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Kurzbeschreibung

[Grazer Beiträge zur Europäischen Ethnologie, Sdbd.
Hrsg.: Burkhard Pöttler, Lisa Erlenbusch. Mit Beiträgen von Julia Astecker, Ulrike Bechmann, Elena Ebner, Lisa Eidenhammer, Sandra Fischerauer, Theres Inauen, Ines Kerschitz, Ulrike Langbein, Margareth Lanzinger, Robert Moretti, Ina Plattner, Sabrina Reisner, Karina Stefan, Raphael Stefaner & Stefan Willer]


Erbe und Erben sind Begriffe, die schon in ihrer semantischen Vieldeutigkeit ein weites Feld aufspannen und somit für die Kulturwissenschaften, im Speziellen die Europäische Ethnologie/‌Kulturanthropologie/‌Volkskunde und benachbarte Disziplinen, von eminenter Wichtigkeit sind. Während die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik des Kulturellen Erbes seit einiger Zeit Konjunktur hat, blieb die Perspektive auf das individuelle Erbe(n) mit seinen weitreichenden gesellschaftlichen Implikationen bislang eine Marginalie.

Dieser Band enthält 15 Beiträge, gegliedert in die drei Themenschwerpunkte Beziehungsgeflechte und Geschlechterverhältnisse, Ambivalenzen und Kontroversen sowie Institutionelle und berufliche Interessen. Die Texte präsentieren neue Forschungsergebnisse, die ein überaus facettenreiches Themenspektrum – von der Bedeutung persönlicher Erbstücke über die ‚Stiftungskultur‘ bis hin zur Rolle von Narrativen im Rahmen des Kulturellen Erbes – innerhalb dieses multidimensionalen Forschungsgebietes abdecken, in dem sich Macht, Emotion und Gedächtnis letztlich als die bestimmenden Faktoren erweisen.



Rezensionen
Lena Möller: Burkhard Pöttler/Lisa Erlenbusch (Hg.), „Erbe_n. Macht – Emotion – Gedächtnis“

Mit „Erbe_n. Macht – Emotion – Gedächtnis“ präsentieren die Kulturwissenschaftler Burkhard Pöttler und Lisa Erlenbusch einen Sammelband, der sich in 15 Aufsätzen der Kulturtechnik des (Ver-)Erbens widmet. Den Entstehungshintergrund bildet das im Jahr 2017 gestartete Studienprojekt „Geerbte Dinge: zwischen symbolischer und ökonomischer Praxis“ am Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Karl-Franzens-Universität Graz. Im Rahmen dieses Projekts setzten sich zehn Masterstudierende gemeinsam mit Dozierenden mit einer kulturellen Praxis auseinander, die laut Pöttler und Erlenbusch „von zwei Tabus maßgeblich geprägt wird, die in unserer Gesellschaft besonders wirksam sind – das Sterben und das Sprechen über Geld“ (11). So eröffnet sich ein sowohl kontrovers diskutiertes als auch durch Schweigen gekennzeichnetes Forschungsfeld, welches die Projektleitenden bereits in der Einleitung des Bandes als überaus komplex beschreiben: „Nicht nur ist es eine Kulturtechnik zur Weitergabe von materiellen wie symbolischen Werten, es ist stets intergenerational, vereint ökonomische Aspekte sowie interpersonale Beziehungsgeflechte, kann Traditionen konstituieren, aber auch brechen, es ist omnipräsent und gleichzeitig ,tot‘-geschwiegen, ist Staatsangelegenheit und nicht zuletzt zutiefst persönlich.“ (11)

Angestrebt wurde also eine vielfältige Perspektivierung, welche internationale und interdisziplinäre Ansätze einschließt und nicht zuletzt auch in einer Ausstellung mündete, die vom 9. April bis 6. Mai 2018 im Grazer Jakominiviertel zu sehen war. Drei thematische Schwerpunkte bilden dabei die Rahmung für die einzelnen Beiträge: Beziehungsgeflechte und Geschlechterverhältnisse, Ambivalenzen und Kontroversen sowie institutionelle und berufliche Interessen. Wie der Titel „Erbe_n“ bereits wortspielerisch andeutet, finden sowohl das materielle wie immaterielle Erbe an sich als auch die soziale Praxis des Erbens sowie die eingebundenen Akteure als (Ver-)Erbende ihren thematischen Niederschlag. Aufgrund der Fülle der Aufsätze werden im Rahmen der folgenden Abschnitte einzelne Beiträge exemplarisch herausgegriffen.

