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Kurzbeschreibung


Es war noch immer nicht anders, rund sechzig Jahre nach seiner Schulzeit: Jemand rief „Ruhe“ und er, der still an seinem Schreibtisch saß, zuckte zusammen. Als suchte er verzweifelt nach Antworten auf Prüfungsfragen, die ihm wider Erwarten – wie er sagte –, manchmal einfielen. „Und was machst du“, schüttelte er dann den Kopf, die Augenbrauen gesträubt wie das Gefieder einer Eule, „wenn plötzlich ein Krieg kommt? Da greifst du lieber zur Waffe statt zur Schreibfeder!“ Mit den Fingern der rechten Hand umklammerte er seinen Daumen, hielt sich an sich fest. „Von einem Weltkrieg ist nie die Rede gewesen, trotz historischer Daten über die Jahrtausende alte Tradition des Abstechens auf Kommando.“ Rudolf hieß er, Rudi nannte man ihn bis zur 6. Schulstufe. Wen wundert es, dass ihn die erste Silbe von Ruhe aus seinen Träumen schreckte?

„Ru...!“ Schon stand Rudi neben der Schulbank. erst dann entnahm er dem Wortgemetzel des Lehrers das vollständige Wort „Ruhe“. Wieder stieß ihn sein Vorname mitten in schulische Strapazen. Sein Bruder Emil, der neben ihm saß, grinste. Vierzehn Monate jünger als Rudi, war er bereits ein ganzer Kerl. Denn ehe das Wort und die alten Sitten aus der Mode kamen, wollten Buben wie Soldaten ganze Kerle sein.

„Weil sich unser Französischgenie erhoben hat“, spottete der Lehrer, näselte es boshaft mit französischen Brocken vermengt, „weiß der Herr sicher die neuen Vokabeln.“ Hilfe suchend wendete sich Rudi an den Bruder. Längst wurden von beiden die Fähigkeiten des anderen erkannt und nutzbar gemacht: Emil bemühte sich um Französisch, Rudi sorgte für die mathematischen Fächer. Fremdsprachen aber, dachte er, werde er nie lernen – und hat es später doch getan: Ungarisch aus Liebe, russisch aus Notwendigkeit.

Rudolf Siegert wurde am 6. Dezember 1896 im einstigen Böhmen geboren. Seine Heimatstadt Weipert lag an der nördlichen Grenze des riesigen Herrschaftsgebietes, das einmal Österreich-Ungarn war. Jetzt heißen viele Städte und Flüsse anders. Manche Provinzen wechselten ihre Namen schneller, als ein Soldat seine Schuhsohlen durchlief. Auf der Landkarte in Rudis Klassenzimmer schienen die Grenzlinien wie eingemeißelt für die Ewigkeit. So gutgläubig urteilen nur Kinder. Herrscher bewerten Land und Boden grundverschieden.

Neben Gott und dem Kaiser verkörperte der Vater die höchste Autorität. „Sei treu im Kleinen, arbeite gern, liebe die Deinen und Gott, deinen Herrn.“

[…]




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FREIRAD (Freies Radio Innsbruck)-Sendung "KulturTon" vom 8. April 2016, Redakteur: Michael Haupt, zur Präsentation von »Alle Kriege wieder« im Museum Goldenes Dachl in Innsbruck am 10. März, nachzuhören im Cultural Broadcasting Archive


Rezensionen
Georg Larcher:

In ihrem dritten Buch "Alle Kriege wieder" schreibt die Innsbruckerin Angela Jursitzka (geboren 1938 in Böhmisch Leipa) die Geschichte ihres Vaters, eine Historie.

Rudolf Siegert, geboren am 6. Dezember 1896 im westlichen Teil des ehemaligen Nordböhmens, musste in zwei Weltkriege ziehen und geriet danach in russische Kriegsgefangenschaft. Angela Jursitzka flüchtete 1946 aus der Tschechoslowakei und landete in Wattens. Erst hier begegnete sie 1948 ihren im Krieg verschollen geglaubten Vater.

Heute lebt Jursitzka in Innsbruck, begann erst mit 50 Jahren zu schreiben: "Mein Vater erzählte mir oft vom Ersten Weltkrieg. Ich war aber zu jung, um die wahre Größe seines Rückzugs vom Piave zu verstehen." Es tue ihr leid, dass sie seine Aufzeichnungen damals nicht genug würdigte, meint sie: "Viel später erst begann ich, stets mit Familie, seine Wege nachzuvollziehen. Wo war er? Wie weit kann ich mitgehen? Was darf ich einfügen? Ich habe ihn begleitet, aber nicht erfunden."

