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Kurzbeschreibung

Zum 70. Geburtstag von Peter Konwitschny


Hrsg. von Andrea Welker

Mit Beiträgen von Hendrik Adler, Carmen-Maja Antoni, Hella Bartnig, Bartók Béla, Bettina Bartz, Christoph Becker, Ruth Berghaus, Helmut Brade, Beate Breidenbach, Gerhard Brunner, Ulrich Burkhardt, Annedore Cordes, Mário Vieira de Carvalho, Friedewald Degen, Thomas Delekat, Bettina Ehrhardt, Renate Fabriz-Fischer, Bernd Feuchtner, Ingo Gerlach, Ute Haferburg, Johannes Harneit, Dietrich Henschel, Werner Hintze, Siegfried Höfling, Ioan Holender, Kerstin Holm, Meisje Hummel, Hans-Joachim Irmer, Peter Jonas, Yvonne Kálmán, Frank Kämpfer, Axel Kiefer, Kitagawa Chikako, Alexander Kluge, Jörg-Michael Koerbl, Peter Konwitschny, Dieter Kranz, Reinhold Kreile, Bernd Krispin, Georg-Friedrich Kühn, William Lacey, Wolfgang Lange, Johannes Leiacker, Albert Lortzing, Hans-Joachim Maaz, Maria Gabriella Mafara, Karl Marx, Ingo Metzmacher, Gerard Mortier, Peter Mosimann, Oskar Negt, Bert Neumann, Marlis Petersen, Kirill Petrenko, Albrecht Puhlmann, Rolf Ricke, Gerd Rienäcker, Andrea Rolz, Ingolf Rosendahl, Wolfgang Scharfenberg, Hans-Joachim Schlieker, Wolfgang Schreiber, Bo Skovhus, Edward Snowden, Doris Soffel, Claus Spahn, Michael Stein, Michael Struck-Schloen, Tamura Yukie, Juliane Votteler, Helene Weigel, Alexander Weil, Andrea Welker, Hanna-Sophie Welker, Heinz Weyringer, Lothar Zagrosek, Vladimír Zvara …



»Und wenn wir als Zuschauer dann sehen, sehen lernen, warum diese Figur einsam ist, Angst vor Berührung hat, dann entsteht eine kleine Hoffnung, dass man das verändern kann oder könnte. Konwitschny hält nämlich die Liebe nicht für einen unbefangenen Ausdruck des Egoismus, er ist auch außerstande, sich wehleidig auf sein ICH anstatt auf das zu inszenierende Stück hinauszureden; eher schon ist er gewillt, uns das größte aller denkbaren Wagnisse auf der Bühne zuzumuten: Musik als Sprache zu begreifen zur Verständigung.

Diesen Keim des Möglichen pflegt und gießt er, jätet das Unkraut um ihn herum, und wenn das Unkraut auch eine ganze Institution wäre: Er erzieht und hütet. Seine eigene Empfindsamkeit und Verletzbarkeit entwickelt sich mit dieser mühevollen Arbeit proportional bis zur Selbstaufgabe. Schutzlos ist er der Umwelt ausgeliefert, in einer Welt, die niemals ärmer an Liebe war, doch seine Schützlinge, durch musikalische Koordinaten zusammengehaltene Figuren, werden stark und schön und kräftig. Sie schweben ein wenig: Ihre Schwerelosigkeit danken sie dem Kosmischen der Musik. So werden sie freigegeben zur Bewunderung oder auch Vernichtung. Immer aber bleiben sie in Erinnerung.

Nun ist es ja ein ganz großes Glück, dass Peter Konwitschny ein humorvoller Mensch ist. Die neuen Konstellationen, die durch seine Sicht auf die Figuren entstehen, werden uns so vorgestellt, dass Konventionen noch erkennbar bleiben.