Den ersten Themenabschnitt über die Beziehungsgeflechte und Geschlechterverhältnisse eröffnet eine Darlegung des Forschungsstandes und ein Ausblick auf die Potentiale einer kulturanthropologischen Erbschaftsforschung der Kulturwissenschaftlerin Ulrike Langbein, welche sich bereits im Rahmen ihrer Dissertation „Geerbte Dinge“ mit dem Thema auseinandergesetzt hat. Mit einem klaren Blick auf zukünftige Diskurse fokussiert sie weniger das Erbe im Sinne eines materiellen Gutes, als vielmehr dessen Bedeutungen, Prozesse und kulturelle Praktiken, bei denen sie eine Verschränkung individueller, familiärer und gesellschaftlicher Perspektivierungen feststellt (18). Der Blick auf das (Ver-)Erben müsse dabei auch immer die Veränderungen miteinschließen, beispielsweise wenn die Erwartungen des Erblassers nicht mit der Lebensrealität der Erbenden übereinstimmen (22). Es ist gerade dieser Fokus auf soziokulturelle Prozesse der Gegenwart, mit dem Langbein sinnvoll an die bisherigen Forschungsansätze anknüpft und den Gewinn einer kulturwissenschaftlichen Betrachtung des Themenfeldes verdeutlicht. Eine familiäre Perspektivierung kommt auch bei Ines Kerschitz zum Tragen, die sich in ihrem Aufsatz „Wie (ver-)erben Witwen“ mit den Ängsten, Konflikten und Narrativen als Beweggründen in Erbprozessen beschäftigt. Dabei stellt sie fest, dass der Prozess des Vererbens bei drei befragten Witwen vor allem durch Schenkungen verhandelt wurde, da der Wunsch einer sicheren Zukunft für die eigenen Kinder im Vordergrund stand, ebenso wie die Angst, mit dem Erbe einen familiären Konflikt auszulösen (66). Die weiteren Beiträge des Abschnitts widmen sich dem „Ver_erben in romantischen Beziehungen zwischen Frauen“ (Karina_Stefan), der Darstellung von Erbprozessen im deutschen Spielfilm (Elena Ebner) und der Bedeutung von Erbstücken (Lisa Eidenhammer).

Die Wiener Historikerin Margareth Lanzinger steht am Beginn des folgenden Abschnitts zu Ambivalenzen und Kontroversen rund um das Themenfeld. In ihrem Aufsatz „(Ver-)Erben aus historisch-anthropologischer und Geschlechterperspektive“ thematisiert sie die Bedeutung von Erbe und Besitz als milieukonstituierende Faktoren seit der Frühen Neuzeit und stellt dabei heraus, wie das (Ver-)Erben immer auch soziale Relationen und deren Bedeutungen sichtbar werden lässt (115). Als historisch-archivalisch fundiertes Exempel schließen die Überlegungen zu einem Erbschaftsstreit der Familie Liscutin über einen Garten in Graz des Autors Robert Moretti an. Anhand ausgewählter zeitgenössischer Dokumente wird hier ein Erbvorgang aus der Perspektive der Konkurrenz- und Konflikthaftigkeit von Vermögenswerten nachvollzogen, in der emotionale Verbindungen eine nicht unwesentliche Rolle spielen (133). Mit Bezug auf die jüngere Vergangenheit beschäftigt sich Ina Plattner mit dem (Ver-)Erben von landwirtschaftlichen und gewerblichen Betrieben im ländlichen Raum und verweist dabei auf eine zunehmende Übernahme des elterlichen Erbes durch weibliche Nachkommen, obgleich traditionelle Muster nach wie vor eine große Rolle spielen (152). Das Kapitel wird anschließend durch Julia Astecker mit ihrem Aufsatz „Erbe: Fluch oder Segen? Aspekte der Ambivalenz von Erbschaften im sozialen Gefüge sowie im ökonomischen Spanungsfeld“ und Ulrike Bechmann mit einem religionswissenschaftlichen Beitrag zum kulturellen Erbe Heiliger Stätten in Palästina und den damit verbundenen Gedächtniskonstruktionen abgerundet.

