es wagte, diese Vorwürfe, auch nicht im Sinn einer Zurückweisung, zu erwähnen. Die Vertuschung ist offensichtlich gelungen. Ich stelle fest, dass der immer wieder erhobene Vorwurf, es finde zwischen Dorfpolizisten und Kriminalpolizei keine Kommunikation statt, stimmt. Und es ist sicher nicht meine Aufgabe, Sie in dieser Angelegenheit aufzuklären, Sie machen ja meine Hausaufgaben auch nicht.«

Die zwei Kriminalpolizisten sahen einander an und standen auf …



Rezensionen
Erich Demmer: Wer ist Opfer? Wer Täter?

Andreas Weber beschreibt in seinem Erzählband „Kleeblatt“, wie auf der Suche nach Gerechtigkeit Morde passieren können.

Das perfekte Verbrechen, der als solcher nicht erkannte Mord, die ungesühnte Untat, das ist wohl der Traum vieler dunkler Figuren – ob Finanzgauner aus der Oberschicht oder im Leben gescheiterter Kaputtnik. Klar, dass dieses Phänomen bei den üblichen Krimiautoren äußerst unbeliebt und daher kaum vertreten ist – da dabei kaum ein Platz ist für intellektuelle Polizisten oder Detektive, die als strahlende Helden dem üblen Verbrecher zur Freude der Leserschaft auf die Spur kommen.

Der 1961 in der niederösterreichischen Stadt Horn geborene Autor und Filmemacher Andreas Weber machte sich nun den Spaß, in einem Erzählband just sieben Vorfälle zu beschreiben, bei denen der Täter ungestraft davonkommt, etwa wenn trotz aller Ermittlungen auch ein natürlicher Tod nicht auszuschließen ist. Da aber Österreich der Schauplatz ist, mag auch ein wenig Schlamperei eine Rolle spielen.

In der titelgebenden ersten Erzählung des Bands, „Kleeblatt“, zerstört ein liederliches ebensolches mehrere Familien: Drei verwöhnte Söhne mit reichen und prominenten Eltern, die gleichsam das Society-Triple-A der Landeshauptstadt darstellen (Anwalt, Arzt, Autohausinhaber), vergewaltigten eine Mitschülerin, die aus einer Künstlerfamilie stammende Angie. Als deren Eltern die Polizei einschalten, beginnt die gesellschaftliche Abwiegelungs- und Dementiermaschine zu laufen. Das Ergebnis einer DNA-Untersuchung zum Beispiel verschwindet im Spital, die Untersuchungen verlaufen im Sande. Doch Angie, deren Familie durch einen betrügerischen Bankberater verarmt, hat einen guten Freund, der nun eine Strafaktion startet, bei der die drei jungen Schurken nicht ganz freiwillig aus dem Leben scheiden.

Am Schluss sitzt dieser in der freien Natur und zupft – mit sich und der Welt zufrieden – an einem Kleeblatt herum. Bereits hier sind einige Töne angeschlagen, die man auch in den weiteren Texten vernehmen wird: Bankberater und protzige Autohausbesitzer sind wohl Webers beste Freunde nicht. Wie auch Autoraser, die den Tod anderer verursachen; Mitschneider bei Privatisierungen in der Schüssel/Haider-Zeit; in NS-Verbrechen Verwickelte – ihnen allen geht es an den Kragen.

Der Autor wechselt in seinen Texten die literarischen Formen: Zu der normalen Erzählung gesellen sich ein Ich-Erzähler als Beobachter, Gespräche unter Freunden, an die Polizei gerichtete Aussagen und Vernehmungen. Manchmal montiert Weber auch Fakten aus seiner eigenen Biografie (Studium, literarische Lesung, ein Stipendium als Writer in Residence in den USA) in das geschilderte Geschehen.

Ein wenig stört den Zusammenhang der Abschlusstext des Bandes, den nach sieben Erzählungen eine einfühlsame Kurzbiografie eines der bekanntesten Waldviertler beschließt: des Räuberhauptmannes Johann Georg Grasel (1790–1818), der als heimische Kopie des englischen Robin Hood zum Mythos wurde. Aber weil heuer dessen 200. Todestag war, soll dies nicht weiter stören.

Auch wenn jedes Verbrechen zu verurteilen ist: Die von Weber schmunzelnd beschriebene Raffinesse der Täter, die mit ihren Aktionen meist der Gerechtigkeit erst zum Sieg verhelfen wollen, verschafft ihnen einiges an Sympathie bei den Lesern. Zumal ja Oberösterreich und Waldviertel nicht das wirkungsmächtige Zentralgebiet der Erinnyen sind. Von solcher Straffreiheit hätten die antiken Atriden nur träumen können.

(Erich Demmer, Rezension im Presse-Spectrum vom 1. Dezember 2018)