Wie Konturen eines Abziehbildes belässt er hier und da Vertrautes, und in dem Augenblick, da er es verlässt, entdecken wir durch Irritation neue Substanzen im Stück, die uns nun faszinieren. Das ist ein Moment seines Theaters, das mir Vergnügen macht und gleichzeitig eine Lehre ist. Es ist die Hohe Schule der Theaterkunst, die Konwitschny mit Bravour absolviert. Diese Fertigkeit ermöglicht ihm, den Zuschauer nie allein zu lassen, sondern immer wieder in seine Geschichte hineinzuziehen. Er gibt Einblicke ins Neue und Alte und zwinkert uns dabei zu. So hat das Neue Charme und Leichtigkeit. Die Illusionen sind weg, aber es bleibt die Hoffnung, und sei es nur für ein paar Takte…«

(Ruth Berghaus)



Wir Theaterleute können nicht auch noch dafür sorgen, dass Menschen gebildet werden - im Kindergarten, in der Schule, auf der Universität. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Aber wir sind auf diese Bildung angewiesen. Man kann die Zeile "Über allen Gipfeln ist Ruh" auch nur verstehen, wenn man gebildet ist. Um Opern oder Theaterstücke zu verstehen, muss man etwas wissen, sonst funktioniert das nicht. Aber die Verantwortung dafür können wir nicht übernehmen.

(Peter Konwitschny)


Rezensionen
Henriette Berger: (Sommer) Oper als Zentrum der Gegenwart

Im Zentrum des kulturellen Lebens der Domstadt dürfte in diesem Juni und Juli die Sommer Oper Bamberg stehen. ›Oper als Zentrum der Gegenwart‹ hingegen ist ein wahrhaft prachtvolles Buch betitelt, das vor wenigen Wochen im Verlag Bibliothek der Provinz im niederösterreichischen Weitra erschienen ist. Herausgegeben hat es Andrea Welker, zum Thema hat es einen der bedeutendsten Opernregisseure nicht nur hierzulande, Peter Konwitschny, dessen Namen es auch im Titel trägt, sowie den Zwischentitel »Mensch, Mensch, Mensch!«.

Marlis Petersen – die schwäbische Koloratursopranistin, die von 1994 bis 1998 ein erstes Engagement an der Staatsoper Nürnberg hatte, wo sie beispielsweise die Königin der Nacht sang, und die von sich sagt, ihr Gesang sei immer geprägt vom Geiste Mozarts – hat häufig mit Peter Konwitschny zusammengearbeitet. Er sei »einer der seltenen Regisseure, der Kopf und Herz verbinden kann und den Mut hat, gegen die Konventionen zu erschaffen, was dem Publikum ermöglicht, Blickwinkel zu verändern, alte Sichtweisen zu überdenken und sich auf Neues einzulassen.« Auch rüttele er die Gemüter auf und verlocke zu Emotionen in alle Richtungen. Petersen ist, das nur nebenbei, Ende Mai, im Juni und dann wieder im September an der Bayerischen Staatsoper in der Titelpartie von Alban Bergs ›Lulu‹ zu erleben; am Pult wird Kirill Petrenko stehen, es inszeniert Dimitri Tcherniakov.

Vor etwas über einer Dekade setzte Konwitschny ›Die Zauberflöte‹ an der Staatsoper Stuttgart in Szene. Lothar Zagrosek dirigierte, den Sarastro machte Atilla Jun, Johan Weigel den Tamino und Barbara Baier die Königin der Nacht. Die Produktion lief (mindestens) bis in die Spielzeit 2012/2013 hinein, wurde als Gastspiel 2006 in Tokio gezeigt und für ihren Reichtum an Phantasie – eine sturzbetrunkene Nachtkönigin und ein Papageno, der in der Fernsehunterhaltungsbranche landet, inklusive – und ihre Horizonterweiterung gefeiert. Zagrosek über Konwitschny: »Ihm ist es immer gelungen, seine Sicht der Dinge mit der musikalischen Situation in Einklang zu bringen. Selbst entlegene Sichtweisen verlieren bei ihm ihre Fremdheit, da sie den musikalischen Anker immer bewahren.«

Der Regisseur selbst meint zu Mozarts Oper: »Ja, die Musik ist sehr schön, aber interessanterweise verbindet man mit der Erinnerung an das Stück oft auch ein Gefühl von Langeweile. […] Bei keinem Werk ist mir bisher so sehr aufgefallen, dass die musikalischen Stücke – man könnte sagen: bunt zusammengewürfelt sind. […] Es gibt Lieder, Chöre, moderne Arien, einen figurierten Choral – wie bei einer Revue, wo auch alles zugelassen wird.« Und: »Es wird uns immer bewusster, dass es ein Essay über das Leben ist und keine Liebesoper.« In Notizen zu einem 2013 in Porto gehaltenen Workshop fragte Konwitschny, ob denn »die Wiener Operngesellschaft« Mozart nicht habe »verrecken lassen« und schließt an: »Wie kann einer tot sein, der zu uns spricht? Zu uns, die wir leben?«

