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Kurzbeschreibung

[Vorworte von Peter Huemer und Julian Schutting. Mit Selbstäußerung der 94 fotografierten Künstler und jeweils einer Kurzbiografie im Anhang.]


Die österreichischen Künstler und das österreichische Antlitz

Das österreichische Antlitz sei »von außerordentlicher Unterernährtheit, jedoch von teuflischem Behagen gesättigt. Ein dürrer Zeigefinger scheint hin- und herfahrend alle Hoffnung zu nehmen.« So hat es Karl Kraus im Ersten Weltkrieg beschrieben.

Gibt es das überhaupt, das österreichische Antlitz? Und ist es – heute fett geworden – tatsächlich von solch hämischer Bös­artig­keit? Nikolaus Korab hat sich auf die Suche gemacht. Und er sucht dort, wo Österreich am schönsten und am bedeutendsten ist, immer schon war und auch in Zukunft bleiben wird: im Antlitz seiner Künstler.

In seiner Oxford History of Music meint Sir Henry Hadow, die glänzendsten Perioden in der Kunstgeschichte der Mensch­heit seien das Athen des Perikles, das Elisabethanische England und Wien in der zweiten Hälfte des 18. und im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Und der amerikanische Historiker Carl Schorske schreibt in seinem Standardwerk Wien. Geist und Ge­sell­­schaft im Fin de siècle: »Die Intelligenz dieser Stadt schuf fast gleichzeitig auf einem Gebiet nach dem anderen Neu­erun­gen, die im ganzen kulturellen Europa als Wiener ›Schulen‹ bezeichnet wurden … In einem heftigen Ausbruch gegen den Ästhe­ti­zis­mus des Fin de siècle schufen Kokoschka und Schönberg neue Sprachen in der Malerei und Musik … Mit der Defini­tion des modernen Menschen … hat die Kultur Wiens im 20. Jahrhundert ihre Stimme gefunden.«

Die Zitate ließen sich fortsetzen. Es ist ein Klischee und trotzdem wahr: Österreich war und ist ein Land der Künste und der Künstler. Das schafft ein Gefühl der Erleichterung beim Durchblättern dieses Buches. Es ist, als wollte der Photograph Korab, indem er der Würde der Portraitierten mit seinen Bildern gerecht wird, gleichzeitig die gründlich zerstörte Würde des Landes wiederherstellen, dem diese Künstlerinnen und Künstler entstammen, an dem sich viele von ihnen gerieben haben.

In der österreichischen Literatur gibt es eine Tradition des Sich-Kränkens über die Zustände, das ästhetische Auswege sucht. Sie beginnt spätestens im Vormärz mit Grillparzer, Stifter, Nestroy und reicht über Musil, die »fröhliche Apokalypse« von Hermann Broch, die verzweifelten Gedichte von Theodor Kramer, die Wut Helmut Qualtingers und der Wiener Gruppe bis in die Gegenwart der hier Portraitierten, bis zu Günter Brus und Elfriede Jelinek. Die Wut und auch ihre ironische Brechung: »Kunst muß die Wirklichkeit zerstören, so ist es, die Wirklichkeit zerstören statt sich ihr unterwerfen, auch was das Schreiben anbelangt … Aber das Entsetzliche, müssen Sie wissen, das Entsetzliche ist: Die Wirklichkeit macht ungeniert weiter, die Wirklichkeit schert sich keinen Deut um die Zerstörung, die ihr von der Kunst zugefügt wird …«, lautet Werner Koflers Satz in diesem Buch.

Warum bringt ein so kleines Land so viel und so bedeutende Literatur hervor, fragt die amerikanische, als Kind aus Wien deportierte Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger. Dasselbe gilt für die Architektur, auch für andere Sparten der Kunst. Aber macht Ruth Klügers Frage überhaupt Sinn, wo sich Kunst doch per definitionem nationalen Grenzen entzieht, da »nationale Kunst« ein Widerspruch in sich ist – entweder »national« oder »Kunst«, beides zusammen geht nicht? Ist es daher sinnvoll, die Portraits von Künstlerinnen und Künstlern in einem Band zu vereinen, deren Gemeinsames vor allem ist, daß sie Österreicher sind?

Es ist immer noch sinnvoll, solange Kunsthistoriker, Ästhetikprofessoren, Literaturwissenschaftler in aller Welt meinen, in den Werken vieler österreichischer Künstler etwas Spezifisches zu entdecken, das einer ganz eigenen historischen Tradition entspricht, die von der Gegenreformation bis in die Nazizeit reicht, bis zum verheerenden Umgang mit dieser in der Zweiten Republik und zur »sozialpartnerschaftlichen Ästhetik« des Robert Menasse.

Denk’ ich an Österreich, so denk’ ich an H. C. Artmann und Friederike Mayröcker, an Hans Hollein und Franz Ringel, an Josef Hader und Maria Lassnig und Kurt Schwertsik und Christine Ostermayer. Ich denke an die Künstler, wie sie uns Nikolaus Korab zeigt, kann jedoch leider das »österreichische Antlitz« nicht übersehen, das wir gerade in diesem Jahr bis zum Erbrechen betrachten dürfen.

Aber was bleibt, werden die Gesichter der Künstler sein.

(Peter Huemer)