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Kurzbeschreibung

Katharina Rueprecht (Hg.). Mit Beiträgen von Arno Aschauer, Markus Brandt, Mercedes Echerer, Stephan Eibel, Sabine Groschup, Andrea Grussmann-Schmalzl, Josef Hader, Andi Haller, Peter Klinger, Annemarie Komosny, Hubsi Kramar, Karl Markovics, Jerzy Palacz, Michael Pekler, Goran Rebić, Thomas Renoldner, Michael Sturminger, Ralph Wieser, Michael Wimmer & August Zirner.


Florian Flicker, dessen Filme sich durch eine wunderbar ansteckende Empathie auszeichnen, der mit Werken wie »Suzie Washington« oder »Der Überfall« seinen ganz eigenen, mehrfach ausgezeichneten Weg innerhalb des österreichischen Films ging, hinterließ nicht nur durch sein Werk, sondern auch durch sein einzigartiges Wesen tiefe Eindrücke. In diesem Buch finden sich Beiträge seiner Weggefährten und Weggefährtinnen, die sich auf unterschiedlichste Weise an ihn erinnern – als Aktivist in der Kunst- und Kulturszene, als Experimentalfilmer, als Singer-Songwriter, als Schauspieler und Performer, als Mit-Erfinder der Film-Disco, als Drehbuchautor, als Regisseur, und auch als Mitschüler, als Freund und als Sportler. Deutlich wird, warum gerade er befähigt war, Szenen und Bilder zu schaffen, die man nicht vergisst.


Dem Buch beigefügt ist die CD «Brandt & Flicker – Premiere „Tanzpalast“-Tournee, ARGE Nonntal 1988», siehe > link


Rezensionen
Michael Pekler: Filmemacher Florian Flicker: Das leuchtende Blau des Himmels

Vor vier Jahren starb er im Alter von nur 49 Jahren. Am Sonntag wird in Erinnerung an ihn der schöne Band Nahaufnahmen vorgestellt

Wer ein neues Buch über einen Filmemacher aufschlägt, erwartet sich normalerweise unzählige Bilder aus Filmen. Bei diesem Buch ist das etwas anders. Denn Florian Flicker. Nahaufnahmen ist ein Erinnerungsband, der nicht nur dem 2014 nach schwerer Krankheit verstorbenen österreichischen Regisseur, sondern auch dem Menschen gewidmet ist. Ein Buch also, das bereits auf den ersten Blick ein sehr persönliches geworden ist.

Neben den Texten, die zahlreiche Freunde und Weggefährten – darunter Thomas Renoldner, Karl Markovics (Taxifahrer in Flickers Langfilmdebüt Halbe Welt), Josef Hader (Hypochonder im Schneiderladen in Der Überfall), August Zirner und Hubsi Kramar – eigens verfasst haben, ist Nahaufnahmen nämlich von privaten Fotos geprägt: aus dem Familienarchiv, von Dreharbeiten, von Flicker als Musiker auf der Bühne, von Setfotos und Aufnahmen aus Flickers „aktionistischer“ Hamburger Zeit in den 80er-Jahren.

Persönliche Einblicke
Die Texte – mal mehrere Seiten, mal wenige Zeilen lang – sind in bestem Sinne vertraulich: Sie erzählen von persönlichen Begegnungen, gemeinsamen Arbeiten, Filmen, Erlebnissen oder Jahren. „In den letzten Wochen des heurigen Winters leuchtete der Himmel oft in einem strahlenden Blau, er war so blau wie die Augen von Florian, wenn er sich freute“, erinnert sich die Künstlerin Sabine Groschup.

So persönlich wie dieses Buch ist auch die am Sonntag im Wiener Metro-Kino stattfindende Veranstaltung, bei der Nahaufnahmen präsentiert wird: Es lesen u. a. Hubsi Kramar, Michael Sturminger, Karl Markovics und Arno Aschauer. Coco y Raya spielen Filmmusik von Lonesome Andi Haller, es moderieren Mercedes Echerer und Hubsi Kramar. Und neben Filmausschnitten gibt es den Kurzfilm Lebenslauf (1986) zu sehen. Während die Kamera auf seine laufenden Füße gerichtet ist, kann man da Flickers keuchende Stimme hören: „Alles geht so schnell. Ich kann nicht. Aber es geht weiter.“

(Michael Pekler im Standard vom 7. April 2018)


https://derstandard.at/2000077460106/Filmemacher-Florian-Flicker-Das-leuchtende-Blau-des-Himmels


Andreas Ungerböck: Für Florian

Ein neues Buch beleuchtet Leben und Werk Florian Flickers aus sehr persönlichen Perspektiven

Es ist eigentlich eine bestrickend einfache Idee, und doch wird sie erstaunlich selten umgesetzt: ein Filmbuch, zumal eine Monografie über einen Filmemacher, von Leuten schreiben zu lassen, die den Betreffenden gut kannten, anstatt Ferndiagnose an Ferndiagnose zu reihen. Die Idee hatte Katharina Rueprecht, die Mutter Florian Flickers, und das entsprechende Buch liegt nun vor. Folgerichtig heißt es im Untertitel Nahaufnahmen und ist im Verlag Bibliothek der Provinz erschienen.