In einer Geburtstagsadresse zu Konwitschnys Siebzigsten in diesem Januar schreibt Ioan Holender, der ehemalige Wiener Staatsoperndirektor: »Ohne Dein Wirken wäre die Welt der Oper heute weltweit noch viel ärmer als sie leider geworden ist. […] Wir alle welche Oper lieben, lieben und verehren Dich.« Der gewichtige, von Andrea Welker vorzüglich edierte Band zu, mit und über Peter Konwitschny führt dessen Wirken in Worten (von ihm selbst, von Freunden, von Mitstreitern, Kollegen und Wegbegleitern) und auch in zahlreichen, oft großformatigen, Photographien vor Augen. Ein weiteres Mirakel aus dem großartigen Verlag Bibliothek der Provinz von Richard Pils. Bravi!

Anmerkungen:
Bei den Salzburger Festspielen wird Peter Konwitschny Ende Juli anstelle von Luc Bondy Wolfgang Rihms ›Die Eroberung von Mexico‹ in Szene setzen.
»Es ist die Kunst der Fuge, sich nicht zu fügen.« (Ruth Berghaus, nachzulesen auf Seite 99)
»Stille ist die ultimative Art der Kommunikation.« (Leonidas Kavakos, Seite 72)

(Henriette Berger, Rezension für die Blogseite der Sommer-Oper Bamberg, 05.04.2015)


http://www.sommer-oper-bamberg.de/de/blog/artikel/archive/2015/april/article/sommer-oper-als-zentrum-der-gegenwart/

Jürgen Gräßer:

[…] Am 21. Januar ist Konwitschny siebzig Jahre alt geworden. Ihm ist ein prachtvoller, von Andrea Welker herausgegebener Band gewidmet, den man gar nicht genug loben kann: „Peter Konwitschny. ‚Mensch, Mensch, Mensch!‘. Oper als Zentrum der Gegenwart“. Erschienen in der gleichfalls nicht genug zu lobenden Bibliothek der Provinz in Weitra, 2015. Darin finden sich neben zahlreichen Photos von Inszenierungen und privater Art Beiträge eben von [Johannes] Leiacker, von Ingo Metzmacher, Peter Jonas, Lothar Zagrosek und Helmut Brade, neben vielen anderen. Sowie dieser schöne Aphorismus von Ruth Berghaus: „Die Kunst der Fuge ist, sich nicht zu fügen.“

(Jürgen Gräser, Rezension für: Art. 5 | III. Der Lieferant für Kunst und Kultur, [?.] 2015)


http://www.art5drei.de/artikel.neo?aid=772

Michael Ernst: Oper als Ausdruck des Lebendigseins

Annäherungen an den Regisseur Peter Konwitschny in einem prächtigen Bild- und Textband

Leipzigs Oper hätte eine Art lebendiges Peter-Konwitschny-Museum werden können. Der Regisseur realisierte dort ein breites Spektrum seiner Musiktheater-Inszenierungen und war von 2008 an drei Jahre lang Chefregisseur. Nicht die glücklichste Zeit in seinem Berufsleben, gekrönt von einem absurden Abgang. Umgehend wurden alle mit Peter Konwitschny geplanten Projekte sowie die meisten seiner Produktionen getilgt. Im Repertoire verblieb lediglich Puccinis „La Bohème“, herausgekommen 1991 und inzwischen zum unsterblichen Klassiker avanciert.

In Dresden, an der Sächsischen Staatsoper, sind Konwitschnys Inszenierungen vollends verschwunden. Unvergessen bleibt der Theaterstreit um seine „Csárdásfürstin“ im Jahr 2000, der ein peinlicher Rechtsstreit folgte.

Auch Häuser wie Graz, Hamburg, Stuttgart sind Schwerpunkte in Konwitschnys Arbeit gewesen; wer sich aber heute mit seinem Schaffen vertraut machen will, muss entweder weite Wege in Kauf nehmen – oder aber ein dickes, schweres Buch: „Mensch, Mensch, Mensch!“ ist ein Meilen-, nein, ein Wackerstein in der Literatur zum Musiktheater. Beim Lesen ist aber von einer Last nichts zu spüren.

Theater ohne Regie?

