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So nah, so fern

Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945 - 1989

Niklas Perzi

ISBN: 978-3-99028-093-5
24 x 17 cm, 478 S., Ill., graph. Darst., Kt.
€ 24,00
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Kurzbeschreibung

Hrsg.: Národní Muzeum Fotografie
Konzept: Niklas Perzi


Eine Region, zerrissen durch den Stacheldraht. Arbeiter im Blaumantel, Genossenschaftsmärkte und Dorfgreißlereien, Einbauküchen, Autos, Einfamilienhäuser und Plattenbauten, die Urlaube am Meer, Eisenbahnwerkstätten und Textilfabriken, Bauernhöfe und Staatsgüter. Abgerissene Familienbeziehungen, gelegentliche Besuche. Bilder, wie abgespeichert in den Köpfen, die abgerufen werden, lässt man die Jahre 1945-1989 an der österreichisch-tschechischen Grenze Revue passieren: Nachkriegszeit und Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wohlstandsgesellschaft. Auf beiden Seiten aber abgelegene Regionen an der Grenze. Geschichten, die Teil der Geschichte sind: Unserer Geschichte.

Die Kollektive Monographie "So nah, so fern - Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945-1989" vereint die Forschungsergebnisse des dreijährigen ETZ-Projektes "Stories - Menschen an der Grenze", welche auch in Form einer Wanderausstellung sowie einer Fotoausstellung publiziert wurden, und beinhaltet auf knapp 500 Seiten Beiträge von Jiři Dvořák, Hanns Haas, Jan Kocina, David Kovařík, Sandra Kreisslová, Leoš Nikrmajer, Niklas Perzi, Jiři Petráš und Thomas Samhaber.


Rezensionen
Gerald Schubert: So nah, so fern: Tschechische und österreichische Historiker über das Leben am Eisernen Vorhang

Bis 1989 verlief mitten durch Europa der Eiserne Vorhang. Jahrzehntelang teilte er den Kontinent in eine westliche und eine östliche Einflusssphäre. Wie sah in den kleinen Gemeinden auf der tschechischen und der österreichischen Seite der Grenze das Alltagsleben aus? Diese Frage hat sich ein Team von Historikern aus beiden Ländern gestellt, die Antworten sind nun im Buch „So nah, so fern“ nachzulesen.

„Wir haben nicht über die Dörfer geforscht, sondern in den Dörfern“, sagt Mitautor Niklas Perzi, der die Idee zu der Publikation hatte. Dorfchroniken, Fotoarchive, lebensgeschichtliche Interviews: Aus einer Vielzahl unterschiedlicher Materialien setzten die Historiker das Bild vom Alltag an der Grenze zusammen, an der für die meisten Menschen die Welt zu Ende war. Freiwillige Feuerwehr und Maiaufmarsch, Handwerk und Landwirtschaft, Schule und Dorfgasthaus. All das bestimmte die Lebenswelten der Menschen vor dem Hintergrund der Weltpolitik. Niklas Perzi:

„Österreich hat 1947 den Marshallplan angenommen und damit klar in Richtung Westorientierung gesteuert. Die Tschechoslowakei konnte und durfte den Marshallplan nicht annehmen. Stattdessen ist es im Februar 1948 zur totalen kommunistischen Machtübernahme gekommen, wobei die Kommunisten sich aber nicht als Vorreiter einer stalinistischen Revolution präsentiert haben, sondern als konsequenteste Fortsetzung des nationalen und sozialen Weges, den man bereits 1945 eingeschlagen hat.“

Nach 1948 setzte in der Tschechoslowakei dann die totale Kollektivierung ein. Die landwirtschaftliche Produktion wurde in die neu gegründeten Staatsgüter verlagert, private Bauernhöfe verloren ihre Funktion, private Handwerks- und Gewerbebetriebe verschwanden. Auch in Österreich sind viele traditionelle Betriebe der technischen Entwicklung zum Opfer gefallen. Viele hätten jedoch auch die erfolgreiche Transformation geschafft, sagt Perzi:

„Zum Beispiel der Wagner, der früher Räder für Pferdefuhrwerke hergestellt hat und nun Automechaniker wurde. Hier wurden auch die Grundlagen für sehr erfolgreiche lokale Unternehmerdynastien gelegt.“

Auf tschechischer Seite ist das Leben überdies geprägt von der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg und der Neubesiedlung ganzer Landstriche. Die Spuren sind bis heute erkennbar. In der Landschaft, in der Wirtschaft, und manchmal auch in den Köpfen. Auch der tschechische Präsidentschaftswahlkampf, aus dem Miloš Zeman als Sieger hervorgegangen ist, war überschattet von der Diskussion über die Vertreibung. Zemans Kontrahent Karel Schwarzenberg hatte das Prinzip der Kollektivschuld an den NS-Verbrechen kritisiert, aus dem Zeman-Lager waren daraufhin vermehrt nationale Töne zu hören. Zur Sprache kam auch Schwarzenbergs Verhältnis zu Österreich, wo er viele Jahre im Exil verbracht hatte.

