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Kurzbeschreibung

EMERGENCY ROOM


Durch die Ordination stürmt aufgeregter Laufschritt. Die Türen fliegen, und vor mir steht eine Frau, ihr jüngstes Kind, neun Monate alt, im Arm, gefolgt von ihrem Mann und dem älteren Buben. Kopf und Arme des Kindes baumeln leblos über den mütterlichen Arm, das Gesicht ist blaßgraublau. Ein paar abgerissene Wortfetzen:


»Ich hab es eh schon beatmet beim Herfahren...«


Wenn überhaupt noch sinnvoll muß ich sofort handeln, atme kräftig in den kleinen Körper hinein, massiere das Herz.


»Er muß an der Tuchent erstickt sein, er hat immer am Nachmittag ein bißchen geschlafen.«


Aber nie so lang. Das ist ihr aufgefallen bei der Stallarbeit, und so ist sie ins Haus hineingegangen, und da ist er dagelegen ins Bettzeug verwickelt. Wie lange schon?


Niemand weiß es.


Im Kind ist alles still, nur die Schaumblasen des Lungenödems brodeln leise, wenn meine Luft wieder entweicht. Das Telefon steht dort drüben, ich kann nicht weg. Beatmen, Herzmassieren, immer im gleichen Rhythmus.


»Pepi, was tuast denn?«


Der Vater beutelt den Arm des Buben so heftig, daß mein Mund vom Gesicht des Kindes verrutscht. Ich schicke ihn ins Haus hinüber, er soll meine Frau herholen. Die Rettung ist verständigt. Irgendwie kommt mir das Gesicht nicht mehr so graublau vor, oder täuscht mich die Nachmittagssonne? Wenn mich meine Frau bei Beatmung und Herzmassage ablöst, könnte ich nach einem venösen Zugang suchen. Adrenalin, Natriumbicarbonat fällt mir ein. Sie versucht es und bläst beherzt, aber zu schwach hinein. So ein Kleinkind ist ja immerhin, wenn auch rotz- und sandverkrustet weitaus appetitlicher als ein unrasierter, alter Alkoholiker. Ein kurzer Blick auf Arme, Beine, Hals zeigt mir aber, daß ich nicht die geringste Chance habe, im prallen Babyspeck eine Vene zu finden, die eine Medikamentenzufuhr ermöglichen würde.


Wieder beatmen, Herzmassage.


Intracardial? Wer macht das schon? Es ist auch gar nicht mehr üblich.Ein einziges Mal vor langer Zeit habe ich einem Toten was ins Herz gespritzt im Krankenhaus. Aber diesem - toten - Kind?


Nein, außerdem würde das die Beatmung zu lange unterbrechen, also muß es auch so gehen Muß es? So spring doch an!


Nichts. Nur das Blubbern des Lungenödems. Die Rettung ist schon da. Die sollen alles so herrichten, daß ich das Kind gleich richtig hinlegen kann. Meine Frau weint. Ich fahre mit der Rettung mit. Hoffentlich kommt in der Zwischenzeit nicht noch etwas Dringendes, dann müßte der Kollege im Nachbarort verständigt werden. Im Rettungsauto ist es noch heißer als draußen. Die Tragbahre ist viel zu weich und gibt unter dem Druck der Herzmassage jedesmal nach. Beatmen, Herzmassage.


Das Rettungsauto preßt sich mit Blaulicht auf die Bundes-straße,und mich zieht es mit unwiderstehlicher Gewalt quer über die Liege.


Beatmen, Herzmassage.


Diese verfluchten Kurven! Ich versuche mich mit meinen Beinen so zu verspreizen, daß ich allen Fliehkräften und Trägheiten trotzen kann. An Bauch und Rücken rinnt Schweiß. Die Kurven hören nicht auf. Das Kind verrutscht ständig, immer wieder muß ich es zurechtrücken. Das Rütteln der Fahrt treibt dem Kind den Schaum des Lungenödems in Flocken aus der Nase. Abwechselnd wischen die Rotkreuzhel-ferin und die Mutter dem Kind den Schaum von der Nase und mir den Schweiß von der Stirn. Es ist keine Zärtlichkeit in diesen Bewegungen, sie wischt mir gegen den Strich über die Stirn.


