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Verlag Bibliothek der Provinz: Verlagsprofil

Leichte Lektüre… Der Verleger Richard Pils und seine „Bibliothek der Provinz". Von Alexander Glück


Wie wird man Verleger? Suhrkamp fing als Lehrer an und stieg quer ein – Pils auch. Fischer und Matthes ließen sich in der Frage, wie ein Buch sein solle, von ihren eigenen Vorstellungen leiten, Pils auch. Richard Pils lässt sich auf seine Träume ein und bringt auf eigenes Risiko diejenigen Bücher heraus, die er gerne kaufen würde. Natürlich muss er auch darauf achten, dass er seine Bücher losbekommt, doch ist der überwiegende Teil seiner Arbeit von der Ästhetik geprägt, Ideale zu haben und zu verwirklichen. Von den über vierhundert österreichischen Verlagen werden fast fünfzig Prozent als Kleinverlage bezeichnet.

Die 3500 Buchtitel, die von ihnen derzeit lieferbar sind, machen nur ein Neuntel der heimischen Buchproduktion aus. Durch einen Wandel in der ehedem hauptsächlich mit Schul- und Fachbüchern befassten Verlagslandschaft entstanden in den siebziger Jahren die ersten Klein- und Autorenverlage; österreichische Dichtkunst musste sich nicht länger in staatsnahen Anthologien und Literaturzeitschriften verstecken. Die Verlagsförderung wird erst seit Mitte der achtziger Jahre ernsthaft diskutiert. Trotz aller Unwägbarkeiten des brotlosen Geschäftes gelang einigen Verlegern in den letzten Jahren die Professionalisierung. Mit starkem persönlichen Einsatz und Mut zum Risiko etablierte sich eine Gruppe ambitionierter Büchermacher in besser sortierten Buchhandlungen sowie in den Köpfen der Buchhändler und der Leser. Die „Bibliothek der Provinz" des Richard Pils, gleichsam am „Ende Österreichs" in Weitra angesiedelt, gehört zu den interessantesten dieser Kleinverlage.

Dabei ist sie gar kein Verlag, wenn man zumindest den anspruchsvollen Maßstab anlegt, den ihr Inhaber Richard Pils postuliert. Zu einem Verlag gehören nach seiner Ansicht ein Name, ein Programm, eine gewisse Verantwortung und insbesondere ein Lektorat. An letzterem aber haben mittlerweile fast alle „Verlage" Österreichs den Rotstift angesetzt. Die Bedeutung des Lektorats sieht Pils nicht im Korrigieren oder in der Schriftauswahl, sondern zunächst in der Betreuung der Autoren, in der Unterstützung bei der schwierigen Aufgabe, Profil zu gewinnen. Statt in den Genuss dieses Coachings zu kommen, sind Autoren in Österreich in der Regel auf sich gestellt. Die pessimistische Bilanz: Es gibt keine Verlage mehr. Dieser hohe Anspruch verrät, dass Pils sich über seine Arbeiten Gedanken macht. Der Verleger ist für ihn nicht einfach nur der Inhaber einer Firma, die in irgendeiner Weise Bücher produziert, sondern ein Förderer geistiger Welten, ein Kristallisationspunkt für Ideen.

Das Engagement, welches Verlegern und Katalysatoren noch vor dem Zweiten Weltkrieg zueigen war, ist heute längst nicht mehr üblich – vielleicht ist Richard Pils der letzte Angehörige einer ausgestorbenen Spezies.

Dass er sich seinen Aufgaben jeweils hundertprozentig widmet, zieht sich jedenfalls durch seine gesamte Biographie. In der Süddeutschen Zeitung war schon 1992 zu lesen, wo Richard Pils zu den Wörtern fand: auf dem Klo. Der 1946 geborene Sohn eines Eisenbahners und Nebenerwerbsbauern begann zu einer Zeit zu lesen, als man noch Zeitungen zerschnitt, anstatt sich mit dreilagigem Flausch zu verwöhnen. Unter diesen Textfragmenten befanden sich sogar noch Reste aus den Zeiten der Monarchie, die beide Weltkriege überdauert hatten und nun, auf einem „Häuserl" zwischen Apfelbaum und Holunder, einen begeisterten Leser fanden. Das war Anfang der fünfziger Jahre, irgendwo im Mühlviertel, irgendwo in der sozialen Unterschicht. Die Eltern stammten von Bauern ab und führten nebenher eine kleine Landwirtschaft zur Selbstversorgung. Im und nach dem Krieg brachte das, was da aus dem Boden strebte, wirtschaftliche Unabhängigkeit und die Möglichkeit, Kosten zu sparen. Das wiederum ermöglichte einen Luxus, der keineswegs weit verbreitet war: Es wurde viel gelesen.