[...]

(Gerald Schubert, Rezension für Radio Praha – Český rozhlas ČRo 7, das Auslandsprogramm des öffentlich-rechtlichen Rundfunks der Tschechischen Republik, 8.3.2013)


http://www.radio.cz/de/rubrik/tagesecho/so-nah-so-fern-tschechische-und-oesterreichische-historiker-ueber-das-leben-am-eisernen-vorhang

Martin Kugler: Die Welt im Strandkorb

Nach dem Zweiten Weltkrieg zerschnitt der Eiserne Vorhang Regionen mit ähnlicher Geschichte, die sich danach völlig anders entwickelten. Oder doch nicht völlig anders?

Eine Grenze zwischen dem Waldviertel und Südböhmen gibt es seit dem Mittelalter. Für das tägliche Leben bedeutete diese aber wenig: Es gab stets regen Austausch, man war Nachbar, betrieb Handel, heiratete zusammen etc. Was Jahrhunderte gut funktionierte, wurde im Wahnsinn des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen in wenigen Jahren zerstört: Zuerst wurde in Südböhmen die tschechischsprachige Bevölkerung vertrieben, dann die deutschsprachige, schließlich wurde der Eiserne Vorhang herabgelassen.

Die Folge: Die Orte im Grenzgebiet gingen nun verschiedene Wege. Der Linksruck in der Tschechoslowakei führte zu Agrargenossenschaften und Staatsbetrieben, die alten Führungseliten wurden durch die Partei ersetzt, v.a. nach dem Prager Frühling erstarrte das System. „Der Staatssozialismus der Tschechoslowakei blieb in einer Art ,konservierten‘ Spätmoderne stecken – und scheiterte dann auch daran“, schreibt der Historiker Niklas Perzi in dem von ihm konzipierten Buch „So nah, so fern“ über die Menschen im Waldviertel und in Südböhmen 1945–1989. Es ist das Ergebnis des von der EU geförderten Projekts „Stories“, das von der Waldviertel Akademie, dem Museum für Fotografie in Jindřichův Hradec (Neuhaus) und dem Südböhmischen Museum in Český Budějovice (Budweis) durchgeführt wurde. Der Kern sind Mikrogeschichten ausgewählter Orte auf beiden Seiten der Grenze, die v.a. auf Interviews mit Zeitzeugen beruhen.

Das Ergebnis ist einigermaßen überraschend: Allen Systemunterschieden zum Trotz gibt es viele Parallelen. Die Orte hatten die gleichen Probleme – etwa bei der Modernisierung der Infrastruktur oder mit der Abwanderung. Selbst die politischen Strukturen ähnelten einander: Die Gemeinden wurden von jeweils einer politischen Kraft dominiert – in Südböhmen von den Kommunisten, im Waldviertel meist von der ÖVP, mancherorts von der SPÖ. „Die Partei bot da wie dort die Möglichkeit einer ,alternativen‘ Laufbahn“, merkt Perzi an. Auf beiden Seiten wurden die einmal geschaffenen Lebenswelten für die Menschen selbstverständlich, man habe nicht die Systeme hinterfragt, sondern Abläufe innerhalb der Systeme, kommentiert der Historiker.

Schließlich begehrten hüben wie drüben die neuen Mittelschichten auf, die sich, so Perzi, „immer weniger in ihren Leben ,dreinreden‘ und vorschreiben lassen wollten – nicht von Partei(en) und nicht von der (katholischen) Kirche“.

(Martin Kugler, Rezension in: Die Presse, 11.8.2013)


http://diepresse.com/home/science/falsifiziert/1440402/Die-Welt-im-Strandkorb

Peter R. König:

Die Beiträge eines Autorenkollektivs suchen „zwei Wege in die Moderne anhand ausgewählter Ortschaften und Bezirke mit ähnlicher Größe und sozioökonomischen Strukturen auf beiden Seiten der österreichisch-tschechischen Grenze nachzuzeichnen“ (S. 15). Bewerkstelligt wird dies mit Befragungen von „gewöhnlichen‘ Menschen“ (S. 31), wie sich diesen „nun“ die Ereignisse im Beobachtungszeitraum darstellen, „eine kollektiv geteilte und kommunizierte Vergangenheit“ (S. 32) also; die Aussagen werden analytisch gedeutet und in einen geschichtlichen Kontext gestellt.

