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Kurzbeschreibung

[Abb.: Gabriele Quasebarth]


Ort, parallel, und ich stehe am Abgrund, damals,
in der Zukunft:
Am Zaun und am „Aus!“, am Wiedererkennen
und Zurückfinden ins
Erdgeschlecht, in die kantige, moosbewachsene
Höhle deiner namenlosen Bewohner.



Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Es gibt Begriffe, da will man unbedingt mehr wissen, wenn sie unvermittelt auftauchen. Landschaft und Schnee sind unendlich weite Zustände, die einen ein Leben lang aufsuchen, und über der Fügung liegt etwas von Unsterblichkeit.

Petra Ganglbauer tritt gegen diese Unendlichkeit mit dem spitzen Werkzeug der Kurzprosa an. In knapp vierzig poetischen Hieben wird versucht, Zeit und Ort das Messer anzusetzen, eine Kluse zu finden in der abwehrenden Oberfläche, in die Tiefe zu bohren wie eine tierische Seele auf Nahrungssuche.

Dem bohrenden Erzählvorgang ist ein Motto vorangestellt: „Die wenigen Augenblicke der Nichtzugehörigkeit sind unbezahlbar.“ (5) Und im Abspann mündet diese Nichtzugehörigkeit schließlich in ein galaktisches Bild, worin das erzählende Ich in einen gekrümmten Raum aus Zeitlosigkeit springt und Weiß als Ereignishorizont empfindet.

Auf diese Schwerkraftlosigkeit steuern die Prosazellen zu, die fast alle mit einer erzählhydraulischen Eingangssequenz versehen sind. „Ort, parallel, und ich stehe am Abgrund, damals, in der Zukunft“. In dieser Beschwörungsformel sind die Grundelemente Zeit, Ort, Person und Perspektive tapfer aufgezählt, aber grotesk verdreht. Die Zukunft gilt als Erzählzeit, die Parallelität als Ortsangebe, der Abgrund ergibt sich aus dem Gap zwischen Vordergrund und Hintergrund.

In dieser Konstellation entwickeln sich intime Situation des erzählenden Ichs: „Ich gerate durch dich zu mir. Durch deinen Modergeruch, das feine Sägen im Holz.“ (15) Ab jetzt sind die Ereignisse verkürzt zu Bildunterschriften, Fotoblitzen oder dem amorphen Zustand aus Mehl und Kreide.

In diese Mini-Reiseberichte aus einer Landschaft ohne Inhalt und Inventar sind im Kursiv-Druck Durchsagen eingefügt. Grußformeln, mit denen man sich auf die täglichen Nachrichten einrichten kann, Wiederholungen von Anweisungen, Lautsprecherausrufe von einst geflüsterten Sätzen. Kursiv entwickelt sich eine Metaebene, die sich allmählich zu so etwas wie einem öffentlichen Raum verfestigt.

Erkenntnisse verdämmern im Eintagsfieber, jemand verheizt seine Berge aus Not, einem anderen wird das Gedächtnis herausgerissen, an einem halbverwesten Korpus naschen Tiere auf der Wiese, was bleibt, sind Reste von Bildern. – Diese Ereignisspitzen erleben ungeahnte Verstärkung, wenn sie eben diesen Landschaften aus dem Jahre Schnee ausgesetzt sind.

Petra Ganglbauer erzählt zugleich verdichtet und mit Leerstellen. Die Leserschaft ist angehalten, als Kontrollinstanz durch die Landschaft zu pirschen und gleichzeitig die Fehlfloskeln aus dem Weg zu räumen, die als Fallen und Entschleuniger in den Weg gelegt sind. Und allmählich passiert es: Die Texte erzählen sich selbst und haben Autorin und Leser untergehakt wie bei einem Freundschaftstrupp.