Die Kindheit des Richard Pils war spannend. Zur Volksschule hatte er einen weiten Weg zurückzulegen, auf dem es allerhand zu erleben gab. Die Großeltern erzählten oft von ihren Erlebnissen in den Weltkriegen und in der Zwischenkriegszeit. Für den Bub, der mit großen Augen zuhörte, zählte der Abenteuerwert – der politische Hintergrund dämmerte ihm erst Jahre später. Doch die Geschichten, die er erzählt bekommen hatte, trug er als festen Besitz mit sich. Da ging es um die „KZler", die in der Scheune einquartiert worden waren, und von denen die Großmutter unbefangen ihrem Enkel berichtete, der gar nicht wusste, was das ist: ein KZler.

Die fünfziger Jahre brachten auch dem Mühlviertel allgemeinen Aufschwung, der ein größeres Angebot an Bildung mit sich brachte. Pils begann zu studieren, was ihn interessierte. Statt sich mit einem vorgefertigten Lehrangebot zufriedenzugeben, wählte er aus, wen und was er hören wollte, und reiste bis Linz und Klagenfurt. An der Akademie der bildenden Künste in Wien war er Mikl-Schüler, nicht ohne den Kontext zu seinen eigentlich pädagogischen Zielen zu verlieren.

Mit diesem Bildungsweg wurde er Lehrer und suchte sich eine kleine Dorfschule als idealen Wirkungsort. Denn am ehesten dort sah er die Möglichkeit, die pädagogischen Konzepte von Pestalozzi, Steiner und anderen zu verwirklichen. Die Unzufriedenheit mit dem österreichischen Schulwesen brachte ihn dazu, sich für Schulversuche einzusetzen, die damals keineswegs denkbar waren, schon gar nicht auf dem Land. Da trat plötzlich ein langhaariger Schuldirektor auf, legte den Lehrplan wörtlich aus und brachte den öffentlichen Schulen Impulse, wie sie bis dahin allenfalls Privatschulen kennengelernt hatten. Bis heute geht er nicht von Schulpflicht, sondern von Schulanrecht aus; bei seinen eigenen Kindern hat er die Möglichkeit des häuslichen Unterrichts konsequent umgesetzt.

Einen großen Einschnitt brachte die Katastrophe von Tschernobyl in seinem Leben. Er hatte jahrzehntelang gegen Atomkraftwerke und Militarismus gekämpft, sein ganzes Geld in dieses Anliegen gesteckt und – als Beamter – öffentlich Position bezogen, und plötzlich war das befürchtete Horrorszenario eingetreten. Um der drohenden Verseuchung zu entgehen, brach er mit seiner Familie zu einer Reise nach Irgendwo auf: An allen möglichen Orten erlebten sie manches, vor allem das Abenteuer des Zusammenhalts, aber auch praktische Dinge. In Neuseeland bauten sie aus einer Handvoll Wracks ein Auto.

Wieder zurückgekehrt, fing Richard Pils ein neues Projekt an, nämlich den Luxus, ein Buch, das er im Buchhandel nicht kaufen konnte, selbst drucken zu lassen. Die „Bibliothek der Provinz" war eigentlich nur für drei Jahre geplant, dann für fünf und nun sind es schon zehn. Trat Pils eigentlich nur an, um zu zeigen, dass auch außerhalb der Metropolen kulturelle Initiativen ihre Berechtigung haben, so gewann das Projekt durch den guten Absatz der Bücher mehr und mehr an Fahrt. „Bibliothek" nannte er es, weil es in seinen Augen kein Verlag im eigentlichen Sinne ist – letztlich nur eine Erweiterung seiner eigenen Büchersammlung auf ungewöhnliche Weise. Der Standort Weitra, von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vergeblich im Atlas gesucht, bleibt eine Aufforderung, über Globalisierung und Zentralisierung nachzudenken. In einer Zeit, wo schier jeder mit jedem kommunizieren kann, ob er nun in Buenos Aires oder in Weitra wohnt, ist die Orientierung an den Metropolen noch immer festes Allgemeingut. War es kein Zufall, dass diese Bibliothek in der Provinz entstand, so ist es kein Zufall, dass sie dort noch immer ist – und zeigt, dass auch von der Peripherie aus kulturell gewirkt werden kann.