Jursitzka hält sich an Notizen und Erzählungen, recherchierte mehr als zwanzig Jahre, mit vielen Unterbrechungen: "Die ersten Schreiben aus dem Österreichischen Staatsarchiv-Kriegsarchiv stammen vom Dezember 1991, Feber 1992, November 1993… usw. Zufällig, ohne dass ich je auf die Daten achtete, passt "Alle Kriege wieder" zu den Gedenkjahren 100 Jahre Erster Weltkrieg und 70 Jahre Ende Zweiter Weltkrieg."

[...]

(Georg Larcher, Rezension in: Bezirksblätter Telfs, 5.11.2015)


http://www.meinbezirk.at/telfs/kultur/buch-tipp-angela-jursitzka-alle-kriege-wieder-d1536331.html

Horst E.: Auf der Suche nach geeigneten Worten.

Liebe Angela,

ich mach´s kurz! Es ist mir noch nie geschehen, dass ich meine Nachtruhe unterbrochen habe und eine Lesestunde zw. 02h.-03h.eingeschoben habe, um endlich den PASSO DI SAN BOLDO mit Deinem Vater zu schaffen.

Gestern habe ich dann, selten so von einer Lektüre eingenommen, mit Deinem Konterfei, sieht so nach Firmung aus, oder?, am Buchrücken noch kurz ein Zwiegespräch gehalten.

Erstens hast Du, immer aus meiner Sicht, eine enorme Arbeit geleistet, die im Gegensatz zu anderen Lebensbeschreibungen einfach zügig und trotzdem detailreich sich lesen lässt und zweitens hoffe ich stark, dass so mancher Weihnachtstisch sich damit bereichert.

PS.: ich war erst letzthin in der Gegend zwischen Valdobbiadene und Vittorio Veneto, und wenn ich von dem PASSO schon gewusst hätte, so wäre ich ungehalten dort eingetaucht. Ich hoffe auf eine nächste Chance.

Alles Liebe, Horst


(Horst E., einst Buchhandlung Pötzelberger, Meran am 25. November 2015 an Angela Jursitzka)


Anton Unterkircher:

Der Begriff Historie ist mehrdeutig: Er kann Geschichte im Sinne von Geschichtswissenschaft meinen, aber auch einfach eine erdichtete Erzählung. Der Unterschied dieser beiden Bedeutungen ist geringer, als es auf den ersten Blick scheinen will. Denn auch ein Historiker ist genötigt, sein quellenbasiertes Faktenmaterial in eine lesbare Form, also in eine Erzählung zu bringen. Seine Lebenssituation, seine Weltsicht, seine politischen Einstellungen schreiben sich bei allen noch so strengen Objektivierungsversuchen in das wissenschaftliche Werk ein. Dass auch die Schriftstellerin Angela Jursitzka mit dem Vorhaben, die Geschichte ihres Vaters zu erzählen, sich auf ein erzähltechnisch schwieriges Terrain begibt, ist ihr bewusst. Unter ein Foto vom Bahnhof Fritzens-Wattens, an dem ihr im Krieg verschollen geglaubter Vater 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft ankam, heißt es: „Viel später begannen wir, die älteste Tochter samt Familie, seine Wege nachzuvollziehen. Wir haben ihn begleitet, aber nicht erfunden.“ (223) So ist nun dieses Buch tatsächliche eine Historie in der mehrfachen Wortbedeutung geworden. Die geschichtlichen Fakten wurden penibel recherchiert: Anhand von Dokumenten und Fotomaterial aus dem Familienbesitz, die zum Teil auch abgebildet sind, mit Recherchen vor Ort und der Lektüre von historische Zeitungen, Zeitschriften und geschichtlichen Werken. Ein paar Quellen werden gar in Fußnoten angeführt, wie das in wissenschaftlichen Werken üblich ist. Aber eben nur ein paar. Aber dieses Buch braucht die Fußnoten eigentlich nicht, denn eine Schriftstellerin kann und darf eine Geschichte ohne den wissenschaftlichen Ballast erzählen und der große Mehrwert gegenüber einer rein geschichtlichen Abhandlung besteht darin, dass die historischen Fakten in der Person des Vaters sozusagen Fleisch ansetzen, dass diese Persönlichkeit auch ein Innenleben bekommt.