Die fünf Bilder von Gabriele Quasebarth sind jeweils doppelseitig eingebaut und bestechen im ersten Blick durch die dynamische Farbgebung, die wie ein Feuerbrand aus dem Graugemisch des Textes hervorsticht. Quasi an den Farb-Rand dieser Flächen sind dann behutsam Motive eingefügt wie Werkzeuge, die jemand in einer Seh-Pause hat liegen lassen.

(Helmuth Schönauer, Gegenwartsliteratur 2647, 4.8.2017)


Erika Kronabitter: Damals in der Zukunft

In ihren soeben erschienenen Miniaturen „Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee“ macht die in Wien und Burgenland lebende Schriftstellerin die Verortung der Orte zum Thema. Petra Ganglbauer, selbst an mehreren Orten verortet, beschreibt in ihrer avancierten lyrischen Prosa sozusagen den „Ort, und an diesem, dort“ (9mal) ebenso wie den „Ort, und am anderen, dort“ (14mal). Hinzu fügt die Autorin noch die Parallelität: „Ort, parallel“ (13mal) – hier allerdings entsteht das Spannungsfeld einer Doppelverortung: die Parallelität der Existenz von Orten (hier und dort) sowie die Parallelität der Zeit – allerdings in einer Gegenläufigkeit, die unsere Zeitrechnung sabotiert: „…damals, in der Zukunft“.

„Ort, parallel, und ich stehe am Abgrund, damals, in der Zukunft“, das ist die Unbändigkeit der Natur, das Knospen, Blühen, Grünen, der Berg, ein Magnet aus Kalk, das Mysterium des Wachsens ein Sog und ein Raunen, wobei „Ort, parallel“ auch mit dem Impetus des Religiösen gelesen werden kann: Der Geist, das Weltversprechen sind hier verortet, die „große Höhe der Seele“. Die Natur bricht immer wieder durch, überwuchert das Menschengemachte. Überwuchert alles, auch den Ort, „am anderen, dort“. Dort nämlich, dort herrscht Krieg, brechen die Häuser auseinander, Panzerspuren, die Meute schürt die Brandnester. An den anderen Orten herrscht immer derselbe Krieg, „stürzen sie blutend zu Boden, in die Luft gejagt, auf den einen Himmel zu“, die Kleinsten und die Mütter, die Körper über Stock und Stein, Schüsse im rastlosen Gewirr.

Kursiv geschriebene Passagen widmen sich der omnipräsenten Medienwelt. Wir sitzen am „Ort, an diesem dort“, an den Bildschirmen, sitzen hinter Großformaten oder Smartphones und inhalieren die Kriege aus dem anderen Ort in Form portionierter Massaker. Die Durchsagen im TV, im Rundfunk werden stündlich wiederholt, ein ständiges Wiederholen von ein- und demselben. Neu aufbereitete Wirklichkeitsstücke aus der Wirklichkeit gerissen, in andere Wirklichkeiten, in unsere Wohnzimmer, transferiert und medien/wählerwirksam aufbereitet. Von Politikern für die eigenen Zwecke umgedeutet und missbraucht. Hier, an diesem Ort wächst die Angst. Mit manipulativen Nachrichtenhäppchen wird die Angst gezüchtet, „eine hämische Angst und der Angriff gegen alles, was vor der Haut beginnt und anders riecht“. Wenn die Angst groß genug wird, setzt eine meutenähnliche Kläfferrunde ein, der Wortschatz bröckelt, der Sprachverrohung sind Tür und Tor geöffnet.

Durch die collagenartige Textverzahnung erzeugt Petra Ganglbauer ein Spannungsfeld von Ort und Zeit, von intimer Innen- und distanzierter Weltsicht. Hier bleiben keine Bilder, hier bleibt das Entsetzen ob der Verrohung, eine Verrohung, an diesem und am anderen Ort. Die Texte sind keine Versuchsanordnung, sondern präzise Wortsetzungen, differenzierter sprachlicher Wortschatz: Ganglbauers lyrische Kurzprosa resultiert aus dem scharfen Blick, der Fähigkeit der überaus wachen Aufmerksamkeit, welche die LeserInnen fordert, das soeben Gelesene noch einmal zu lesen und noch einmal in den gesamten Kontext der Verortungen zu denken.

