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Kurzbeschreibung

[Reihe Menschen und Denkmale, siehe auch Andreas Töpper – Der Schwarze Graf und seine Bauwerke]

Peter Aichinger-Rosenberger und Andreas Zajic. Mit Beiträgen von: Ralph Andraschek-Holzer, Peter Berzobohaty, Margit Blümel-Keller, Gerhard Floßmann, Nadine Geigenberger, Michael Grabner, Martin Grüneis, Andrea Hackel, Wolfgang Häusler, Wolfgang Huber, Nina Kallina, Herbert Knittler, Helga Kusolitsch, Renate Leggatt-Hofer, Susanne Leiner, Thomas Mahr, Edgar Mandl, Herbert Neidhart, Claudia Riff-Podgorschek, Markus Schmoll, Margit Straßhofer, Katja Unterguggenberger, Elisabeth Vavra, Ulrike Vitovec, Guido Wirth, Bettina Withalm. Hrsg. durch das Land Niederösterreich


Die Schönheit der Landschaft fällt im Südlichen Waldviertel sofort ins Auge. Es braucht keine Superlative, um sie zu beschreiben, vielmehr bezaubert sie durch ihre Unversehrtheit abseits von schnurgeraden Schnellstraßen, Wäldern von Windkraftanlagen und ausufernden Gewerbezonen. Die intakte und unaufdringliche Gestalt des Südlichen Waldviertels liegt ein wenig im Schatten des Donautals, wo mit der berühmten Wallfahrtsbasilika Maria Taferl und dem anmutigen Schloss Artstetten, der letzten Ruhestätte von Thronfolger Franz Ferdinand und seiner Gemahlin Sophie, die Tourismus­attraktionen der Region zu finden sind. Das Gebiet um Ostrong, Jauerling und Weinsberger Wald aber gilt es erst zu entdecken.

Fährt man etwa von der Donau kommend durch das Weiten- oder das Yspertal gegen Norden oder von Zwettl kommend durch das Hölltal nach Süden, so kann man zahlreiche Kleinodien aufspüren, wie beispielsweise das Schloss in Pöggstall, dem Hauptort des Südlichen Waldviertels. Erfolgreich hat sich die Marktgemeinde Pöggstall um die Ausrichtung der Niederösterreichischen Landesausstellung im Jahr 2017 beworben und mit dem Schloss einen in seiner kulturellen Bedeutung optimalen Austragungsort zur Verfügung gestellt. Freilich, im Vorfeld der Landesausstellung gab es am Bauwerk einiges zu sanieren.

Die umfangreichen Bestandsaufnahmen und wissenschaftlichen Forschungen, die vor und parallel zur umfassenden Restaurierung der Schlossanlage notwendig waren, schufen die Basis für die nun vorliegende, anschauliche Publikation. Sie stellt die Fortführung der im letzten Jahr neu begründeten Buchreihe „Menschen und Denkmale“ dar, die sich aus Anlass der Niederösterreichischen Landesausstellung im Jahr 2015 mit „Andreas Töpper. Der Schwarze Graf und seine Bauwerke“ beschäftigte. Diesmal gilt es, die Geschichte des Schlosses in Pöggstall und das Schicksal seiner Erbauer und seiner Eigentümer zu erhellen.

Die Restaurierung eines – wie in diesem Fall denkmalgeschützten – historischen Gebäudes ist ein komplexer Prozess, der einer langen Vorlaufphase für die Planung und die bauhistorische Untersuchung bedarf. Nur wenn so viel wie möglich von der Bau- und Nutzungsgeschichte eines Bauwerkes bekannt ist, kann es nach authentischem Vorbild saniert und restauriert werden. Dazu werden Untersuchungen am Gebäude selbst vorgenommen, wobei immer wieder auch überbaute ältere Architekturen oder übermalte Wanddekorationen entdeckt werden. Eine historische Recherche kann das Bild schärfen, wie das Schloss in vergangenen Zeiten ausgesehen hat und wie es durch die jeweiligen Eigentümer genutzt wurde.

Wie der Titel – „Schloss Pöggstall – Adelige Residenz zwischen Region und Kaiserhof“ – verrät, handelt es sich bei dieser stattlichen Anlage nicht um irgendein abgelegenes Schloss „am Land“, sondern um einen bedeutenden Adelssitz, dessen Bewohner teils direkte Beziehungen zum Kaiserhaus gepflegt haben. Der große, die Anlage bis heute prägende Ausbau zum Renaissanceschloss fand Ende des 15. Jahrhunderts unter Kaspar von Rogendorf statt, der Rat und Kämmerer von Kaiser Friedrich III. war. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert die Habsburger und damit das Kaiserhaus selbst Eigentümer des Schlosses sowie der zugehörigen Ländereien und Wälder. 1919 ging das Schloss am Ende der Donaumonarchie an die Republik Österreich, im Jahr 1986 wurde es schließlich von der Gemeinde Pöggstall übernommen.

Das Schloss beherbergt im Bergfried eine „Folterkammer“ mit historischen Gerätschaften, die an finstere Zeiten der Rechtsprechung und vor allem -vollstreckung gemahnen. Tatsächlich befand sich in Pöggstall seit dem Spätmittelalter ein Landgericht. Doch lassen genauere Betrachtungen erhebliche Zweifel an der Authentizität dieser „mittelalterlichen Folterwerkstätte“ aufkommen, die in der heutigen Aufstellung wohl eher ein Produkt des 19. Jahrhunderts sein dürfte. Der kulturhistorische Wert bleibt unbestritten, doch erübrigt sich ein lust­volles Schaudern angesichts eben nur vermeintlicher mittelalterlicher Martermethoden. Vielmehr bietet Schloss Pöggstall eine reflektierte Auseinandersetzung mit allen Facetten von Recht als Regelwerk für das Zusammenleben in einer Gesellschaft: Schon seit 1988 ist im Schloss das „Museum für Rechtsgeschichte“ mit Objekten aus den Landessammlungen Niederösterreich untergebracht. Damit war das Schloss auch ­prädestiniert als Austragungsort der Niederösterreichischen Landesausstellung 2017 mit dem Titel „Alles was Recht ist“.

Das „Museum für Rechtsgeschichte“ wird in komplett erneuerter Form nach der Landesausstellung wieder im Schloss zu besichtigen sein. Die Gemeinde Pöggstall hat außerdem den Beschluss gefasst, auch das Gemeindeamt in die historischen Gemäuer zu verlegen. Die Veranstaltungsräume wurden modernisiert, die Infrastruktur für Besucher und Besucherinnen auf den neuesten Stand gebracht. Das Schloss Pöggstall hat damit die besten Voraussetzungen, auch in der Zeit nach der Niederösterreichischen Landesausstellung ein zentraler Ort der Begegnung und Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte in Niederösterreich zu sein. Und das Südliche Waldviertel verfügt nun mit Schloss Pöggstall über einen neuen Anziehungspunkt.

(Martin Grüneis und Nina Kallina)