In diesem Buch wird die Geschichte von Rudolf Siegert erzählt, der in Weipert („Jetzt heißen viele Städte und Flüsse anders“, 8), im westlichen Teil des ehemaligen Nordböhmens im Jahre 1896 geboren wurde. Damit gehört er – wie etwa auch Josef Leitgeb (Jahrgang 1897) und Friedrich Punt (Jahrgang 1898) – einer Generation an, die gerade alt genug war, um ihre Jugend im Ersten Weltkrieg zu verlieren und dann immer noch nicht alt genug war, um nicht auch noch im Zweiten Weltkrieg einrücken zu müssen. Und somit gehört er auch jener Generation an, die ihre Kindheit in der langsam zerbröckelnden Monarchie verlebte, relativ sorgenfrei und in Frieden.

Im ersten Kapitel wird in einer auktorialen Erzählperspektive die Kindheit und Jugend von 1904 bis 1916 eindrucksvoll geschildert. Rudolfs Vater, er heißt ebenfalls Rudolf, ist Posamentenfabrikant, Oberleutnant in der Reserve, Stadtrat und neben „Gott und dem Kaiser […] die höchste Autorität“ (8), den seine vier Söhne und Töchter, aber auch seine Frau mit „Sie“ anzusprechen haben. Zu Feiertagen und Geburtstagsfesten marschiert er als Major mit „gezogenen Säbel“ vor seiner Schützenkompanie. Der Vater ist evangelisch, die Mutter, eine Fabrikantentochter, ist katholisch und katholisch werden auch die Kinder erzogen, die aber mit dem Vater auch die evangelische Messe besuchen. Die Buben absolvieren die üblichen Bewährungsproben, um „ganze Kerle“ zu werden oder zu beweisen, dass sie solche (schon) sind. Im Grenzort Weipert-Neugeschrei, der nur durch einen Bach vom deutschen Ort Bärenstein getrennt ist, rittern sie sich beispielsweise mit der Jugend von der anderen Seite, wem denn nun der Bach gehöre. Doch ansonsten herrscht zwischen den beiden Dörfern freier Grenzverkehr, diesseits und jenseits des Baches stehen in den Haushalten Dosen mit Kronen, Hellern, Reichsmark und Pfennigen. Der mathematisch begabte Rudi opfert einmal sein immer zu knappes Taschengeld für rote Tinte, um damit eine besonders schöne Hausaufgabe abzuliefern. Die Enttäuschung ist groß, als ihm der Lehrer erklärt, die rote Tinte „sei ausschließlich Lehrern vorbehalten“ (18) und er demzufolge die Aufgabe neu schreiben muss. Vom Vater mit einem Besuchsverbot für das in einem Zelt aufgeschlagene Wanderkino belegt, beeindruckt ihn eine Szene, die er seitenverkehrt auf der Rückseite der Zeltleinwand sieht, nachhaltig. 1906 übersiedelt die Familie nach Reichenberg, wo Rudi das Gymnasium besucht. Bei der Geburt des jüngsten Bruders stirbt die Mutter. 1912 ertönt erstes Kriegsgetöse vom Balkan, 1914 wird der Thronfolger ermordet. Während Rudi mit Freunden Rasentennis spielt, „erhob sich aus allen Kirchtürmen ein nie gehörtes Sterbegeläut“, da hatten die Buben „zum letzten Mal einen friedlichen Wettkampf ausgetragen“ (27). Der älteste Bruder rückt schon im August ein, die jüngeren Brüder melden sich freiwillig, werden aber vorerst zu ihrer Schande wieder heimgeschickt. 1915 macht Rudi die Matura, küsst das erste Mädchen und inskribiert an der Technischen Hochschule in Wien: Er will Bauingenieur werden. Doch nach wenigen Wochen wird er assentiert, für tauglich befunden und macht ab Mitte November 1915 seine Ausbildung als Einjährig-Freiwilliger beim Festungartillerieregiment Nr. 3 Przemysl, dessen Ergänzungskommando aus Sicherheitsgründen in Budapest stationiert ist. Rudolfs Karriere nimmt ihren vorhergesehenen Lauf, nach der Offiziersprüfung schickt ihm der Vater seinen Säbel, mit dem er beim ersten Ausgehen versehentlich ein Kellerfenster zertrümmert. In der Ausbildung macht er nicht nur Bekanntschaft mit mehr oder weniger interessanten und eigenartigen Kameraden, sondern auch mit Wanzen und Läusen. Ein Fähnrich berichtet schon von (nicht vorhandenen) Kriegserlebnissen und illustriert diese mit Fotos von Soldaten, die sich für Geld vor der Kamera tot stellen. Zu einem ungarischen Mädchen entwickelt sich eine zarte Liebe. Böszi schenkt ihm zum Abschied ins Feld ein kleines blaues Pölsterchen, das der praktisch veranlagte Rudi aber gegen einen robusteres Polster eintauscht, was die Liebe schnell zum Erkalten bringt.