Abgerundet wird der Band auf Seite 53 mit „Ort“: Das Ich ist zu sich gekommen, ist ganz Ich, ein universelles Ich, allumfassendes Sein, um auf Seite 54 abzuheben, sich zu entheben von allem Irdischen, einzutauchen in der Krümmung des Raumes – um neu wieder aufzutauchen.

Für die LeserInnen kann man sich nur wünschen, dass der Verleger der Bibliothek der Provinz auch genügend Geld für die Bewerbung in die Hand nimmt, um diese spannende Lektüre dorthin zu verbreiten, wohin sie gehört: In den gesamten deutschsprachigen und internationalen Raum – mit entsprechenden Übersetzungen.

(Erika Kronabitter, Rezension für: Fixpoetry, 15.9.2017)


https://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritik/petra-ganglbauer/wie-eine-landschaft-aus-dem-jahre-schnee

Cornelia Stahl:

Medien(landschaften), die die Nutzer mit Katastrophen nähren und Taubheit erzeugen, spiegelt Petra Ganglbauer in ihrem neuen Kurzprosaband und beobachtet Parallelwelten, die nebeneinander existieren, ohne einander direkt zu berühren.

Die gebürtige Grazerin Petra Ganglbauer ist eine fixe Größe unter den Lyrikerinnen Österreichs. Im Band „Wasser im Gespräch“ (Keiper-Verlag, 2016) erzählt sie von Orten und Naturlandschaften. Ganglbauer, selbst an mehreren Orten verortet, verwandelt (über Nacht) Wasser- und Seenlandschaften in Schneelandschaften.

Medien(landschaften) stehen im Fokus ihres neuen Kurzprosabandes „Wie eine Landschaft aus dem Jahre Schnee“. Es behandelt jene Landschaften, die uns mitunter überfluten, wenn Dinge zeitgleich, parallel, mit unterschiedlicher Intention und Intensität an verschiedenen Orten geschehen. In Sicherheit wissend, konsumieren Mediennutzer Schreckens- und Kriegsbilder von Bildschirmen und Smartphones. Parallelwelten prallen aufeinander. Die Autorin provoziert mit gegensätzlichen Bedeutungen von Zeit: damals in der Zukunft, stellt gewohnte Ordnungen infrage, lässt Naturbeobachtungen einfließen: Spuren im Schnee an einem friedlichen Ort, während andernorts Krieg herrscht, sich Panzerspuren wie blutgetränkte Narben in die Landschaft graben, Selbstmörder sich und andere in die Luft sprengen, in der Hoffnung, dem Paradies nahe zu sein.

Als „gerupfte Welt“, umschreibt Ganglbauer dieses Kriegsszenario: „in Einzelteile zerlegt, zerbrochene Wirklichkeitsstücke“ (S.33). Mit der Wiederholung „Ort, und am anderen dort“ stellt sie divergierende Welten einander gegenüber: Einerseits Orte, an denen Menschen im Krieg um ihr Überleben kämpfen, andernorts ein Übermaß an Katastrophenbildern in Europa, die ungefiltert von Medienkanälen ausgestrahlt werden, Taubheitsgefühle erzeugen: „Wir nähren ihre Geister mit Katastrophen und eine Taubheit greift um sich“ (S.35).

Petra Ganglbauer erweist sich als präzise Beobachterin. Ihre Kurztexte wirken eindringlich, sogartig, mitunter verstörend. Unbedingt lesen!

(Cornelia Stahl, Rezension in: Unsere Zeitung. Die Demokratische, 8. Oktober 2017)


https://www.unsere-zeitung.at/2017/10/08/wie-eine-landschaft-aus-dem-jahre-schnee/