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Kurzbeschreibung

Enzyklopädie des Wiener Wissens ; 21. - Edition Seidengasse


Eine heute wenig bekannte Episode in der Geschichte des Wiener Allgemeinen Krankenhauses sind die so genannten „Neuen Kliniken“, die von 1904 bis 1923 in unmittelbarer Nähe zum Altbau an der Alserstraße im 9. Wiener Gemeindebezirk errichtet wurden. Nur ein Teil der groß angelegten Planungen konnte verwirklicht werden, und mittlerweile wurden die realisierten Gebäude entweder abgebrochen oder durch Umbauten verändert. Lediglich die Baukörper der beiden Frauenkliniken an der Spitalgasse mit ihren charakteristischen, geschwungenen Attikabrüstungen sind im Stadtbild präsent.

Als eine der größten geplanten Anlagen ihrer Zeit stehen die „Neuen Kliniken“ prototypisch für die Architektur von Heilanstalten am Anfang des 20. Jahrhunderts Ihr fragmenthafter Zustand ist zugleich ein Sinnbild für das Scheitern von Großprojekten, deren Konzepte durch die ihnen immanenten langjährigen Planungs- und Bauprozesse noch vor ihrer Realisierung überholt sind.


Rezensionen
Hubert Christian Ehalt: Eine Produktionsstätte für „Gesundheit“

Ein neuer Band aus der Reihe „Enzyklopädie des Wiener Wissens“ widmet sich den zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandenen „Neuen Kliniken“ des Wiener Allgemeinen Krankenhauses. Ein Gespräch mit der Autorin, der Kunst- und Architekturhistorikerin Monika Keplinger.

Die Raumnot im alten Wiener Allgemeinen Krankenhaus an der Alserstraße ließ ab den 1870er-Jahren Pläne für den Neubau der Kliniken reifen. Schwierige Kompetenzstrukturen und notorischer Geldmangel verzögerten jedoch die Realisierung des Vorhabens. Schließlich wurde im Zeitraum von 1904 bis 1923 ein Teil der so genannten „Neuen Kliniken“ errichtet: In einer ersten Bauphase (1904 – 1908) die beiden Frauenkliniken in der Spitalgasse, in der zweiten Bauphase (1909 – 1911) die I. Medizinische Klinik, die Kinder-Klinik und die Klinik für Kehlkopf- und Nasenkrankheiten, drei Isolierpavillons und das Einfahrtsgebäude; von 1914 bis 1923 folgte noch die Erbauung der Zentralküche mit Kesselhaus. Planende Architekten waren für die erste Bauperiode Franz Berger, für die zweite Bauperiode Bartholomäus Piekniczek und Emil von Förster.


Hubert Christian Ehalt: Was kann man aus der Architekturgeschichte der „Neuen Kliniken“ des Wiener Allgemeinen Krankenhauses (AKH), errichtet vor hundert Jahren, lernen?

Monika Keplinger: Der Fall der „Neuen Kliniken“ zeigt, dass Großprojekte besonders unter zersplitterten Planungskompetenzen und unzureichender Finanzierung leiden. Die Gefahr besteht, als Torso zu enden und während der langen Planungs- und Errichtungsphasen von der Entwicklung der funktionalen Anforderungen überholt zu werden.

Ehalt: Was waren die leitenden Interessen der damaligen Planer?

Keplinger: Man wollte eine moderne Lehrund Heilanstalt unter Berücksichtigung der neuesten medizinischen Erkenntnisse als Ersatz für das alte, unter eklatanter Raumnot leidende AKH an der Alserstraße errichten. Den Klinikprofessoren war darüber hinaus auch eine zentrumsnahe Situierung wichtig – sie wehrten sich erfolgreich gegen eine Absiedlung an den Stadtrand.

Ehalt: Wenn man die „Neuen Kliniken“ mit dem neuen AKH vergleicht, was hat sich in diesen fünfzig, sechzig Jahren, die dazwischen liegen, in Planungsprozessen verändert?

Keplinger: Die Prozesse der Planung erwiesen sich in beiden Fällen als sehr langwierig. Für den Bau des neuen AKH wurde, im Unterschied zur Beamten-Planung der „Neuen Kliniken“, ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben.

Ehalt: Kann man für so komplexe Themen, wie das Krankenhaus-, Therapie- und Gesundheitsplanung sind, überhaupt sinnvoll planen? Gegenwärtig überstürzen sich ja sowohl die Forschungs- als auch die technologischen Entwicklungen?

Keplinger: Die sich permanent wandelnden Anforderungen in diesem Bereich können durch das Konzipieren von adaptier- und erweiterbaren Strukturen berücksichtigt werden – im Prinzip zeigte dies bereits das Pavillonsystem vor. Streng symmetrische Konzepte oder starre Raumgrenzen führen hingegen bei später notwendigen Um- und Zubauten zu Problemen.

Ehalt: Welche Affinitäten lassen sich zwischen Krankenhäusern und anderen Bauaufgaben feststellen?

Keplinger: Unter einem – von mehreren möglichen – Blickwinkel lässt sich die Funktionsweise eines Krankenhauses mit einer Produktionsstätte vergleichen: In ihr wird das Produkt „Gesundheit“, im Fall einer Klinik auch das Produkt „ÄrztInnen“ hergestellt. In diese Sichtweise passen auch der Begriff der „Heilmaschine“ aus dem späten 18. Jahrhundert und, häufig von Ärzten um 1900 verwendet, der Begriff des „Krankenmaterials“. Die Krankengebäude wären nach dieser Interpretation die Produktionshallen, in denen sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts die Tätigkeiten der Diagnose, Therapie, Forschung und Lehre, wie auch in der industriellen Produktion dieser Zeit, immer stärker „tayloristisch“ aufteilten.

Ehalt: Inwiefern spielte die institutionelle Tradition des AKH eine Rolle bei der Planung der „Neuen Kliniken“?

Keplinger: Interessant ist, dass die Situierung der Pavillons für die verschiedenen Krankheitstypen auf dem Gelände der „Neuen Kliniken“ wie eine Parallelverschiebung der Situierung ihrer Vorgängerräume im Verband des alten Allgemeinen Krankenhauses an der Alserstraße ausgeführt wurde: ihre relationale Ordnung in den alten Gebäuden hatte sich offenbar auf den neuen Standort übertragen.


(Hubert Christian Ehalt im Gespräch mit Monika Keplinger, erschienen in: Die Furche #51-52/14, 18. Dezember 2014, Feuilleton S. 22)


http://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Essays/Institutionen,_Bildung,_Kultur/AKH_Wien