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Kurzbeschreibung

Zurück am Haus, hörte ich ein Räuspern in meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, stand Hölderlin im Fenster. Er lehnte mit dem Kopf gegen die Mauer und schaute an mir vorbei auf eine imaginäre Stelle im Raum, wer weiß, was er da sah. Der Schreck, der mich erfasst hatte, wurde auch nicht kleiner, als ich merkte, dass er mich wie Luft behandelte.


Rezensionen
Peter von Becker: Nachts, wenn der Tag träumt

Kühne Geistesprosa: In dem zwischen Essay, Erzählung und Autobiografie changierenden Werk zieht der Filmemacher Summe aus Leben, Arbeit und Gedanken.

Er ist einer der eher Stillen im Lande und lebt ja auch,wenn nicht in München, einen Gutteil des Jahres ziemlich fernab in Süditalien. In Apulien. Dort, zwischen Eukalyptuswäldern, Olivenäckern und dem nahen Meer, schreibt der Autor und Filmemacher Klaus Voswinckel seit Jahren so schöne Bücher wie zum Beispiel „Helen. Mediterrane Botschaften“ (Bibliothek der Provinz, Weitra 1999, 222 Seiten, 19 Euro): ein essayistischer Roman über das Leben der von England über New York, Jerusalem, Paris bis in seine apulische Nachbarschaft gezogenen Künstlerin Helen Ashbee und ihren inzwischen gleichfalls verstorbenen Partner Arno Grünebaum-Mandello, einen Freund einst von Man Ray, Joseph Roth und Picasso. Oder: 2002 die „Apulischen Geschichten“, 2006 „Der unsichtbare Körper“, 2012 „Aufbrüche und Wiederkehr“ (alle Bücher sind in der österreichischen Bibliothek der Provinz noch lieferbar).

Jetzt hat Klaus Voswinckel in seinem neuen, wiederum zwischen Essay, Erzählung und Autobiografie changierenden Werk „Tarantella oder Hölderlin tanzt“ im nämlichen Verlag (315 Seiten, 25 Euro) gleichsam eine Summe gezogen.

Das Buch beschreibt Begegnungen mit süditalienischen Musikern und Sänger/innen zur Vorbereitung eines Films über die fast mythische, noch immer gespielte und getanzte Tarantella. Tatsächlich hat der Autor schon früher mehrere poetische TV-Dokumentationen über Musik, Kunst und Kultur in Süditalien gedreht – ebenso wie filmische Porträts etwa von Wolfgang Rihm, Steve Reich oder eines ghanaischen Trommelmeisters.

Eine Welt zwischen Lebenden und Toten

Jetzt treten freilich auch Hölderlin, Novalis, Paul Celan (den V. kannte, über den er promoviert hat) sowie Samuel Beckett auf. Als nächtlich-tägliche Besucher, als leibhaftige Säulenheilige, herabgestiegen ins Erleben des Ich-Erzählers. Das ist erst mal riskant – weil bei Ikonen als Personen wie du und ich die Gefahr von Kunstkitsch oder Vermessenheit lauert. Auch Voswinckels hochliterarisches Quartett redet so manchmal in Selbstzitaten, das wirkt ein wenig sentenzenhaft. Doch schafft der sprachbewusste Stilist damit auch eine kühne, Zeiten und Räume überfliegende Geister- und Geistesprosa. Wie in Alfred Kubins „Andere Seite“ tut sich hier eine fremde Welt auf, doch nicht nur zwischen Lebenden und (Un-)Toten, auch zwischen Kulturen. Der Erzähler gerät dabei von Apulien jäh in die Türkei, nach Kappadokien.

„Tarantella oder Hölderlin tanzt“ wird dort zum modernen Höhlengleichnis. Und Voswinckel erfindet so etwas wie einen neuen west-östlichen Diwan, indem er mitteleuropäische Poesie und Philosophie auf sufistische, osteuropäisch-orientalische Gedanken treffen lässt und darin Nähe und Verwandtschaft entdeckt. Das mal romantische, mal (sur)realistische Buch gereicht so zum Entwurf eines Idealismus, der in Zeiten von Terror und Despotie am Bosporus alte und neue Brücken schlägt.

[…]

(Peter von Becker, Rezension in: Der Tagesspiegel Nr. 22991, 8. Januar 2017, S. 28)


http://www.tagesspiegel.de/kultur/tarantella-oder-hoelderlin-tanzt-von-klaus-voswinckel-nachts-wenn-der-tag-traeumt/19222772.html