Das Verlagsprogramm des Richard Pils begann mit zeitgenössischer Literatur, aufgelockert durch Kuriositäten aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, und schon bald wurde es um Regionalliteratur und Werke Adalbert Stifters erweitert. Mit wachsender Bekanntheit kamen nach und nach auch etliche zeitgenössische Manuskripte – im Jahr mehr als 1400 – auf den Bauernhof in Weitra. Heute umfasst das Programm 1648 Titel aus den Bereichen Austriaca und Regionalia, Kulturgeschichte, Kinder-, Koch- und Kunstbücher, Literatur und Mundart, Musik, Theater, Pädagogik, Wissenschaft und noch einigen mehr. Auch Tonträger, Videos und Lehrmittel werden produziert. Genauso umfangreich wie die Liste der Sachgebiete ist die Bandbreite verschiedenster Autoren, unter ihnen Herbert Achternbusch, Thomas Bernhard, Christoph Braendle, Emil Breisach, Max Dauthendey, Hubert Christian Ehalt, Hans Eichhorn, Norbert Elias, Ria Endres, Vera Ferra-Mikura, Franzobel, Michéle Gazier, Eugen Gomringer, Evelyn Grill, Friedrich Gulda, Monika Helfer, Bodo Hell, Peter Henisch, Franz Kafka, Angelika Kaufmann, Franz Kain, Conny Hannes Meyer, Curt Meyer-Clason, Christian Morgenstern, André Müller, Platon, Käthe Recheis, Wieland Schmied, Mary Shelley, William Soutar, Theodor Storm, August Strindberg, George Tabori, Gerhard Trumler, Peter Turrini, Josef Winkler, Richard Zach. Dieses ausgedehnte Spektrum ist eine Folge der Verlagsphilosophie: Es wird das realisiert, was den Verleger anspricht. Es scheint, als nehme sich Richard Pils ausnahmslos derjenigen Manuskripte an, die er selbst gerne als Buch in seinem eigenen Bücherschrank wüsste. So heißt es im Verlagsalmanach: „Es soll ja nur eine sehr persönliche Bibliothek sein, die ich mir da aufbaue, mit der ich meine Bibliothek erweitere. Ich lese, sammle und produziere Bücher."

Die Sorgfalt, die der Verleger seinen Büchern angedeihen lässt, zeigt sich in Typographie und Ausstattung ebenso wie zuweilen im Preis. Die Bücher werden nicht nachgedruckt, die Auflagen umfassen zwischen zweihundert und zweitausend Stück. Manche Bücher werden so hergestellt, dass es nur Unikate gibt oder dass jedem Buch ein anderer Druck beiliegt („Indigo").

Die „Bibliothek der Provinz" hat etwas von den ersten Druckereien, die ab 1450 kleine Auflagen druckten und der gesamten Genese des jeweiligen Buches ihren Stempel aufdrückten. Man merkt an den Ergebnissen, dass hier ein Bibliophiler am Werk ist, dem die Güte und die sinnliche Erfahrbarkeit seiner Erzeugnisse ein Anliegen ist. Richard Pils ist ein Handwerker des Buches, der die Geburt jedes Titels von der Gestaltung über die Herstellung bis zum Vertrieb geflissentlich überwacht.

Ganz bewusst ist Richard Pils mit seinem Verlag für Literatur, Kunst und Musikalien nicht in die Stadt gezogen. Als Verlagshaus dient der ehemalige Dorfgasthof von Großwolfgers, einem kleinen Ort von zweihundert Seelen. Hier, fernab von den Knotenpunkten eines längst allzu merkantil gewordenen Literaturbetriebes, komponiert der Unternehmer ein Programm, das sich ein Verlag normalerweise nicht erlaubt. Literaturproduktion geht landläufig so vonstatten, dass ein Verlag etliche gut absetzbare Titel produziert, um allenfalls eine gewisse Beimischung an weniger gefragten Büchern mitzupflegen.