Es folgt das umfangreichste Kapitel, das den Kriegseinsatz an den Flüssen Oitoz (Rumänien) und Piave (Italien) beschreibt. Nun berichtet Rudi in der Ich-Form. Als säße die Erzählerin neben ihm und versuchte, aus unmittelbarer Nähe den Hintergrund seiner behutsamen Worte zu erfassen. Dem Leser erschließt sich das nicht so ohne Weiteres als wären diese Erinnerungen zeitlich erst sehr viel später verfasst worden ergänzt durch zu viel (späteres) Wissen. So wirken die vom Ich berichteten Kriegserfahrungen und –gräuel weniger unmittelbar, eher zurückhaltend und dadurch auch etwas weniger überzeugend als das erste Kapitel. Hungrig, verlaust und verdreckt langt Rudolf an der rumänischen Grenze an. Da es keine verlässlichen Lageinformationen gibt, brodelt die Gerüchteküche, der Kontakt mit dem Hinterland beschränkt sich auf formelhafte, zum Teil vorformulierte Briefbotschaften. Dann die erste Feuertaufe: „Der Verstand aber setzte sich im Ohr fest. Ungehörig lang war ich ganz Ohr. Sprengkräfte hieben auf mich ein, umklammerten die Brust. Schrapnellkegel barsten, blendendweißes Licht stach in die weit offenen Augen. Jeder Lidschlag brachte den kleinen Tod, trug die ewige Finsternis in sich. Knochenzertrümmernder Lärm durchschlug meine Schädeldecke, legte das Gehirn frei. Es begann wieder zu arbeiten.“ (69) Für seinen Einsatz, den er mehr als „Wagemut“ denn als „Mut“ bezeichnen will, wird Rudolf erstmals belobigt. Weitere Auszeichnungen folgen im Laufe des Krieges. Nachschub an Kriegsmaterial und Verpflegung gab es nie genug, Tapferkeitsmedaillen dafür zum „Schweinefüttern“ (75). Berührend sind Intermezzi wie das Plündern von Pflaumenbäumen „mit dem schlechten Gewissen von Buben, stets des Nachbars Knüppel gegenwärtig“ (76). Rudolf, nach 6 Monaten zum Leutnant befördert, lernt das Wort „Frontbereinigung“ (73) in seiner ganzen abgründigen Bedeutung kennen und hört die Schreie der Verwundeten, die erst in der Dunkelheit geborgen werden können. Sein Versuch, gezielt einen Gegner zu töten, endet vorerst mit einem Schuss in die Luft. Dann tötet aber auch er, aus „Rachsucht“, weil ein Freund von einem Scharfschützen aus dem Hinterhalt erschossen wird. Gleichzeitig fühlt er sich in seiner Stellung aber auch bald als „sein eigener Herr“, „Existenzsorgen“ (95) plagen ihn (noch) nicht. „Im Zweiten Weltkrieg, und besonders während der langen Kriegsgefangenschaft in Russland, war die Sorge um Frau und Kinder schlimmer als jede Drangsal und der Hunger.“ (131) So kehrt er auch vom Fronturlaub wieder gern in seine Stellung zurück, zumal in der überfüllten Straßenbahn ein Zivilist den Uniformierten mit den Worten angepöbelt hat: „Leute Ihres Schlages sind schuld daran, dass der Krieg so lange dauert.“ (93) Nachdem Rumänien im Mai 1918 aus dem Krieg ausscheidet, kommt Rudolf an die vorderste Italienfront am Piave. Dort fehlt es bereits an Allem, der Nachschub an Kriegs- und Versorgungsmaterial ist am Zusammenbrechen, fähige Befehlshaber fehlen: Das A.O.K (Armee-Ober-Kommando) wird von den Soldaten in „Alles-Ohne-Kopf“ umbenannt (123). Rudolf befehligt eine Geschützstellung ohne Munition. Insgesamt eben der Wahnsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges „alle Kriege wieder“. Berührend ist die Geschichte vom tschechischen Burschen, der dem Leutnant treu ergeben dient, der aufgrund seiner bäuerlichen Herkunft in praktischen Dingen dem Offizier weit überlegen ist und manch schwierige Lage erleichtern hilft. Es entsteht eine Freundschaft, die auch nach dem Krieg weitergepflegt wird.