Warum hat sie eigentlich dieses Kind, den Nachzügler, ausgetragen? Ein paar Jahre davor hat sie mit steinerner Miene eine Abtreibung machen lassen. Ein anderer Vater? Da hätte sich ihr Mann allerdings wieder betrunken und sie windelweich geprügelt, wie schon einmal, als sie zu mir kam und mir einreden wollte, das blaue Auge sei von einer Kuh. Dazu hat sie aber auf eine lautlose Art in sich hineingeweint, wie man weint, wenn man geschlagen wird, aber nicht nach einem Kuhtritt.


Dieses verhärmte, harte Gesicht zeigt auch jetzt nicht viel Ausdruck. Angst vielleicht, ein bißchen, eine unbestimmbare Angst, die einen vor sich her hetzt.


Beatmen, Herzmassage.


Mein linkes Bein schmerzt abscheulich in dieser verspreizten Haltung. Die Pupillen des Kindes sind nicht geweitet, sehen ganz normal aus, reagieren aber nicht. Hat jetzt der linke Arm gezuckt? Nein, nur das Rütteln des Wagens. Endlich auf der Autobahn. Die Lippen des Kindes sind jetzt rosig. Ich entwickle eine Art sportlichen Ehrgeiz. Im Kinderspital soll sich ein Anästhesist bereithaken und uns am Eingang erwarten. Der Fahrer gibt das über Funk weiter. Noch zehn Minuten.


Beatmen, Herzmassage.


Unbedingt wollte sie das Kind zu Hause entbinden. Als man mich um zwei Uhr nachts zur Geburt hinrief und ich kurz darauf eintraf, war schon alles vorbei. Auch damals keine Regung im Gesicht der Mutter. Ich habe das Neugeborene untersucht, es war vollkommen gesund. Als ich ein paar Tage später nochmals Mutter und Kind untersuchen wollte, haben die dazu nicht einmal ihre Jause unterbrochen.


Sozusagen, was will er noch, der Doktor, es ist sowieso alles in Ordnung. Breitbeinig sitzend, den prallen Bauch zwischen den Knien, schob der Vater eine mächtige Scheibe Speck unter seinen Schnauz-bart und langte nach dem Bier. Fressen, Saufen, Schwängern, Gebären, alles ohne Komplikationen, wie bei den Tieren. Oder einfach beneidenswert einfach?


Um diese Zeit ist nicht viel Verkehr, wir können auch an roten Ampeln leicht vorbei. Ein Ruck, der Wagen steht, ich mache mit Beatmung und Herzmassage weiter bis mir der Spitalskollege das Kind abnimmt und damit in den Schock-raum rennt. Ich krieche aus dem Rettungswagen. Mein linkes Bein ist ganz gefühllos, und der Rücken schmerzt. Ich bin schweißgebadet, mein Mund ist vom forcierten Atmen trocken. Jetzt sollen sich die Anderen plagen. Das Kind ist zwar tot aber rosig. Jetzt zeigt, was ihr könnt. Ich kann mir den Schweiß abtrocknen und eine Zigarette rauchen. Die Mutter sitzt auf der Bank vor der geschlossenen, schweigenden Operationssaaltüre, zusammengesunken, fast nicht sichtbar. Das kennt man ja aus den Fernsehserien. Nur so reich ist sie nicht wie diese Frauen und so schön auch nicht, und mir fallen auch nicht so trostreich leere Worte ein wie den Fernsehdoktoren, als der Anästhesist herauskommt und eindeutig den Kopf schüttelt. Tot. Gestorben.


Warum, weiß man nicht. Ich denke daran, daß meine beiden Buben jetzt gerade mit den Fahrrädern vorm Haus herumsau-sen und bin froh, daß das nicht mir passiert ist, daß nicht ich dieses quälende Warum haben muß, das jetzt im Gesicht der Mutter steht, und auf das es doch keine Antwort geben kann.


Zwanzig Uhr dreißig. Draußen ist es immer noch heiß.


Goldgelbes Abendlicht. Schweigende Heimfahrt.

