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Kurzbeschreibung

Lange Zeit hindurch hat Klara das Gefühl gehabt, sie würde es nie wieder über sich bringen, die eigenartige wunderschöne Herbststimmung dieser sanften Hügellandschaft zu ertragen, würde nicht die Gelassenheit aufbringen können, sich einstige Empfindungen zurückzurufen, ohne übermächtige Wehmut und Schmerz zu fühlen. Und doch hat sie sich letzten Endes zu dieser Reise entschlossen …

Eine Frau hält Rückschau auf ihr Leben, das sich abseits der gesellschaftlich sanktionierten Grenzen bewegt. Doch was ist moralisch korrekt? Geht es dabei nur um Sittlichkeit, oder sollte nicht die Menschlichkeit im Vordergrund stehen? In sensibler und subtiler Weise schildert Edith Haider das Doppelleben Klaras und ihr Ringen mit ihren eigenen Ansprüchen und den Vorstellungen der anderen.


Rezensionen
Matthias Mander: Edith Haider – Zwielicht

Die lebensbewährte Frau und schriftstellerische Könnerin Edith Haider legt eine tiefgehende Seelenstudie vor: Dieser Roman ist der teils auktorial berichtete, teils indirekt gezeigte innere Monolog einer Frau über ihr außereheliches Verhältnis. Ehemann und Liebhaber sind vor einigen Jahren gestorben. Die nunmehr allein Reisende Klara besucht jenes Hotel an einem malerischen See, das früher oft als heimliches Liebesnest gedient hatte und erinnert sich. – Woran? Sie war eine gutgestellte Lehrerin, intelligent und hübsch, Mutter zweier halbwüchsiger Töchter, in landläufiger Ehe. Der Liebhaber war ein wohlhabender Tierarzt im Zenit seiner Männlichkeit mit zwei herangewachsenen Söhnen von seiner durchaus herzeigbaren Frau. In einem Russischkurs setzt er sich – in eindeutiger Absicht – neben die attraktive Kursteilnehmerin, zeigt sich in voller Virilität und gewinnt deren Interesse und Hingabe. „Wahrscheinlich trug Klara … schon die Bereitschaft in sich, brachliegende Gefühle mit jemanden auszuleben, der ‚es wert war‘ … Bernhard war es …“ (S. 25) „Eher um ihn nicht zu enttäuschen denn aus Leidenschaft gab sie schließlich seinen stürmischer werdenden Bemühungen nach …“ (S. 26)

Es folgt eine jahrelange prekäre Intimbeziehung parallel zu zwei tunlichst hiervon ungestörten Routine-Ehen. „Jahre der Bedrängnis, der gestohlenen Stunden, der Unaufrichtigkeit, der Verzweiflung …“ (S. 30) „…zwei Männer am selben Tag – es war schändlich. (Ehemann Anm.) Erwins Umarmung war ihr nicht unangenehm … Verrat an (Liebhaber Anm.) Bernhard …“ (S. 49) „… für den Augenblick zu leben, denn das sei das einzige, was sie wirklich besaßen … wie Bernhard … erklärt hatte.“ (S. 76)

Wirklich singulär und beklemmend wird dieses anstrengende Doppelleben durch den plötzlichen Schlaganfall des gealterten Zweitmannes Bernhard – und die ganz ungewöhnliche, ebenso erstaunliche wie peinliche Durchsetzungskraft seiner heimlichen Geliebten, sich ohne Rücksicht auf die bisher so mühsam beachtete Konvention Zutritt zum Krankenzimmer sowohl im Spital wie im Rekonvaleszentenheim, schließlich sogar in seinem Wohnhaus zu verschaffen: Mit dem „Recht“ der Geliebten …

Die Verfasserin dieser Prosa, Edith Haider, von 1990 bis 2014 bereits mit zehn Büchern in Lyrik, Prosa, unter anderem meisterhaften „Betrachtungen“ im Wiener Dialekt, vielfach anerkannt hervorgetreten (der Rezensent bezeugt ihre großen Vortragserfolge!) ist eine scharfe Beobachterin und gründliche Erzählerin mit langem Atem, wenn es um die tiefschürfende Erschließung des von ihr gewählten Stoffes geht. Ihre Sprache ist gepflegt und treffend. Jedes angeschlagene Motiv wird bis zur Durchsichtigkeit in mehrfachen Zugängen erschlossen. „… dass sich die skrupellos genommenen Stunden nicht bezahlt machen.“ (S. 82) „Es ist alles so unwürdig, dachte Klara, so gemein, mir graust vor mir selbst …“ (S. 109) „Wie lange dieses würdelose Versteckspiel noch dauern sollte … Keine Pläne, keine Zukunftsvisionen …“ (S. 122) „… aufsteigenden Brechreiz zu unterdrücken …“ (S. 131)

