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Kurzbeschreibung

[Titel momentan nicht lieferbar]


[eardẹpfl • soni • patate]
[Siegfried de Rachewiltz, Christiane Ganner, Andreas Rauchegger (Hg.)]



Die Kartoffel als eines der fundamentalen Lebensmittel der heutigen Zeit hatte einen beschwerlichen Weg zu gehen, bis sich ihre vielfältigen Nutzungen im Historischen Tirol durchsetzen konnten; und während ihre Verbreitungsgeschichte in verschiedenen Ländern Europas aus sozial- und wirtschaftshistorischer Sicht des Öfteren zum Thema vielfältiger Forschungsprojekte wurde und in entsprechende Publikationen eingeflossen ist, hat man ihrer Geschichte hierzulande bisher wenig Augenmerk geschenkt.

In interdisziplinärer Zusammenarbeit wird versucht, diese Lücke zu schließen. Durch die Auswertung bisher unbeachteter Quellen wird ihre Verbreitungsgeschichte im Historischen Tirol rekonstruiert und die Entwicklung ihres Anbaues und ihrer Nutzung in der Gegenwart aufgezeigt. Dies alles auch, um zur ursprünglichen Vielfalt dieser außergewöhnlichen Knolle und zu ihrem naturbezogenen Anbau zurückzufinden.


Amerika

Die Geschichte der Kartoffel und die Geschichte der Psychologie haben merkwürdige Gemeinsamkeiten. Lange musste das, was wir heute Tiefenpsychologie nennen, auf wissenschaftliche Anerkennung warten, bis sie, hierin ähnlich der Kartoffel, weltweite Beachtung fand. Ohne Tiefenpsychologie können wir zur Not noch überleben, ohne das Weltnahrungsmittel Kartoffel würde vielen der Hungertod drohen.

Faulende Kartoffeln zwangen die Menschen zum Verlassen der Heimat, ganze Landstriche wurden entvölkert. Im 19. Jahrhundert begann in Irland wegen der Schäden durch die Kartoffelfäule die massenweise Auswanderung nach Amerika.

Und in Amerika fand die Tiefenpsychologie geradezu begeisterte Anhänger, was verschiedene Ursachen haben mag. Sie war die Botschaft der alles umfassenden Freiheit – auch und vor allem in sexueller Hinsicht.

Bei uns wurde die Psyche ausschließlich in den Bereich der unsterblichen Seele verlegt, wohin uns nur das Gebet und der Glaube führen können. Mit der Tiefenpsychologie wurden neue Welten, ganze Kontinente entdeckt. Plötzlich lag das Unbewusste vor uns, wie aus einem Schattenreich auftauchend, obwohl äußerlich nichts wirklich Bahnbrechendes geschehen war. Der Traum, die Nacht, die Komplexe, die Verdrängung, das Traumatische, die Psychoanalyse als Therapie … alles wurde plötzlich denkend erforscht und man musste sich fragen, warum all dies bislang vernachlässigt und missverstanden wurde.

Auch hier eine Übereinstimmung mit dem Schicksal der Kartoffel. Sie wurde rundum als unheimlich abgelehnt. Die Menschen haben sich durch falschen Gebrauch vergiftet, die Frucht wurde als Nachtschattengewächs verteufelt und erst das Gebot des Hungers half, die Vorurteile zu überwinden. Dann aber, als wäre ein Damm gebrochen, überflutete diesbezügliches Wissen die einschlägige Literatur und die Praxis. Es begann die wunderbare Vermehrung der Kartoffelkultur, die auch unsere Berghöfe erreichte. Auf dem Bozner Obstmarkt gibt es eine Überfülle von angebotenen Sorten, was eine flämische Hausfrau, die aus dem Kartoffelland Belgien stammt, sehr zum Staunen brachte. Die Kartoffel ist ein Geschenk der Inkas, stammt aus den Hochflächen der Anden und wurde bei uns weiter entwickelt und veredelt.

Ältere Menschen erinnern sich noch an die Hungerjahre der Kriegszeit, die noch lange nachwirkten, als in größeren Haushalten oder auch in den Schülerheimen der so genannte „Toschg" serviert wurde, bestehend aus „versottenen" Kartoffeln verschiedenster Provenienz, also unterschiedlichen Sorten. Das war reine Ernährung ohne Genuss. Mensaessen an der Universität. Damit versöhnt wurde ich erst durch das Sonntagsessen bei einer Familie im Sauerland, Kartoffelkultur aus Westfahlen; die jungen Kartoffeln schmeckten herrlich, waren liebevoll zubereitet und dufteten. Dabei wurde auch über andere Zuspeisen geredet. Reis war für mich obligatorisch für den Sonntagsbraten. Nach dieser Bemerkung gab es verlegene Gesichter; die Hausfrau glaubte, etwas falsch gemacht zu haben. Die Lösung war eine geographische: Im Süden, also auch in Österreich und Südtirol, gab es schon lange eine Reistradition, die ja schon früh von der Poebene bis Wien reichte. Für einen Norddeutschen aber – dies ein weiteres Missverständnis – ist ein Essen ohne Kartoffeln kein richtiges Essen; Teigwaren und Reis werden weniger geschätzt.

Und die Tiefenpsychologie? Sigmund Freud, der Hohe Priester dieser Theorie, war lange Zeit in Amerika der alles beherrschende Psychologe: Das Bewusstsein des Menschen ist naturwissenschaftlich ein Produkt von Stoffwechselvorgängen in den Zellen und Organen des materiellen Körpers. Das klingt schicksalhaft. Was bewirkt der reichliche Kartoffelgenuss, zum Beispiel im Pustertal und wie geraten die Menschen aus anderen Gebieten, die Weizen und Roggen vorziehen?

Aber noch einmal zurück nach Amerika, dem Land, ans dem die Freiheit kam und die Aufklärung lebendige Zustimmung gefunden hatte. Von dort kommen, wie eine Art Widerhall oder Rache, ganz böse Nachrichten, die an frühere Hexenverfolgung erinnern: Alles Nackte ist des Teufels, überall müssen Brüste und Penisse verschwinden … Frauen und Männer werden wiederum geschlechtlos. Auch Kinderbilder werden verboten, ausgelöscht, aus den Museen entfernt. Nur die nackte Kartoffel, die ist noch erlaubt.

Hans Wielander