Michael Wild
Landarztgeschichten

Darf man so schreiben? Darf man schreiben, was wir zu denken uns kaum getrauen? Meilenweit von dem von den Medien übermittelten Arztbild entfernt, aber ganz nahe bei uns.
In extremis: Der Beginn der Landarztgeschichten von Michael Wild, Jahrgang 1952, niedergelassener Arzt in Tragwein, Mühlviertel, also im tiefsten Österreich: Emergency Room: Ein neun Monate altes Kind, Kopf und Arme baumeln. Dramatische Augenblicke, lange, zu lange Minuten. Beatmen, Herzmassage, Transport – doch am Ende ist alles umsonst. Tot, gestorben. Schweigende Heimfahrt. Goldgelbes Abendlicht.
Diese Landarztgeschichten sind alles andere als Heldengeschichten.
Oder doch? Darf man so schreiben als Arzt? »Ob sich das lohnt, Schmerzen zu stillen, Unheil abzuwenden, sofern das überhaupt gelingt? Ein bisschen reden mit den Menschen, in ihrer Sprache zwar, aber ob sie mich deswegen schon verstehen? Ob sich das wirklich lohnt, ich weiss es nicht?« Eine berührende, entwaffnende Offenheit, die uns direkt anspricht, angeht. Denn wer, wenn nicht die Literatur, nimmt sich schon unserer Niederlagen an? Es sind alltägliche Geschichten, die erzählt werden, Abläufe, die uns bekannt vorkommen, Kranke, die wir zu kennen meinen. Bedrohliches, Quälendes, Trauriges. Auch wenn wir heute und vorallem in den Städten weniger in dieser Absolutheit gefordert werden wie der Autor im Mühlviertel. Wohltuend und in diesem Zusammenhang auch nötig die Reflexion über das Erzählte: »Alles Aufgeschriebene gerät mir zur Selbstentblössung… eine Art Exhibitionismus.
»Warum will ich das?« Offenheit, Ehrlichkeit, das Eingeständnis von Schwäche machen die Geschichten von Michael Wild zu unseren eigenen: »Ich erwache unvermittelt.Schweisstriefend. Wo? Wer? Habe ich vergessen? Was habe ich vergessen? War es eine Visite? Man wird sich über mich beschweren… man wird sagen, ich sei nicht erreichbar gewesen. Schwerwiegend.« Unsere eigenen Albträume werden zur Sprache gebracht, unsere verborgensten Gedanken werden angesprochen, das trifft: »Ich muss verschweigen, verdrücken, verschlucken, ich muss allen Erwartungen entsprechen… ich muss diesen vernichtenden Druck dieser Forderungen standhalten… Tag und Nacht… Ständig stehe ich vor den Erwartungen aller dieser Kranken, ständig bin ich gezwungen zu handeln…« Und dann, trotzdem überraschend, aber wir waren doch vorbereitet, steht er da, dieser vernichtende Satz eines Landarztes:
»Ich bezweifle, ob ich je geboren werden wollte… « Es sind reinigende, hilfreiche Sätze, die hier stehen, an die wir uns halten können, sind wir doch mit unseren manchmal verqueren Gedanken gar nicht allein: »Nicht-Kommunikation sei auch schon Kommunikation. Unser Dorf hat Paul Watzlawick nicht erlebt… Das ist nicht Nicht-Kommunikation, das ist aneinander vorbei.« Oder: »Ich habe den soeben gemessenen Blutdruck vergessen. Was hat er gesagt? Wo sind die Wurzeln meiner Abneigung?… Es muss in mir sein.«
Doch halten wir uns besser an die (seltenen) Glücksmomente in diesem wahrhaftigen Buch, in diesem seltsamen Beruf: »‹Wissen Sie eh, da mir das Knia wehtut?› Sie drischt mit ihrem Fliegenpacker auf meine Schulter. Die Fliegen surren. Ich glaube, sie mag mich.« Damit endet das Buch und alles ist gesagt.
Und: Die Frühlingssonne scheint auf ersten grünen Grasspitzen, und es riecht nach warmer Erde. Und: Mozart, Serenade, Klavierkonzert KV 271. Untermalt – nicht illustriert – werden die Landarztgeschichten durch schwarz-weiss Fotografien (Herwig Prammer) der armen Leute vom Mühlviertel. Plötzlich ein lachendes Gesicht oder ein Gesicht, das ein Lachen versucht, also etwas, das wir nicht erwartet haben, das in uns eindringt und wie das Buch von Michael Wild Spuren hinterlässt.

Enrico Danieli