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Kurzbeschreibung

Frieda Prohaska, Journalistin beim Wochenmagazin opinion, ist schwanger. Nur blöd, dass das Kind nicht von ihrem Lebensgefährten Leo stammt, sondern das Ergebnis eines One-Night-Stands ist. Um sich darüber klar zu werden, wie sie mit der Situation umgehen soll, zieht sich Frieda in ihr Elternhaus nach Penzdorf, eine Waldviertler Gemeinde, zurück. Dort herrscht gerade Krieg: Bürgermeister Kastner will einen Windpark errichten lassen, doch die Bürgerinitiative von Gottfried Gerstl kämpft mit allen Mitteln dagegen an. Als in der Gudenushöhle eine nackte Männerleiche gefunden wird, beginnen Chefinspektor Wabitsch und seine Kollegin Schweighofer vom LKA ihre Ermittlungen. Nach dem Selbstmord eines Verdächtigen scheint der Fall geklärt zu sein. Doch dann erhält Frieda unerwartete Post aus dem hohen Norden …


Rezensionen
Helmuth Schönauer:

Seit man zum Roman allenthalben Krimi sagt, lautet das Urteil der nicht Krimi-affinen Leserschaft: Der schönste Krimi ist jener, der keiner ist. Franz Kabelka muss natürlich Kriminalroman auf den Umschlag schreiben, aber genau genommen kommt der Roman auch ohne diese Bezeichnung aus, denn die Leichen kommen spät und widerwillig, gerade noch, dass sie im Drama untergebracht werden können. Denn Kaltviertel ist ein Drama an Entlegenheit und wundersamer Naivität. Der Titel geht auf eine Bemerkung des Waldviertel-Schriftstellers Thomas Sautner zurück, der das Waldviertel in einer Hommage eiskalt als Kaltviertel bezeichnet. […]

Jeder hier ist mit jedem verwandt, „bei uns herrscht gelebte Inzucht“. Dieser Satz wird erst so richtig bedeutsam, als der Bürgermeister tot aufgefunden wird, stilecht ist er am Höhepunkt des Naturkultes in der Gudenushöhle abgelegt worden.

Jetzt kommen die üblichen Krimi-Rituale in Gang, die aber nur zeigen, wie widerborstig eine Bevölkerung sein kann, die nicht verwaltet werden will, und schon gar nicht von einer Zentrale aus. […]

Die Lösung darf auch bei einem Nicht-Krimi hier nicht verraten werden, nur so viel: Es gibt eine offizielle Lösung, die in die Archive wandert. Und dann erleichtern sich die Beteiligten untereinander mit Geständnissen, die jeder stillschweigend verschwinden lässt. Die echte Wahrheit vom Kaltviertel kann nämlich nicht in offiziellen Einrichtungen verwaltet werden, die trägt jeder kalt und steif in seinem eigenen Herzen herum.

Franz Kabelka erzählt von einem Lebensmodell, das in der Peripherie der Gesellschaft dem Überleben dient. Probleme, die von außen in das Soziotop getragen werden, und sei es nur die Windkraft, bringen alles zum Erzittern. Dabei sind die Faustregeln fürs Überleben sehr klar: „Und warum trinkt man schon zu viel? – Weil man nicht so gut drauf ist. Vermutlich.“

(Helmuth Schönauer, Gegenwartsliteratur 2652)


Ingrid Bertel: Hackl ins Kreuz

Landkrimis erfreuen sich anhaltender Beliebtheit, und so lässt Franz Kabelka seine Frieda Prohaska nach ihrem Ausflug ins indische Kerala wieder danach fragen, was die österreichische Provinz so tödlich macht.

Penzdorf im Waldviertel – das ist ein Ort, der nicht von ungefähr an Braunschlag erinnert oder auch an Dorf Ilm, wo vier Frauen regelmäßig ungewöhnliche Todesfälle aufklären. Auch Penzdorf hat einen geldgierigen Bürgermeister, einen windigen Oppositionspolitiker, eine vergiftete Atmosphäre, eine lastende Vergangenheit. Und für diese Vergangenheit gibt es einen emblematisch finstern Ort: die Gudenushöhle. Sie trägt den Namen eines niederösterreichischen Landadeligen und ehemaligen Bundesrats. Womit die politischen Koordinaten des Krimis skizziert wären.

