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Kurzbeschreibung

[Hrsg. von Heilbad Kurort Bad Sauerbrunn]

Dieses Buch versucht einen Brückenschlag zwischen gestern und heute, zwischen der Zeit der Monarchie, der Zwischenkriegszeit und unserem modernen Leben in kulinarischer Hinsicht.

Es soll aber auch eine Erinnerung an die Zeit sein, in der der Kurort Sauerbrunn unter anderem von jüdischen Mitbürgern profitierte, die ihm über Jahrzehnte die Treue gehalten haben. In der Zeit von 1880 bis 1937 gab es bereits eine Vielzahl von Kurorten, die damit warben, „judenfrei“ zu sein, was die jüdischen Bürger veranlasste, sich in Kurorten zu treffen, die eben nicht den Antisemitismus unterstützten. Für viele von ihnen wäre Karlsbad zu teuer und zu entlegen gewesen, also wählte man Sauerbrunn. Sie verbrachten hier ihre Sommerfrische, und wenn sie wohl­habend genug waren, errichteten sie Villen, die das Ortsbild der kleinen Gemeinde bis heute prägen.

Die Sommerfrische war für die Städter aus Budapest, Wien oder Wiener Neustadt die Gelegenheit, mit der Natur und ihren Zyklen in Berührung zu kommen, das einfache Leben, aber auch städtisches Gebaren zu genießen. Immerhin verbrachte so manche Familie von Mai bis September, den ganzen langen Sommer hindurch, unbeschwerte Tage abseits der städtischen Konventionen. Es mag so manchem Einheimischen einiges gewöhnungsbedürftig erschienen sein, was diese Städter verlangten und wie sie sich gaben. Das Resultat über die Zeit hinweg war jedenfalls eine spezielle Sommerfrischen-Symbiose. Einer lernte vom anderen und es entwickelten sich Freundschaften, Liebschaften und Dienstverhältnisse.

Auch Nichtjuden besuchten den kleinen Kurort, der, weil gut mit der Bahn erreichbar und nicht allzu teuer, ein beliebtes Ziel mit allerlei Annehmlichkeiten wurde. Kurkonzerte, Tanz, feines Essen, Heiratsmarkt.

Die Männer, die aus beruflichen Gründen nur an den Wochenenden oder für ein paar Tage mit dem „Busserlzug“ anreisten, fanden entspannte Ehefrauen und halb „verwilderte“ Kinder vor. Heute kann man sich diese Art der Sommererholung, in der die bürgerliche Familie mit Dienstmädchen und Riesengepäck Monate am Land verbrachte, kaum vorstellen. Damals verlegte man in den Sommermonaten seinen Wohnsitz an die frische Luft, eben an die Sommerfrische.

Selbstverständlich fanden diese temporären Vorgänge und Bewegungen ihren Niederschlag auch im Essen und allem, was damit zu tun hatte. So vielfältig die Küchen der Völker der k. u. k. Monarchie waren, so vielfältig hielten sie Einzug auf den heimischen Speisezetteln. Beim Essen gab es keine Berührungsängste. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Auswahl, die in diesem Kochbuch getroffen wurde, die Einflüsse der donaumonarchischen Küchen widerspiegelt. Im Burgenland gab es Kraut in Hülle und Fülle, also bediente man sich der rumänischen Krautgerichte. Gänse und Enten wurden auf jedem noch so kleinen Hof gehalten. Einem Festtagsbraten mit Gänseleber stand nichts im Wege. Früchte und Köstlichkeiten aus dem Gemüsegartl wuchsen angesichts der unzähligen Sonnenstunden wie von selbst, also ernährte man sich nebenbei auch noch gesund.

Wie sich die Küche der Kuranstalt in Sauerbrunn einstmals an den Toprezepten der Monarchie orientierte, so sprach und aß man eben auch ungarisch, rumänisch, jüdisch, polnisch, böhmisch und wienerisch. Man vergesse auch nicht den italienischen Einfluss, der sich in diversen Reis- und Fischgerichten niederschlug. Diese Kultur­leistungen des Kochens und Wissens um die vielfältigen Köstlichkeiten aus beinahe ganz Europa sind mittlerweile stark in Vergessenheit geraten.

Nach den verheerenden Weltkriegen tauschten die Städter Bösendorferflügel gegen Schmalz. Hier am Land kannte man den Hunger nur begrenzt. Felder, Wiesen und Gärten gaben genug, um anständig zu überleben. Leider erforderten die politischen Ereignisse, dass vor allem meine Generation und die meiner Eltern schon sehr wenig von der kosmopolitischen Vielfalt der Küche der Donaumonarchie mitbekommen haben. Umso spannender ist dieser Streifzug durch die kulinarische Sommerfrische und ihre Ursprünge.

Die vorliegende Sammlung von Rezepten und Erinnerungen an die kleine Sommerfrische Sauerbrunn soll eben auch dazu dienen, den Schatz unseres kulinarischen Erbes zu bewahren und ihn ins neue Jahrtausend zu retten. Denn eines ist gewiss: Der menschliche Gaumen hat eine historische Dimension, die Wärme und Geborgenheit mit den vertrauten Rezepturen verbindet. Somit wünschen wir Ihnen guten Appetit!

(Susanne Dobesch und Irene Lupinski im Nachwort)