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Kurzbeschreibung

Wiener Karl-Kraus-Vorlesungen zur Kulturkritik ; 7. – edition seidengasse


Ich nenne die Gesellschaft, in der wir leben, die heutige westliche Gesellschaft, eine Gesellschaft der Zeitzerstörung. (…)
Zeit an sich kann nicht zerstört werden. Sie vergeht ohne unser Zutun, und wir vergehen mit ihr. Sie ist in ein unzerstörbarer Zerstörer. Was ich mit Zeitzerstörung meine, kann sich nur auf die Enteignung, Verschleuderung, falsche Besetzung und Verteilung von Lebenszeiten beziehen. Und von ihr im Ernst zu sprechen, ist erst dann sinnvoll, wenn ein Potential freier Zeit zur Verfügung steht oder stünde, das nicht nur einer Minderheit, die von der Mühe notwendiger Arbeit befreit ist, sondern der großen Mehrheit den selbstbestimmten Gebrauch dieses Potentials erlaubt oder erlauben könnte. (…)

Wenn ich von Zeitzerstörung spreche, beklage ich nicht das Regime der abstrakten Zeit. Ich fordere nicht die Rückkehr zu einem Gemeinschaftsleben in überschaubaren lokalen Zusammenhängen, in denen die Organisation des Alltags ohne den ständigen Blick auf die Uhr möglich war. Die Gesellschaft der Individuen, der vereinzelten Einzelnen, die nicht von vornherein durch Familienbande, lokale Nähe, gemeinsame Arbeit, Sitten und Gebräuche verbunden sind, bedarf zu ihrer Verabredung, für den Verkehr der Menschen untereinander, für die Organisation der Arbeit einer auf die lineare, gleichförmige und beliebig teilbare Zeit bezogenen Disziplin. Und dies unabhängig davon, ob das Zeitregiment als Unterwerfung unter einen fremden Willen oder als autonome Planung des Individuums erfahren wird.