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Kurzbeschreibung

[Texts: Elisabeth Gschiel, Monika Holzer-Kernbichler, Naa Teki Lebar, Felicitas Prokopetz, Edith Risse, Markus Wilfling]


Zeichnen mit der Nähmaschine

Aus der Not wurde eine Tugend. Elisabeth Gschiel begann mit einer geborgten Nähmaschine Plastikverpackungsmaterial zu verbinden, wo Klebstoffe versagten. Damit war der erste Schritt getan, auch die gestalterischen Möglichkeiten dieses Werkzeugs experimentell auszutesten. Entgegen der ursprünglichen Bestimmung Textiles zusammenzufügen, versucht die Künstlerin die Nähmaschine als eine Art „Zeichenstift“ auf unterschiedlichsten Materialien wie Plastik, Papier, Leder etc. einzusetzen. Hochspannungsmasten, Hafenkräne, Weltkarten, Tischgedecke, Notleuchten und vieles mehr. Objekte, Installationen und Zeichnungen aus den vergangenen Jahren sind gesammelt in diesem Buch zu sehen.


Rezensionen
Michael Tschida: Zeichnen mit Zick und Zack

Die Nähmaschine ist ihr Zeichenstift: Die 43-jährige Grazerin Elisabeth Gschiel präsentiert ihre höchst ungewöhnlichen Kunstprojekte nach Strich und Faden jetzt auch in einem Prachtband.

Anno 2013 erschuf Elisabeth Gschiel die Welt. „The Garbage World“. Da genoss die Grazer Künstlerin ein zweimonatiges Atelier-Auslandsstipendium in Guimarães. In der Kulturhauptstadt 2012, vormals das Herzstück der portugiesischen Textilindustrie, nähte sie mit einer „Monster-Nähmaschine“ aus 150 weggeworfenen Plastikflaschen mit 2500 Laufmetern weißer Nähseide eine Weltkarte. 202 cm x 128 cm Müll als Kunst als Fanal.

Gschiel hat einen so scharf wie feinsinnigen Blick auf die Welt. Das genaue Schauen lernte sie an der Grazer Ortweinschule. Dann im Architekturstudium. Und dann in den Büros von Szyszkowitz-Kowalski und Love architecture. Seit 2011 arbeitet die gebürtige Hartbergerin als freischaffende Künstlerin und da vor allem als Näherin. Nicht zufällig heißt ihr selbst designter Prachtband, in dem nun ihre bisherigen Projekte eindrucksvoll dokumentiert sind, „strich = faden“.

„Die Nähmaschine ist mein Zeichenstift, ich verwende sie experimentell und überhaupt nicht im traditionellen Sinn, also um Stoffe zusammenzunähen“, erklärt Gschiel. Die Stoffe, mit denen sie zickzack Gestaltungsmöglichkeiten auslotet, sind transparente Plastikfolien, Fotografien, Leinwände, Leder. Und immer wieder Papier.

So etwa in ihrem „Manifest“. Mit der Nähmaschine und dunkelblauer Nähseide „schrieb“ sie Zeile für Zeile textähnliche Muster in ein 30-seitiges Buch, wofür sie sogar einen Buchbinderkurs belegt hatte. Textiltext quasi, dessen Schluss mit einem einzelnen, lose verlaufenden Faden offenbleibt.

Auffallend an ihrer Arbeit nach Strich und Faden, aber kein Wunder bei einer ausgebildeten Technikerin: Immer wieder verwendet Gschiel strenge Linien und Strukturen wie Schienennetze oder Strommasten als Motive. Und zu ihrer großformatigen Serie von Baukränen wurde sie auch von ihrem Balkonblick auf das seinerzeit in der Ferne emporwachsende Styria Media Center angeregt.

Kruzifixe, Vasen, Gräser, Horizonte, Tischgedecke, Landschaften … Kunsthistorikerin Edith Risse schreibt in dem Buch ganz richtig: „Gschiel näht sich die Welt.“ Auch die vergangene. Für eine Porträtreihe aus dem Jahr 2015 machte sich die Mutter einer kleinen Tochter auf die Suche nach ihren Vorfahren. Sie fügte Bilder von Angehörigen und Flohmarktfotos von Unbekannten zu einer „Ahnengalerie“ und nähte den Porträtierten mit Goldfäden Schmuck ins Haar, Eleganz auf den Kragen, Stil auf die Krawatte – zärtliche Verbeugungen vor deren Geschichte(n).

Dass in Elisabeth Gschiels Stammbaum übrigens der berühmte Grazer Bildhauer Jakob Gschiel und ein Schneidermeister gleichen Namens auftauchen, mag Zufall sein. Ist aber vielleicht die früheste Nahtstelle ihrer eigenen außergewöhnlichen Begabungen.

(Michael Tschida, Rezension in der Kleinen Zeitung vom 21. August 2018, S. 50 f.)