Knochen und Werkzeug aus der Älteren Steinzeit wurden in der Gudenus-Höhle gefunden, auch die Ritzzeichnung eines Rentierkopfes auf einem Adlerknochen. Rentiere im Waldviertel? Ein paar Scherzbolde nennen es deshalb „Kaltviertel“. Und dafür gibt es mehr als klimatische Gründe.

Die Journalistin Frieda Prohaska ist nach gefährlichen Recherchen über Schwermetalle in Ayurveda-Produkten aus Indien zurückgekehrt. In ihrem Geburtsort Penzing will sie zu sich selbst finden, denn die Zukunft, die vor ihr liegt, ist ziemlich verworren. Wenn schon Waldviertel, dann könne sie doch gleich für eine Reportage über Windanlagen recherchieren, bietet ihr der Magazinchef an. Denn Penzing liegt gleichsam im Auge eines Hurricanes.

Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!
Weil durch die Wälder des Waldviertels beständig der böhmische Wind pfeift, sind Windanlagen rentabel. Ein heimischer Betreiber setzt sich mit seinem Cousin, dem Bürgermeister Ernst Kastner, ins Einvernehmen. Der hat allerdings in seinem früheren Freund, dem Unternehmer Gottfried Gerstl, einen erbitterten Gegner. Gerstl geht gar so weit, in Erwinland aus der ÖVP auszutreten und eine freiheitliche Initiative gegen Windanlagen zu starten. Traurig lächelt der Sozialdemokrat Walter Fuchs, Erbauer des ersten Windrads in Penzdorf: „… als Einzelner kannst‘ halt nur klein anfangen, nicht wahr – und musst auch klein aufhören.“

Wie wahr. Und wie unprätenziös gesagt. Fein klingen Erfahrung, Beobachtung und Nachdenklichkeit zusammen, und eine philosophische Haltung setzt Kabelka ungezwungen in den lokalen Kontext: „Das Schlechte rührt daher, sagt Sokrates, dass der Mensch sich über das Gute irrt.“

Brettl vorm Kopf
Nicht so brillant sind dagegen Kabelkas Dialoge. So lässt er etwa einen Bürgermeister, der vor Wut beinahe platzt, ins Handy schreien: „Der hat Blut geleckt. Außerdem kriegt der von außerhalb Ezzes, die Oberösterreicher liefern ihm die Munition frei Haus. Und jetzt hat sich auch noch die Wiener Ärztekammer besorgt wegen des Infraschalls geäußert …“ Dass einem Dorfbürgermeister in solcher Lage der schöne Genitiv „wegen des Infraschalls“ zu Gebote steht, rückt ihn uns LeserInnen nicht eben nahe. Und was sollen wir von einem Kind denken, das uns der Autor als vollkommen verstört darstellt – und dessen innerer Monolog sich im Augenblick größter Bedrohung doch abgeklärt und kühl-taxierend liest wie ein Oneliner aus dem Mund von Tom Cruise: „Mehrfach versuchte ich Augenkontakt mit ihm herzustellen, aber er wich mir beharrlich aus.“

Es wird reichlich gemordet im Gemeinderat von Penzdorf. Das hat allerdings wenig zu tun mit der Windanlage, um derentwillen sich die ehemaligen Freunde Gerstl, Kastner und Ramtesteiner derart fundamental zerkracht haben. Der Grund liegt viel weiter in der Vergangenheit, in der Gudenushöhle – und Frieda Prohaska wird eher unfreiwillig in diese Geschichte hineingezogen, wo sie doch nur dem Buben ihrer Freundin das Märchen von Hänsel und Gretel vorlesen wollte. Wer knuspert da am Häuschen? Der Wind, der Wind, das himmlische Kind!

(Ingrid Bertel, Rezension in: Kultur. Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, 5.9.2017)


http://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/literatur/hackl-ins-kreuz-kaltviertel-von-franz-kabelka