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Kurzbeschreibung

Irene Suchy & Susanne Kogler (Hg.). Mit Beiträgen von Bernd Roger Bienert, Magdalena Fürnkranz, Maria Fürntratt, Samu Gryllus, Harald Huber, Werner Jauk, Nicole Delle Karth, Susanne Kogler, Birgit Lehner, Cristina Scuderi, Irene Suchy, Monika Voithofer und Mia Zabelka.


„Partituren des Körpers“ umkreist die Geste als musikalisch-künstlerische Quintessenz im zeitgenössischen Komponieren, in der Musiktheater-Regie von Werken des 20., 19. und 18. Jahrhunderts, in einem weiten Feld der Genres, das von Kinder-Erzähl-Konzerten bis zu elektronischer Improvisationskunst, von gestischer Komposition in Werbespots bis zu Traktaten der Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts reicht. Die Geste im musikalischen Spannungsfeld von Choreographie, Performance, Komposition, Regie, Gender und Vokabular ist ein Schlüssel zum Verständnis weit über die Musik hinaus. So spannt schon die Einleitung einen weiten Bogen von der Anerkennung der Gebärdensprache als Kultur erbe über die strafrechtliche Behandlung der Geste, Code sprachen wie jene des Tauchens oder jene mit dem Fächer bis zu den digitalen Technologien. Dass die Geste einerseits aus Kult und Kommunikation nicht wegzudenken ist und andererseits die Musik genauso bestimmend prägt wie der Klang, die Tonhöhe oder der Text, macht die Beschäftigung mit ihr aus musikalischer Sicht zu einer Erkenntnisquelle für jedwedes – nicht nur musikinteressiertes – Publikum.


Rezensionen
Ditta Rudle:

Ein Sachbuch von besonderer Anmut. Geht es doch um die „Geste in Komposition und Aufführung“. So der Untertitel der Sammlung von vielfältigen Essays über die Sprache des Körpers, nicht nur speziell in der Musik, sondern auch allgemein. Die Herausgeberinnen, Irene Suchy und Susanne Kogler, sind selbst kompetente Musikwissenschaftlerinnen und haben den Band als Ergebnis eines künstlerisch-wissenschaftlichen Projekts „Vom Entdecken der Hände – Gesten, Posen und Gebärden“ mit KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen gestaltet.

Schon vor vielen Jahren hat mir der Tänzer und Choreograf Bernd Bienert beigebracht, dass die Geste vor dem Wort entstanden ist. Noch bevor die Menschen den Dingen einen Namen gaben und ihr Tun und Handeln mit Wörtern beschreiben konnten, haben sie sich über die Geste und die Mimik (Geste des Gesichts) ausgedrückt. Ein Tänzer muss das so sehen. Aus Erfahrung weiß ich, wie gut man sich ohne Wörter mit Menschen unterhalten kann, deren Sprache man nicht spricht, die die eigene Sprache nicht verstehen. Und kindliche Gesten, wie eine lange Nase oder den Vogel zu zeigen, sind nahezu in jeglichem Kulturraum verständlich.

Um ein paar Schritte weiter zu gehen: Wie anders hört sich ein Konzert an, wenn die Musiker*innen nicht sichtbar sind. Die Geste ist auch in der Musik wichtig und unabdingbar, von der Theaterbühne gar nicht erst zu sprechen.

Die Tänzerin und Choreografin Silke Grabinger hat gemeinsam mit dem Komponisten Bernhard Lang das Performance Stück „Moving Architecture“ entwickelt. In der Aufführung bei Wien Modern 2015 hat sie für das aufführende Ensemble PHACE eine Tanznotation geschaffen, sodass das Orchester spielend tanzte oder auch tanzend die Instrumente spielte. Die Gesten untersichten dabei die Komposition und auch die Bewegungen der drei agierenden Tänzerinnen.

Gesten im Alltag werden genauso erworben wie die Sprache. Leicht kann am Idiom, am Akzent und natürlich an der Sprache an sich auch am Gestenrepertoire erkannt werden, zu welcher Gruppe, ob Geschlecht, sozialen Schicht oder Herkunftsland Menschen sich zählen. Wie die verbale beruht auch die nonverbale Sprache auf Konventionen. Es ist ausgemacht, wofür der hochgereckte Mittelfinger steht – im österreichischen Strafrecht ist dieser Stinkefinger nur eine Anstandsverletzung, jedoch nicht strafbar.

Für die Bühne werden Gesten einstudiert, sollen mehr oder weniger natürlich wirken; auf dem Konzertpodium werden sie meist unbewusst gemacht. Die bewusste Gestik der Philharmoniker kann sehr gut anlässlich der Übertragung des Neujahrskonzerts beobachtet werden. Da wissen die Musiker*innen die Kameras auf sich gerichtet und wollen besten Eindruck auf das Millionenpublikum machen. Von einer Loge in der Oper in den Orchestergraben blickend ist ganz anderes zu beobachten.

Die Geste spielt nicht nur im Alltag und in der darstellenden Kunst eine Rolle, auch über die Geste im Strafrecht kann referiert werden, oder die Geste im Kult. Gerne würde ich vorne stehen, golden gewandet, die Arme ausbreiten und das Volk unten zum Knien, Aufstehen, Sitzen bewegen. Nur mit der einstudierten Geste! Das Thema wird unerschöpflich, der Blick wird geweitet.

Im bebilderten Band ist das Berichten über die Partituren des Körpers in drei Abschnitte geteilt: „Geste und Komposition“ mit einem Einblick über Otto M. Zykans gestische Partituren, gegeben von Irene Suchy; „Geste und Inszenierung“ mit den Forschungsergebnissen Bienerts, der seit vielen Jahren der Gestik im Melodram (18. Jh.) und in der Folge auch jener in den Opern Mozarts nachspürt. Und schließlich „Gebärden, Erzählen, Erfinden“, worin auch die Geigerin, Vokalistin und Komponistin Mia Zabelka zu Wort kommt und über „Klang (mit) Geste“ erzählt. Erwähnt werden soll noch ein Interview von Nicole Delle Karth mit der Regisseurin Sigrid T’Hooft, „die mit ihrer historischen Aufführungspraxis alles andere als pathetisches Zeigetheater in Szene setzt“ (Delle Karth), über das „Encodieren der Gesten“. Sämtliche Autor*innen sind mit kurzen biografischen Angaben im Anhang angeführt.

Ein Sachbuch muss nicht langweilig und schwer zu lesen sein, es darf aber zum Nachdenken anregen, zum genauer Schauen und im konkreten Fall natürlich auch zum Gestikulieren. Etwa dazu, den imaginären Hut zu ziehen und sich zu empfehlen. Und selbstverständlich auch das von der Bibliothek der Provinz mit einer Tuschzeichnung von Lore Heuermann am Cover versehene aufgelegte Buch.

(Ditta Rudle, Rezension für: Tanzschrift – aus Liebe zum Tanz, [4.2.2018])


http://www.tanzschrift.at/panorama/gelesen/681-i-suchy-s-kogler-partituren-des-koerpers