Als Florian Flicker am 23. August 2014, zwei Tage nach seinem 49. Geburtstag, starb, war die Bestürzung in der Filmbranche groß, obwohl viele von seiner schweren Krankheit gewusst hatten. Es gab kaum jemanden, der oder die nicht fasziniert oder berührt war von der Persönlichkeit des Filmemachers, von seiner ruhigen, freundlichen Art, seinem Witz oder seiner intellektuellen Bandbreite. Und seine (leider allzu wenigen) Filme geben davon nachdrücklich Zeugnis. Sie seien getragen von einer „ansteckenden Empathie“, so der U4-Text des Buches, und viel besser kann man es nicht ausdrücken. Dass Flicker viel mehr war als „nur“ Filmemacher, vor allem in seinen frühen Jahren, ist vielleicht nicht so allgemein bekannt, es wird hier dankenswerterweise ausgiebig beleuchtet. Thomas Renoldner erinnert sich an das Kennenlernen in Salzburg im Oktober 1984 und an die Anfänge der gemeinsamen künstlerischen Arbeit, die ein breites Spektrum abdeckte: Ausstellungen, Performances, Lesungen, Musik, alles in anarchischem Geist und frontal gegen die Salzburger Hochkultur gerichtet. Andere frühe MitstreiterInnen wie Andrea Grussmann, Sabine Groschup und Markus Brandt kommen ebenfalls zu Wort. Mit Letzterem betrieb er das experimentelle Musikprojekt Brandt & Flicker (eine CD mit der Aufnahme der Performance Tanzpalast aus dem Jahr 1988 liegt dem Buch bei). Film spielte dabei eine wesentliche Rolle. 1989 kam Flicker nach Wien und machte sich mit dem Gemeinschaftsprojekt Pension Export und Livefilmperformances wie Das Attentat einen Namen, ebenso mit der Filmdisco (mit Andi Haller, später auch Komponist für Halbe Welt und Suzie Washington), die spätere Entwicklungen vorwegnahm, lange „bevor irgendjemand die Worte ,visuals‘ oder ,Clubbing‘ in den Mund nahm“, wie Haller schreibt.

Zum ersten, noch experimentell gehaltenen Spielfilm Halbe Welt (1993), der wegen seines kühnen Entwurfs und der aufsehenerregenden Optik für Furore sorgte, nehmen Kameramann Jerzy Palacz, Mercedes Echerer und Karl Markovics Stellung. Koautor Michael Sturminger erinnert sich an „eine wunderbare zeit“ und hält treffend fest: „florian wollte in seiner fiktion immer dicht an der politischen und gesellschaftlichen Realität bleiben, bei ihm war denken über kunst immer auch denken über den zustand der welt.“ Ganz besonders gilt das für Suzie Washington (1998), den sie später auch gemeinsam schrieben und der mit Sicherheit einer der bemerkenswertesten Filme des gesamten „neuen österreichischen Kinos“ ist und bleiben wird. Arno Aschauer erinnert an „zwei allzu früh Vollendete“ – Flicker und Birgit Doll, die Hauptdarstellerin des Films, die 2015, nur ein Jahr nach dem Filmemacher, verstarb. „Florian“, schreibt Aschauer, „war ein sensibler und kundiger Begleiter“ der Schauspielerin; ihre Zusammenarbeit, die in eine enge Freundschaft mündete, trägt den Film auf geradezu magische Weise.

Wie unglaublich gut Flicker mit Schauspielern umgehen konnte, zeigt auch sein an den Kinokassen erfolgreichster Film Der überfall (2000), in dem drei Männer, dargestellt von Joachim Bißmeier, Roland Düringer und Josef Hader, ganz und gar unfreiwillig auf engstem Raum zusammen sind: Der von Düringer gespielte Andi hat in einer Panikaktion eine Schneiderei „überfallen“, deren Inhaber von Bißmeier gespielt wird und in der Hader als Kunde zufällig anwesend ist. Josef Hader beschreibt in seinem Beitrag die besondere Sensibilität des Regisseurs: „Florian war von unglaublich inspirierender Nachdenklichkeit. Er hat damit alle anderen angespornt, selber nachzudenken. Er hat sich von den Vorschlägen der anderen wiederum nachdenklich machen lassen. Er hat nicht nachgegeben, bis die beste Lösung gefunden war. Deswegen war er ein großartiger Regisseur. Und einer der ehrlichsten Menschen, die ich getroffen habe.“

Ein sehr bewegender Text ist jener von Peter Klinger, einem engen Freund Flickers, der eine der Filmbranche und der Öffentlichkeit weitgehend unbekannte Seite Flickers beleuchtet, nämlich die des sportbegeisterten Bergwanderers und Seglers – dokumentiert von zahlreichen sehr schönen Fotos. Klinger verwahrt sich gegen einen Nachruf auf Flicker, in dem dieser als „Suchender, als grüblerischer, selbstzweiflerischer Künstler, mit dem Hang zu Introspektion und Selbstkritik“ beschrieben wurde. Der Freund zeichnet ein gänzlich anderes Bild: Florian habe, so heißt es, auch „den Schalk im Nacken“ gehabt. Hier findet auch Flickers lange gehegtes und leider nie beziehungsweise letztlich nur als Hörspiel realisiertes Projekt Dolphins Erwähnung, wenngleich Klinger zugibt: „Für mich waren unsere Gespräche über Filmförderung und Filmproduzenten immer wie ein spanisches Dorf mit chinesischen Einwohnern.“

Mit diesem Beitrag findet ein Buch seinen würdigen Abschluss, das die vielen verschiedenen Facetten des Menschen und Künstlers Florian Flicker vor uns ausbreitet. Dazu, dass sein Andenken lebendig bleibt, tragen nicht nur seine Filme, sondern nun auch dieser Band bei.

(Andreas Ungerböck, Rezension in: kolik.film, Sonderheft 29, April 2018, S. 112 f.)