Peter Konwitschny ist eine schillernde Gestalt im deutschen Musiktheater. Sein Name wird gern (allzuoft vorwurfsvoll) mit dem Begriff „Regietheater“ in Verbindung gebracht. Was für ein Missverständnis! Als gäbe es Theater ohne Regie? Regietheater sollte ein Prädikat sein, das Theaterarbeit würdigt, die sich ernsthaft mit der Vorlage auseinandersetzt. Im Musiktheater also mit Partitur und Libretto. Peter Konwitschny, Sohn des einstigen Gewandhauskapellmeisters Franz Konwitschny, hat Theater stets aus dem Geist der Musik verstanden. Das findet sich ausnahmslos in all seinen Produktionen. Dadurch prägen sie sich ein, stehen als unvergessliche Theatererlebnisse.

Mit dem kiloschweren Bildband „Mensch, Mensch, Mensch!“ kann man in diese Erlebnisse nun noch einmal eintauchen. Herausgeberin Andrea Welker bringt ihr damit verbundenens Anliegen so auf den Punkt: „Die hohe Kunst Peter Konwitschnys besteht freilich darin, seine scheinbar im Gegensatz zu den Libretti stehenden Interpretationen aus der Musik heraus zu entwickeln.“

Die Autorin hat sich für dieses gewichtige Buch einer Mammutaufgabe gestellt. Um nicht nur die Biografie Peter Konwitschnys darzustellen, sondern seine Person in möglichst vielen Facetten erlebbar werden zu lassen, hat sie eine Vielzahl von Gesprächen, Aufsätzen, Essays und sogar Lyrik versammelt. Mit einer Laudatio von Regisseurin Ruth Berghaus aus dem Jahr 1993 setzt sie den Maßstab: „Konwitschny glättet nichts und führt uns nicht aufs Glatteis. Seine Unbestechlichkeit lässt das gar nicht zu. Sie ist im Angesicht unserer Zeit sozusagen sein größtes Laster.“

„Ein Mensch!“

Da wird der streitbare Zeitgenosse angesprochen, der Peter Konwitschny bis heute geblieben ist. Seine familiären Hintergründe werden benannt, das Pendeln zwischen Ost und West, der stets im Mittelpunkt stehende Vater, vor allem aber die Zerwürfnisse seiner Eltern. All das entschuldigt nichts, erklärt aber vieles. Der Regisseur lebt seine Utopie eines geglückten Lebens auf der Bühne aus, wie Andrea Welker mutmaßt: „Für ihn ist Oper Ausdruck des Lebendigseins. Das ist sein Lebensinhalt.“

Konwitschny ist schwer zu fassen. Man muss sich darauf einlassen, auf den Theatermann wie auf die Lektüre. Dann aber erhält man ein Gespür für den eigentlichen Sinn der Kunst: „Thea-ter ist dazu da, den Menschen daran zu erinnern, was er ist, ein Mensch!“, sagt Peter Konwitschny. An diese Aufgabe glaubt er, setzt sie beharrlich um, beruft sich auf Brecht, Marx und auf Wagner – und bleibt doch, was er ist: ein Mensch. Ein Mensch mit Anspruch und Abgrund, ein Mensch, dessen Zerrissenheit es ihm selbst und anderen nicht immer leicht macht.

Erinnerungen von Zeitgenossen ziehen sich durch dieses Konwitschny-Buch. Ausführlich kommt er auch selbst zu Wort, umreißt seine Sicht auf die Welt, auf die Menschheit, und betont darin die Rolle der Frau, die Rolle der Liebe.

All seine künstlerischen Stationen – von Altenburg über Halle und Leipzig bis hin nach Basel und Graz, nach München, Hamburg und Stuttgart sowie nach Amsterdam, Kopenhagen, Moskau und Wien – werden ausführlich dargestellt. Nicht nur mit Daten und Bildtafeln, stets auch mit lesenswerten Hinführungen zu den Produktionen, mit Interviews und assoziativen Texten. So entsteht das Bild einer schillernden Person, die in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit womöglich gar nicht zu fassen ist, aber „Oper als Zentrum der Gegenwart“ sieht. Daran wird Peter Konwitschny gewiss auch in Zukunft arbeiten.

(Michael Ernst, Rezension in: Neue Musikzeitung, 65. Jg., 5/2016)


https://www.nmz.de/artikel/oper-als-ausdruck-des-lebendigseins