Diese Form bewirkt Lesegenuss selbst dann, wenn der Inhalt belastet. Die aquarellistisch feingezeichneten Landschaften, Tageslicht- und Wettersträhnen fügen sich in die durchaus schicksalsträchtige und endbestimmenden Einzelerinnerungen und Nachtgefühle dieses einsamen Bilanzierens herzzerreißender Erlebnisse. Edith Haider beherrscht die Kunst des Retardierens, des Spannungaufbaus und -haltens. „… hysterische Zusammengehörigkeit mit ihm befiel sie, die jeder Vernunft widerstand, jeglicher Rücksichtnahme entbehrte, … koste es was es wolle.“ (S. 99) „Meisterschaft im Aussprechen der Unwahrheit …“ (S. 101) „… an Bernhards Krankenbett geschickt Stunden wählend, in denen sie nicht … mit seiner Frau zusammentreffen musste.“ (S. 103) „… Strudel von Verwirrungen, Schuldgefühlen, Pflichtgefühlen, Enthüllungen, Entblößungen … war sie zur gebrandmarkten Seitenspringerin, Ehebrecherin, Ehestörerin geworden …“ (S. 115) „Hätte sie einen Zauberspruch gewusst, mit dem man sich selbst fortzaubern könnte aus dem Leben, sie hätte ihn gesprochen.“ (S. 130)

Auf jeder dieser 159 Buchseiten der präzisen Monographie, des Bewusstsein-Seismogramms einer keineswegs lasziven oder nymphomanen Frau wird die innere Wahrhaftigkeit der Geschichte deutlich, entfaltet sich der realitätsgedeckte Lebenslauf eines gegenwärtig nicht untypischen, nicht unsympathischen armen Mitmenschen. Und damit ist der schriftstellerischen Moral voll Genüge getan: Zumal den Lesenden auch jegliche Henry-Miller-Drastik erspart bleibt ohne dass der körperliche Antrieb des Geschehens unklar bliebe. Das Sprachkunstwerk schenkt sehr wertvolle Erkenntnisse! (Die hintergangene Ehefrau Anm.) Ilse sprach ruhig und gefasst … er sei in ihren Armen gestorben. … sie setze als selbstverständlich voraus, dass Klara nicht zum Begräbnis kommen werde, sie müsse verstehen, all die Fragen: wer ist denn die, was macht sie da … es sei auch wegen der Kinder.“ (S. 149)

Für eine etwaige allgemeine Ethikberatung liefert dieses literarische Dokument zahlreiche mahnende Einblicke, die beileibe nicht als Bewerbung oder auch nur als Trivialisierung von Ehebruch zu verstehen sind. Bis hin zu den irrigen Schlussworten der Heldin, die sich den von ihr verdrängten Weiterungen und Spätschäden in den Seelen und Entscheidungen von mindestens sieben betroffenen engsten Familienmitgliedern – abgesehen von der Direktorin und den Schülern in ihren Klassen – nicht stellen will: „… wenn man die Schuld eigentlich gar nicht anerkennen will (sie!), wenn man die Überzeugung gewonnen hat (sie!), jegliche Glücksmomente auf Heller und Pfennig abbezahlt zu haben mit Trauer und Tränen.“ ( S. 157) Schade: Es fehlen die „Trauer und die Tränen“ für die anderen Betroffenen und auch für die künftig von ihnen Verstörten, zu Fehlleistungen getriebenen Unglücklichen! Das erlösende „mea culpa“ klingt anders.

Sehr gut rapportiert, Frau Edith Haider, das erfüllt die Belegpflicht der Literatur einer Epoche.

(Matthias Mander, Rezension in: Literarisches Österreich. Zeitschrift des Österreichischen Schriftsteller/innenverbandes, 2018/01 [?])