Der letzte Themenabschnitt widmet sich schließlich den institutionellen und beruflichen Interessen, die mit dem (Ver-)Erben verknüpft sind. Dabei werden sowohl lokal als auch international tätige Organisationen und ihre Akteure in den Blick genommen. So legt Raphael Stefaner das Augenmerk auf die Stiftungskultur und untersucht deren historische Entwicklungslinien und kulturanthropologische Dimensionen als Sonderform des Erbens und Vererbens. Stefaner greift das Bild einer Theaterbühne auf, indem er die Widmung eines Stiftervermögens für einen gemeinnützigen Zweck als einen Akt beschreibt, der vordergründig präsentiert wird, während er ständige Umgestaltungen und Aushandlungsprozesse im Hintergrund miteinschließt, die für Außenstehende nicht in der Komplexität sichtbar sind (218). Deutlich kommt hier auch der Aspekt der Diskretion und des Schweigens über das Erbe(n) zum Tragen. Die Basler Kulturanthropologin Theres Inauen vertieft das Stiftungswesen anhand ihres Aufsatzes „Hinterlassen schafft Kultur. Visionen, Debatten und Herausforderungen rund ums Vererben im Aufbauprozess der Schweizer Stiftung ,Erbprozent Kulturʽ“ und arbeitet unter anderem heraus, wie das (Ver-)Erben sowohl zu einer höchst privaten wie auch politischen Angelegenheit wird (242). Einen interessanten Einblick in die Rolle genealogischer Büros, die sich Erbfällen widmen, bei denen es den oder die Erbenden zunächst einmal ausfindig zu machen gilt, bietet der Aufsatz „Erbenermittlung. Auf der Suche nach (un-)bekannten Erben oder Wie man der Kaduzität ein Schnippchen schlägt“ von Sandra Fischerauer. Sabrina Reisner widmet sich anschließend der Bedeutung der Mediation bei Erbstreitigkeiten, bevor der Berliner Literatur- und Kulturwissenschaftler Stefan Willer den Band mit seinem Beitrag „Die Welt als Erbe. Zur Problematik von ,World Heritage‘“ abschließt. Willer reflektiert hier die Rolle der UNESCO, die sich der Bewahrung und der Sicherung kultureller Güter verschreibt und dabei in ihrem Auswahlverfahren und den dabei angewendeten Kriterien einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den politischen, gesellschaftlichen und individuellen Umgang mit kulturellen Überlieferungen besitzt (282).

Insgesamt bietet der vorliegende Band durch seine Themenvielfalt einen facettenreichen Einblick in das Themenfeld rund um das Erbe(n) und löst damit das Versprechen des Titels ein, dessen offene und vieldeutige Formulierung treffend gewählt ist. Die einzelnen Forschungsbeiträge präsentieren zahlreiche neue Forschungsergebnisse, die sich für unterschiedliche Disziplinen als fruchtbar erweisen und dennoch eine deutlich kulturanthropologische Verankerung besitzen. Historische Entwicklungen werden dabei in Bezug zu gegenwärtigen Herausforderungen und Fragestellungen gesetzt und lassen die Kulturtechnik des (Ver-)Erbens als vielgestaltiges Phänomen sichtbar werden.

(Lena Möller, Rezension im Bayerischen Jahrbuch für Volkskunde, erschienen am 26. August 2019)


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