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Kurzbeschreibung

Wei-Ya Lin (Hg.). Text: Jessica Huijnen. Ill.: Patricia Huijnen und SchülerInnen der NMS Kölblgasse


Das Konzept und der Inhalt von Sieben Blätter und ein Stein bauen auf den Ergebnissen des Forschungsprojekts Musik ohne Grenzen auf, das im Rahmen des Programms Sparkling Science vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gefördert wurde. Es ­handelt sich um ein gemeinsames Projekt des Franz Schubert Instituts und des Instituts für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (mdw). Als Kooperationspartner erklärten sich die Neue Mittelschule Kölblgasse und die Volksschule Kleistgasse bereit, mit Klassen, in denen 90% der SchülerInnen Migrationshintergrund haben, an unserer Forschung teil­zuhaben. Das Ziel der Produktion dieses Hör- und Liederbuchs ist, die große musikalische und kreative Diversität solcher Schulen offenzulegen.

Es ist nicht zu verleugnen, dass das Pflichtschulsystem in Österreich diesbezüglich mangelhaft aufgestellt ist. Obwohl die Wiener Gesellschaft nach mehreren Einwanderungswellen längst multikulturell geworden ist, sind das Bildungs­system und die betreffende Gesetzgebung in Österreich noch lange nicht darauf vorbereitet. In den Schulen entsteht dadurch eine Lücke, und hier setzt Musik ohne Grenzen an: Die beteiligten SchülerInnen sollen hier nicht »in die öster­reichische Gesellschaft integriert« werden – schließlich sind sie schon lange Teil dieser. Es geht vielmehr darum, die Schule als Einheit einer multikulturellen Mikro-Gesellschaft zu verstehen, und ihr in ihrer aktuellen Realität bestehendes Potenzial der Vielfalt zu erforschen und zu ­entwickeln.

[…]

Es ist den SchülerInnen der Volksschule Kleistgasse und der Neuen Mittelschule Kölblgasse, wie auch den Studierenden und den Lehrenden der mdw ein Anliegen, durch innovative und künstlerische Ideen die musikalischen Identitäten der SchülerInnen mit all ihrem Können innerhalb der Schulen zu repräsentieren. Wir sind davon überzeugt, dass ein Hör- und Liederbuch, in dem die Kinder mit der Hilfe von Lehrenden und ­Studierenden viele der Stücke und Klänge ein­gespielt und illustriert haben, ein gutes Format bereitstellt, um ein breites Publikum in allen ­Teilen der Bevölkerung erreichen zu können.

Jeder Schüler und jede Schülerin könnte eine der sieben Hauptfiguren der Geschichte Sieben Blätter und ein Stein sein. Die Erfahrungen aus Musik ohne Grenzen beweisen, dass alle Kinder eigene Lieblingslieder und Lieblingstänze haben. Diese wiederum sind mit Erzählungen und Geschichten aus der Familie und dem Freundeskreis verbunden. Wir empfehlen, anhand unserer Mustergeschichte im Rahmen des Schulunterrichts oder auch in Eigeninitiative zu Hause eigene Erzählungen aus einer Klasse oder einer Freundes- oder Familiengruppe neu zu inter­pretieren und somit zu multiplizieren.

[…]

(Wei-Ya Lin)


Rezensionen
Kerstin Kellermann: Trompete für türkische Mädchen

Wie kann in Schulen die Musik von Kindern »mit Migrationshintergrund« aufgenommen werden und in etwas Neues, Gemeinsames hineinwachsen?

Blasinstrument-Klänge. Im Hintergrund zwei Hornbläser. Davor ein kleines Mädchen mit Trompete, das nicht hinweg geweht wird von den Hörnern, denn der Luftstrom geht nach hinten hinaus. Daneben weitere Mädchen und Jungen mit Trompeten, Hörnern und einer Posaune. Aber muss die Melodie für dieses unkonventionelle Blasorchester unbedingt »Hänschen klein« sein? Das Lied war sicher dem allgemeinen Bekanntheitsgrad geschuldet.