Im nächsten Kapitel – nun erzählt wieder die „Erzählerin“ – schwingt sich Rudolf in Ermangelung von sinnvollen Befehlen zum selbsternannten „Rückzugsfeldherrn“ (150) auf. Er bringt einen „Haufen von fünfzig, meist anderssprachigen Menschen“ (143), der Großteil davon Polen, mitsamt der Batteriekasse auf abenteuerlichen Wegen über den San Boldo Pass, ein Stück den Piave nordwärts, dann durch das Boite-Tal nach Cortina, weiter durchs Höhlensteintal bis nach Lienz. Es gelingt ihm, die alte „Hackordnung“ (161) unter Aufbietung aller militärischen Strenge aufrecht zu erhalten. Obwohl der Krieg inzwischen zu Ende ist – die einstigen Kriegskameraden sind nun „Feinde“ – marschieren sie noch gemeinsam Richtung Spital an der Drau, aber schon in ihren Nationalfarben: „Rotweißrot, Schwarzrotgelb, Rotweißblau und vor allem das Weißrot der Polen“ (174). Mit fünfzehn Mann, darunter auch dem Burschen marschiert Rudolf über den Katschberg nach Mauterndorf. Dort werden die Heimkehrer gar nicht so freundlich empfangen und behandelt, auch im Zug nach Wien nicht. Im Kriegsministerium, das nun Staatsamt für Heereswesen heißt, fühlt sich niemand mehr für die gerettete Batteriekasse zuständig. Dann kehrt Rudolf nach Reichenberg zurück, in einen neuen Staat, die Tschechoslowakei, der keine Sudetendeutsche mehr will, schon gar nicht, wenn sie wie Rudolf österreichische Staatsbürger sind.

Die Zeit von 1918 bis 1945 kommt im nächsten Kapitel viel zu kurz, offenbar weil Rudolfs Aufzeichnungen nur bis 1920 reichten (201). Da wird nun kräftig mit geschichtlichen Daten aufgefüllt und auch mit lapidaren Erkenntnissen nicht gespart: „Doch selten lernt jemand aus der Geschichte“ (202). Rudolf schließt sein Studium ab, geht seinem Ingenieurberuf nach und heiratet 1935. 1938 wird die Tochter Angela in Böhmisch-Leipa geboren. 1938 jubeln die Sudetendeutschen dann ihrem Befreier Hitler zu. Was Rudolf zu dieser Zeit getan und gefühlt hat, erfährt man nur durch die Beobachtungen seiner Tochter Angela aus der Sicht des Kindes. Im August 1944 zum Volkssturm einberufen (213). Zurück bleibt eine schwermütige Frau mit inzwischen zwei Kindern. Das Schicksal des Vaters bleibt ungewiss und erzählt hat er später offenbar darüber sehr wenig. Nach Kriegsende werden die Sudetendeutschen vertrieben, Frau Siegert mit Ihren zwei Kindern reist nach Österreich. Angela kommt nach Wattens zu entfernten Verwandten. Angela, verheiratete Jursitzka, lebt heute mit ihrer Familie in Innsbruck. Das Buch endet mit einem bereits 2007 erstmals erschienenen autobiographischen Text der Autorin, in dem sie sich an Vertreibung und ihre ersten Erlebnisse in Tirol erinnert. Besonders eindrucksvoll ist die Schilderung des „Puppenmordes“ (225): und schließt mit dem Satz: „Fragt mich bloß nicht, ob ich wieder ein Kind sein möchte.“ Vollendet wird die Geschichte mit dem Nachwort „Erinnerungsräume“, einem durchaus versöhnlichen Ausklang mit Tschechien.

(Anton Unterkircher, Rezension in: Literatur im Lichthof. Online-Magazin zur Literatur der Gegenwart in Tirol und Südtirol, 8/2016)


http://www.uibk.ac.at/brenner-archiv/literatur/tirol/lilit_8_2016/zoom.html#Jursitzka

Marlene Kuppelwieser:

Dieses Buch ist ein absolutes Muss, interessant, historisch präzise und sehr einnehmend.

Während ich es abends im Bett las, betreute ich tagsüber zufällig gleichzeitig eine italienische Studie über den Ersten Weltkrieg. Fast zeitgleich las ich den Teil vom Piave aus der Sicht von Angela Jursitzkas Vater und die italienischen Briefe, Dokumente und Radioberichte. Ein einmaliges Erlebnis, absolutes Spiegellesen. Es ist kaum zu fassen, wie reell Geschichte ist, wenn sich Historie mit Menschenleben (und -sterben) vermischen.

Ich hoffe, das Buch wird bald ins Italienische übersetzt.

(Marlene Kuppelwieser, freischaffende Übersetzerin Italienisch-Deutsch, 17. April 2016)


https://cba.fro.at/313339#comment-2234950