Die bei den Interviewten gesetzten Schwerpunkte machen im Falle der ČSSR sofort jene mit „traumatisierende[m] Potential“ (S. 49) deutlich, besonders ist es die „Kollektivierung der Landwirtschaft“ (S. 43) sowie der „beschränkte Zugang zur Bildung“ (S. 46). Selbst bei einem Stolz auf die Ergebnisse der unbezahlten Arbeit, waren diese doch „Zwangsaktionen“ (S. 27). Sehr spezifisch, ja eigenartig nimmt sich das Verständnis zum Aufmarsch am 1. Mai aus: In der Interpretation wurde er als „Ritual“, „als Selbstverständlichkeit“ akzeptiert (S. 53), nicht unbedingt „als politisches Ereignis“ (S. 114); in den Befragungen erscheint er gar als „eher spaßig“ (S. 325), oder es kommt zu umschweifig, verharmlosenden Formulierungen wie: „Das war wohl bis zu einem gewissen Grad sicher Zwang“ (S. 54). Die Beiträge gehen solchen Haltungen jedoch auf den Grund, etwa bei Perzi: „‘Dissidententum‘ war ihre Sache nicht, galt es doch, Familie und berufliche Laufbahn nicht durch offene Widerständigkeit zu gefährden, gleichzeitig aber die für sich selbst gezogenen Grenzen des Mittuns nicht zu überschreiten“ (S. 243), und weiter: „Das Volk spielte Begeisterung, die Funktionäre spielten vor, an diese Begeisterung zu glauben.“ (S. 236).

Der Band bietet Möglichkeiten zur eigenen Bewertung: Auf der einen Seite der völlige „Zerfall der sozialen und ökonomischen Zusammensetzung der Bewohner“ wie in Temerschlag [Mosty] (S. 156), „die verschiedenen Formen der Zusammenarbeit zwischen Stadt und Grenzsoldaten“ in Neubistritz [Nová Bystřice] (S. 309) (zwischen 1945 und 1960 kam es zur Schleifung von 130 Dörfern und 3000 Weilern; 1950 wurde ein Grenzstreifen der Breite 2 bis 6 km errichtet). – Anders als man meinen könnte, blieb die ursprüngliche Bevölkerung nach Entfernung der deutschen nicht unter sich. In der Region Kaplitz [Kaplice] wurden Slowaken aus dem siebenbürgischen Rumänien angesiedelt, machten oft 80 Prozent der Neusiedler aus, die sich obendrein mehr mit den verbliebenen Deutschen familiär verbanden (S. 464). 1970 hatte dieses Gebiet noch nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung von 1930 erreicht (S. 469).

Bei der Wahl der Orte im österreichischen Waldviertel macht jenes Oedt an der Wild den Unterschied zur ČSSR besonders frappant. Mit Wohlwollen zeichnet Hanns Haas unter dem signifikanten Titel: ‚Die Kraft der Beharrung‘ die Geschichte des Gemeinwesens Oedt nach, deren Bewohner Mitte des 19. Jahrhunderts „keine andere [ortsfremde Grund-]Herrschaft“ (S. 120) hatten, und bis heute einen „vergleichsweise engen Dorfzusammenhang sich bewahren konnten“ (S. 153). Das Konzept als Rezept hiefür „ist die Bereitschaft zu intensiven Außenbeziehungen und die Lernbereitschaft bei starker innerer Kohäsion“. Es „verbündelte sich hier in Oedt ein alteuropäisches kommunales Prinzip der ‚gemain‘, teils in genossenschaftlicher Umwandlung, mit dem Modernisierungselan marktwirtschaftlicher Rahmenbedingungen“ (S. 153).

Dieses Fallbeispiel sticht gegenüber den Verhältnissen jenseits der tschechoslowakischen Grenzen besonders ab, wo der Spielraum der Wirtschaft stets reduziert blieb gegenüber dem Primat der Wahrung als nationale, politische Grenze (S. 478). Im Gegensatz zu den Möglichkeiten der Einbindung von Intellektuellen in die Gemeindepolitik, die ab 1980 im österreichischen Kautzen ein abweichendes „gallisches Dorf“ (S. 177) bildeten, wurden in Südböhmen die „intellektuellen Stadtflüchtlinge meist nicht integriert“ (S. 22). Aufgrund des Mehrparteiensystems in Österreich, war im stark industrialisierten Groß-Sieghardts der Aufbau von sozialen Parallelwelten möglich (S. 247).

Man mag hüben und drüben der Grenze „Gemeinsamkeiten“ wegen der gleichermaßen „paternalistischen Bemühungen“ (S. 208) seitens der Politik und Parteien orten, sollte aber dabei nicht übersehen, dass die Parteidoktrin nicht ‚väterlich‘, sondern absolut aufgrund des letztlich ultimativen Betreibens der Sowjetunion war. Erst als diese äußere Klammer sich lockerte, wurde Ende der 1980iger Jahre der weitere Nutzen durch eine wachsende Zahl von Menschen als sinnwidrig angesehen.

Der Sammelband erhellt, dass das was in Österreich den Menschen vergönnt war, in der ČSSR ihnen – manchen! – vorenthalten wurde; so sehr, dass der gewählte Titel des Bandes auch alternativ lauten könnte: ‚So fern, und regional doch so nah‘.

(Peter R. König, Rezension in: Österreich in Geschichte und Literatur (mit Geographie), 58. Jahrgang, Heft 1, 2014, S. 99 f.)


http://www.wla-online.de/katalogdetail/items/2979.html