In dem EU-Projekt namens »Sparkling Science – Musik ohne Grenzen« lernten Kindern »mit migratorischem Hintergrund« aus einer Wiener Volksschule bzw. Mittelschule in acht Monaten ein Musikinstrument. Posaune! Klarinette! Cajon! Es entstand das Hör- und Liederbuch »Sieben Blätter und ein Stein«, dessen Ziel es war, »die große musikalische und kreative Diversität solcher Schulen offenzulegen«, wie Herausgeberin Wei-Ya Lin im Nachwort schreibt: »Obwohl die Wiener Gesellschaft nach mehreren Einwanderungswellen längst multikulturell geworden ist, sind das Bildungssystem und die betreffende Gesetzgebung noch lange nicht darauf vorbereitet. In den Schulen entsteht dadurch eine Lücke ...«

Multikulti, transkulti, national?
Vor Jahren war ich einmal für das »transkulturelle« Musikprojekt MELT der Europäischen Union nach Genua eingeladen. Dutzende MusikerInnen verschiedenster Herkunft versuchten über Tage, in einer alten, leerstehenden Kirche »transkulturelle Elemente« in der Musik zu dekonstruieren. Beim Schlusskonzert am Hafen wurde dann ein Potpourri nationaler Musikelemente vorgeführt, von denen jedem Zuhörer Teile bekannt vorkamen und zu denen er oder sie das Tanzbein schwingen konnte. Als zweites Stück entstand ein esoterisches, äußerst sphärisches Musikwerk, das wohl der Location in der ehemaligen Kirche geschuldet war.

Es ist also schwierig, »multikulturelle« Elemente zu finden und zu isolieren. Im Kinderhörbuch »Sieben Blätter und ein Stein« umging Autorin Jessica Huijnen diese Schwierigkeit, indem sie Teile von Märchen aus verschiedenen sozialen Kulturen aufnahm, sozusagen »klaute«. Aus diesen fremden Märchen baute sie ihre eigene fröhliche Geschichte, »Das Märchen von Märchen«, in dem Kinder aus vorgegebenen, sie einschränkenden Situationen verschwinden und flüchten. »Es war einmal, keinmal – in ferner Zeit, ihr fröhlichen Leut. Erzählen wir, schlafen wir fein? Darf es von beidem gleichzeitig sein?« Ihre Schwester, die Bildhauerin Patricia Huijnen, verwendete Zeichnungen der Schulkinder und setzte sie vor Fotos – Dreidimensionalität und neue Perspektiven entstanden.

»Es gibt viele Musiksprachen«, heißt es beim Konzert. Ein brüllendes Baby wird hinausgetragen. Eine Ameise läuft vorbei. Die Kinder toben im Hof der Universität für Musik und darstellende Kunst herum. Transkulturelle Spiele: Verstecken und Fangen. Versteht jeder. »Benachteiligte Familien können es sich nicht leisten, ein Kind ein Instrument lernen zu lassen. Ein Kind sollte eine Arbeitshaltung haben, um ein Instrument zu lernen«, sagt eine Schuldirektorin. Eine Arbeitshaltung? In der Volksschule? Vier Mädchen spielen »Bandroom Boogie« auf dem Horn. Ein Wahnsinn. Die Kinder durften die teuren Instrumente behalten. Das nächste Baby schreit und wird hinausgetragen – die wollen auch etwas Geräuschvolles beitragen.

Verstummen und davonlaufen
Die Kinder durften ihre Lieblingsmusikstücke auf dem Smartphone mitbringen, obwohl sonst in der Schule Handyverbot herrscht. Das taugt ihnen. Die erste CD des Hörbuchs beginnt so: »Das Lied habe ich von meiner Mutter gehört. Und die wahrscheinlich von ihrer Mutter.« Schönes Gesinge. Herkunft undefinierbar. Eventuell indisch? »Manche Kinder verstummen schon im Kindergarten«, erzählt eine Sprachpädagogin und berichtet, wie schwierig es sei, Kinder wieder aus diesem Schweigen herauszuholen. Die Kinder fliehen in eine Fantasiewelt.

Die Musikstücke im Bilder- und Hörbuch sind alle mit Noten angeführt, wie »Das Kamel auf Reisen«. Klingt lustig: »Total freak out. Kamel sieht dem Tod ins Auge. Bei diesen zwölf Takten sollte es immer mehr durcheinandergehen, bis schlussendlich kamelähnliche Todesschreie erklingen – Bariton, eventuell Spektraltöne, alle eventuell Multiphonics, Quietscher etc.« Dann taucht aber eine musikalische Oase auf: »Kamel ist glücklich (Brautchor aus Lohengrin erklingt stark variiert). Kamel läuft davon.« Kann man nachspielen, wenn man es kann. Der Popsong »Roots« der Band Matatu könnte sich wirklich zum Hit oder zur »Migrationshymne« entwickeln, wenn er auf YouTube stehen würde.

Am Schluss des Konzertes spielt eine Runde Mädchen und Jungen mit Plastikstäben, die Boomwhackers genannt werden, auf Stühlen. Das Publikum klatscht mit. »Wir sind für immer da. Doing, doing, doing.«

(Kerstin Kellermann, Rezension in: Skug. Journal für Musik, 5.5.2017)


http://skug.at/article8589.htm