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Kurzbeschreibung

Als im Februar 1945 rund 500 sowjetische Soldaten, vorwiegend Offiziere, aus dem Todesblock des Konzentrationslagers Mauthausen im oberösterreichischen Mühlviertel in der Gewissheit ausbrachen, man würde sie hier das Kriegsende nicht erleben lassen, wurde die gesamte Bevölkerung der Gegend aufgerufen, sich mit der SS an der Jagd auf die Ausbrecher zu beteiligen. Nur allzu viele machten bei der Verfolgung und Ermordung mit, teils begeistert, teils aber auch aus Angst, sie könnten durch Absenz unangenehm auffallen. Ganz wenige übten Menschlichkeit und verbargen Ausbrecher, die die Flucht zu ihnen geführt hatte. Der Roman geht der Frage nach, was Menschen dazu bringt, in einer solchen Situation auf die eine oder andere Weise zu handeln.


»Wär doch gelacht, wenn ich nicht zum Schuss käme.« Der Apotheker Lösch sagt es - mehr zu sich selbst als zu seinem Nebenmann. Den Blick hat er nach vorne gerichtet, lässt ihn über die weite Schneefläche mit den verwehten Mugeln schweifen, zu den vereinzelten Weiden und Baumgruppen. Er kneift die Augen ein wenig zusammen, um besser sehen zu können. Eine Spur etwa oder gar eine Bewegung. Doch da ist nichts als die weit auseinander gezogene Kette von Männern, die sich, schwer durch den Schnee stapfend, vorwärtsbewegt.

»Na dann Weidmannsheil, Herr Apotheker. So sagt man doch zünftig in ihren Kreisen. Wird schon werden.« Der Nebenmann hat Löschs zwischen zwei Schritten hervorgestoßenen Wunsch offenbar gehört, was diesen doch irritiert. Nicht so sehr, dass jener ihn gehört hat, sondern wie er das aufgenommen hat. Vor allem dessen Betonung des ›zünftig‹ stört ihn. Und die Anzüglichkeit, was seine Kreise betrifft. Diesem ungebildeten Bauernlackel kommt es wahrlich nicht zu, sich ihm gegenüber einen solchen Ton herauszunehmen, denkt er.

Es ist, als ob die Unverschämtheit, die er hier wittert, Lösch erst so recht deutlich zu Bewusstsein bringt, wie unangenehm kalt es ist. Mit den klammen Fingern der linken Hand versucht er, sich den Schal zu richten, stopft ihn, so gut es eben geht, in den Ausschnitt seines Lodenjankers und zieht dessen Kragen enger um den Hals. Vielleicht wäre es besser gewesen, die warmen, pelzgefütterten Fäustlinge anzuziehen, statt der dünnen Wollhandschuhe, kommt es Lösch in den Sinn. Doch die Fäustlinge muss man erst ausziehen, will man zum Schuss kommen; ist damit gegenüber den anderen im Hintertreffen. - Na ja, nicht nur Schönheit muss leiden. Mit dem gequälten Versuch eines Grinsens steckt er die linke Hand fest in die Jackentasche, ohne große Hoffnung, sie darin wärmen zu können.

Wozu muss er überhaupt leiden, setzt der Apotheker seinen Gedankengang fort. Eine Frage, die er sich nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag stellt. Schließlich fällt diese Jagdveranstaltung wirklich nicht in seinen Bereich, auch wenn er Ortsjägermeister ist. Aber man hat eben Verantwortungsgefühl. Das würde er jedem antworten, wenn man ihn fragte; so belässt er es für sich selbst auch bei dieser Antwort. Und er fügt hinzu: In solchen Zeiten darf man nicht abseits stehen. Vor allem, wenn jene, die zu allererst, oder eigentlich einzig und allein dafür verantwortlich sind, offenbar nicht fähig sind, das allein zu schaffen. Dabei schaut Lösch indigniert zu seinem Nebenmann; als müsste jener die Gedanken hinter seinem Blick verstehen können.

