Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

[Hrsg.: Museum Angerlehner. Red.: Johannes Holzmann]


Alois Riedl verkörpert eine bemerkenswerte Position innerhalb der zeitgenössischen Malerei. Beginnend mit der Betrachtung des Gegenstands im Stilleben entwickelt er eine expressive und in Folge immer abstraktere Ausdrucksweise, die aber stets auf den ursprünglichen Ausgangspunkt bezogen bleibt. In eindringlicher Konsequenz gilt sein Augenmerk dem gemalten Ding - als Materie im Bildraum und Material auf der Leinwand.

Die vorliegende Publikation erscheint anlässlich des 80. Geburtstag von Alois Riedl.

Ein bemerkenswerter Aspekt bei Alois Riedl ist die Konsequenz und Stringenz, mit der er über diese vielen Jahre auf durchgängige Fragestellungen fokussiert bleibt und das entwickelte Vokabular seiner Bildsprache immer wieder neu kombiniert und kontextualisiert. Die Abfolge der Werke in diesem Katalog ist daher weder strikt chronologisch noch nach streng abgegrenzten Themenblöcken gegliedert, sondern eröffnet einen Weg in ein enorm umfangreiches Werk, auf Zwischenebenen vielschichtig verdichteter Formulierungen hin zu herausragenden Kulminationspunkten einer höchst eigenständigen Ausdrucksweise.

Ohne Titel – diese Bezeichnung ist geläufig, vor allem im Kontext zeitgenössischer Kunst. In einem Katalog oder an einer Werkbeschriftung im Ausstellungssaal gibt sie in erster Linie vorweg die Antwort auf die mögliche Frage, ob das Objekt der Betrachtung einen Namen hat – nein, man hat nichts vergessen, hier gibt es einfach keinen Titel. Daran ist nichts Sonderbares, die Sache ist geklärt. Eigentümlicher wird es hingegen für denjenigen, der dem Werk nicht allein aus Gründen des Kunstgenusses gegenübersteht, sondern mit der Aufgabe, es in den ewigen Lauf der Kunstgeschichte einzuschreiben – sprich: es zu inventarisieren. Wenn nun der Museumsregistrar das Werk mit weißen Handschuhen aus dem Regal zieht, mit genauem Blick die Technik prüft, es wendet und nach Signaturen sucht, abmisst, seinen Zustand begutachtet, folgt alles der alltäglichen Routine: In die vorgefertigte Maske der Kartei gibt er ein Höhe und Breite – er kennt den Schwellenwert, bis zu dem es sich um »Flachware« handelt, die keiner Tiefenangabe bedarf – beim Feld »Technik« nun Öl, Acryl, Eitempera, Gouache, Tusche, Kreide, Kohle, Lack auf Leinwand, Molino, Holz, Japanpapier, Büttenpapier – gesetzt den Fall, er fühlt sich seiner Zunft ausreichend verpflichtet, diesen Punkt in Zeiten des technischen Pluralismus nicht lapidar mit »Mischtechnik« abzukürzen – und schließlich kommt der Eintrag des Titels. Nun, da keiner gefunden, wird auch das festgehalten.

Eigentlich müsste diese Zeile einfach leer bleiben, so wie »Plattenmaß«, »Auflage« oder »Passepartoutausschnitt« bei einem Gemälde. Aber nein, der Titel kann nicht einfach freigelassen werden, ist er doch, bei aller Eindeutigkeit der Inventarnummer, der Name des Objekts: »Titel: Ohne Titel« – eine Zeile, die an paradoxer Tiefe gewinnt, je länger man sie betrachtet. Ein Hinweis auf eine Abwesenheit, die sich in ihrer Anwesenheit selbst widerlegt – und somit doch wieder verflüchtigt. Kommen wir nun zu Alois Riedl – es ist schließlich hinlänglich bekannt, dass alle Kreter lügen, zumindest manchmal – so zeigt sich, dass unter seinen Werken die Bezeichnung »Ohne Titel« unvermutet an Bedeutung gewinnt, ja, zu einer wirklichen Bezeichnung wird, entspricht doch sein stetiger Bezug auf ein dargestelltes Objekt und dessen gleichzeitige, immer weiter getriebene Auflösung in der malerischen Fläche genau dieser vertrackten Gleichzeitigkeit von Anwesenheit und Abwesenheit, von Materie im Bildraum und Material auf der Leinwand.