In Großwolfgers aber läuft alles anders. Die Bibliothek der Provinz verlegt keine Schnelldreher, und die Beimischung hochwertiger Bücher, die andere Verlage mit den „Rennern" finanzieren, macht hier das gesamte Verlagsprogramm aus. Verkauft sich ein Titel schlecht, wird er nicht – wie es mittlerweile überall gehandhabt wird – verramscht, sondern er wird solange gelagert, bis er dann doch verkauft worden ist. Das macht zum einen das Programm von Jahr zu Jahr umfangreicher, vielseitiger und illustrer, zum anderen hält es die Leser davon ab, auf die weißen Buchwochen zu warten und die ansprechenden Bücher um ein geringes Geld zu kaufen. Wer diese Titel geringschätzen will, wird nicht auch noch bestätigt. Im deutschsprachigen Raum war dieses jahrzehntelange Einlagern von Büchern bis in die sechziger Jahre noch allgemeine Praxis, heute können es sich nur noch einige wenige Verlage mit dem entsprechenden finanziellen Hintergrund und gewissen Ambitionen leisten, ein Buch wie beispielsweise „Trübners Deutsches Wörterbuch" aus dem Verlag Walter de Gruyter zu halten, welches noch immer aus der ersten Auflage von 1939 bis 1954 ausgeliefert wird. Um die rasant gestiegenen Lagerhaltungskosten auszubremsen, werden auch gediegene Bücher nach wenigen Jahren mit starkem Preisnachlass hinausgeschmissen – freilich auch ein Umgehen der Preisbindung, wenn man dies bereits bei der Kalkulation weiß.

Überdies ist der überwiegende Teil der österreichischen Verlagslandschaft staatlich subventioniert, was zur Folge hat, dass weder ein eigentliches unternehmerisches Risiko übernommen wird, noch Literatur hochkommen kann, die abseits des staatlichen und gesellschaftlichen Konsens steht. Die faktische Verstaatlichung der Verlage wirkt sich in der Weise aus, dass vieles nur noch scheinbar ist: die Vielfalt, das Angebot, die Nachfrage.

In diesen Strukturen ist es schwierig, einfach loszugehen und irgend etwas auf die Beine zu stellen, wie Pils es in Amerika und Deutschland kennengelernt hat. Staatliche Zwänge und Behinderungen in Österreich erschweren die Realisierung der Träume genauso wie Neid und Missgunst. In allen Bereichen ist die Tendenz zu spüren, jemanden kleinzumachen oder ganz zu vernichten, noch bevor man sich mit ihm auseinandergesetzt hat. Dennoch gelang Pils das Unmögliche, und zwar rein intuitiv: einen Verlag auf die Beine zu stellen, der den Großen das Staunen beibringt und Bücher herausbringt, die es eigentlich längst geben könnte und doch schon lange nicht mehr gibt.

Auf die finanzielle Seite seines Weges angesprochen, verrät Pils sein einziges geschäftliches Credo: Man kann nur etwas ausgeben, was man in der Geldbörse hat. Oder anders gesagt: Man darf nur keine Schulden machen. Denn schließlich ist er sich der Verantwortung bewusst, die er seiner Familie gegenüber trägt; gleichzeitig ist er froh, keine Verpflichtungen zu haben und mit dem Verlag jederzeit aufhören zu können, weil es eben keine Verbindlichkeiten gibt: Alles ist bezahlt. Wie er es schafft, dann auch noch die Burg Raabs zu ersteigern und zu einem Kulturzentrum umzubauen, mag sein Verlagsgeheimnis bleiben. Es scheint bei dem, was er tut, nicht so sehr um Bilanzen und Gewinn als vielmehr um Werk und Aufgabe zu gehen – und diesem Menschen vergönnt man es schon, wenn die Dinge zufriedenstellend laufen. Und was macht er, wenn er die „Bibliothek der Provinz" irgendwann abgeschlossen hat? Vieles aufarbeiten, was sich in den Jahrzehnten angesammelt hat, sich und seine Umgebung ordnen. Oder vielleicht einen richtigen Verlag aufmachen, mit allem, was dazugehört.