Wie der daherkommt. Ein wahrhaftiges Ärgernis, findet Lösch, den Nebenmann von oben bis unten musternd. Zur schwarzen Uniform trägt er ausgelatschte Bauernstiefel. Zweifellos sind sie wärmer als die engen Schaftstiefel. Aber wenn man schon zur Elite der Nation gezählt werden will, dann darf man sich nicht so gehen lassen. Und dazu noch der alte Soldatenmantel. Den hat wohl sein Vater schon im Ersten Weltkrieg getragen; und später bestimmt auch zur Arbeit auf dem Feld. Danach schaut er jedenfalls aus. Kein Stück, das über die schwarze Uniform passt. Aber die darf heute eben auch schon so ein Bauernlümmel tragen, ohne sich darüber Gedanken machen zu müssen, was er damit darzustellen hat. Allerdings, die Unverschämtheit, zu der das Tragen dieser Uniform zu berechtigen scheint, die hat auch solcher Nachwuchs nur allzu schnell verinnerlicht. Nun ja, auf Grund dieser Uniform darf er schließlich auch hier das Kommando führen. Und dabei wären andere wahrlich berufener dazu.


Rezensionen
Gerhard Moser:

Rizys Buch ist ein Geschichtsroman im besten Sinne des Wortes. Ihm geht es nicht um die späten Folgen, um das Danach, sondern um die genaue Rekonstruktion der Geschehnisse und um das Davor – um die Frage, wie es dazu kommen konnte. Erzählt wird aus mehreren Perspektiven: aus denen der Bauern und Knechte, der Arbeiter und Eisenbahner, der Dorfhonoratioren und Aussenseiter. So entsteht eine grösstmögliche Totalität, wird das nur schwer fassbare Geschehen immer wieder neu reportiert, werden Widersprüche dargestellt und die Mechanismen des Terrorregimes analysiert. Keiner traut dem andern – selbst am Arbeiterstammtisch beargwöhnen sich ehemals sozialdemokratische Genossen und Antifaschisten, während in der gutbürgerlichen „Liedertafel“ die Angst vor einer späten Abrechung der Nazis mit den früheren Monarchisten und Christlich-Sozialen herrscht. Der politische Fanatismus und die hetzerischen Durchhalteparolen der letzten Kriegstage stossen auf ein Gemisch aus dumpfem Sadismus und feigem Mitläufertum, das den Akt der Massen-Lynchjustiz erst möglich macht. Nur die wenigsten machen hier nicht mit – Bauern und Knechte, die aus zutiefst christlicher Überzeugung Häftlinge aufnehmen und verstecken.

Dem Autor Helmut Rizy ist mit seinem Roman zweierlei geglückt: Durch das große Ensemble von Figuren entsteht das präzise Abbild eines sozialen Kosmos; ein ländliches Unheil und eine Dorfgemeinschaft, die sich – bis auf wenige Ausnahmen – als Schar gemeiner Schläger und Schlächter entpuppt. Beinahe hat man es hier mit einem verkehrten Bauernschwank zu tun, mit einem ebenso realen wie grausamen Stück Bauerntheater. Es gibt eine Traditionslinie für diese Form der grossen Dorfprosa, und zuallererst fällt einem der Bayer Oskar Maria Graf als Ahnherr ein.

(Gerhard Moser, Rezension in: Neue Zürcher Zeitung, [?])


Franz Kain:

Am stärksten ist das Gefühl der Kälte, das in diesem Roman greifbare Formen annimmt. Es ist nicht nur die wettermäßige Kälte der Tage und Nächte nach diesem grausigen Mariä Lichtmeß-Feiertag, es ist vor allem die Kälte der Menschen, die einen bei den schrecklichen Szenen förmlich an der Gurgel packt. Das ist eine Wirkung, welche die Kraft des epischen Flusses unterstreicht.

Helmut Rizy stellt mit dieser „Hasenjagd im Mühlviertel“ einen überzeugenden und kantigen Erstling vor, der zeigt, daß der Autor seinen Figuren aufs Maul geschaut und es verstanden hat, ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte auch in eine beklommen und betroffen machende Form zu gießen.

(Franz Kain, Rezension in: Weg und Ziel. Marxistische Zeitschrift, [?])


Andreas P. Pittler:

Im Stile des slowenischen Romanciers Prezihov Voranc erzählt Rizy die Geschichte aus einer Vielzahl von Blickwinkeln. Da sind die Eisenbahner, welche bei den Gefangenentransporten Verschubarbeiten leisten müssen, da sind die Knechte und ihre Bauern, da ist der Pfarrer, ehemalige Rote, ins Abseits gedrängte alte Kämpfer der NSDAP, und da sind schließlich die eingefleischten, immer noch fanatischen Nazis selbst. Und alle machen sich ihren eigenen Reim auf die Geschichte. Dementsprechend unterschiedlich handeln sie auch.

(Andreas P. Pittler, Rezension in: Der Standard, 11.8.1995)