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Kurzbeschreibung

Der Schlüsselreiz


Ein milder, aus der Gewohnheit der Winterfröste als "heiß" zu bezeichnender Vorfrühlingstag lag über dem Land. Im Süden, wo die graublauen Gipfel den Blick begrenzen, türmten sich Wolkenpölster und schufen eine drohende, wasserschwangere Mauer, jeden Augenblick mochte sie über die Hügel herfallen und mit großen warmen Tropfen die an die Ackerraine geschmiegten Schneereste zu ihresgleichen verwandeln.


Die Wand stürzte auch ununterbrochen, doch der Sturm nahm sie nicht mit, er zersetzte die alles verschleiernde graue Masse ins Gegenteil: Sie wandelte sich in ein Fernglas mit Linsen und Prismen aus reinstem Kristall. Wer den Blick zu den Bergen wandte, sah sie deutlicher, klarer, näher und kontrastierter als an jedem für die Fernsicht berühmten Oktobertag. Der Wind zog hastig und warm gegen Norden, beugte die Wipfel des Auwaldes und brachte Staub mit.


Ich bin nicht wetterfühlig, glaube nicht daran, auch wenn manchmal an Tagen mit Föhn meine Stimmung gedämpft ist, eine leise Müdigkeit wie der allererste Anflug einer Erkältung meine Glieder erfaßt und ich der bewegten Luft zum Trotz die Bewegungslosigkeit schätzen lerne. Von heftigen Kopfschmerzen, Reißen in den Gelenken und anderen schweren Leiden bleibe ich verschont.


Da ich in der Lage bin, den von mir strikt eingehaltenen Ruhetag pro Woche frei zu disponieren, beschloß ich noch unter der warmen Decke im Bett liegend, die Arbeit sein zu lassen. Ich fühlte mich matt. Nach dem Frühstück, als ich meinen üblichen Spaziergang den Hang hinunter in Angriff nahm, erkannte ich den diesmal unleugbaren Zusammenhang zwischen dem Föhn und meinem Zustand. Die ersten hellgrünen Grasspitzen schoben sich aus den alten Büscheln, leuchteten zwischen den Blättern des Vorjahres, die den Hohlweg in die Au bedeckten. Der alte, durch den Bau eines "Ländlichen Zufahrtsweges" nutzlos gewordene Karrenweg, der in einer Kehre die lehmige Stufe hinunterführte, war rasch verwildert. Buschwerk streckte die Äste bis in Brusthöhe, ein schmaler Pfad schlängle sich bald rechts, bald links ausweichend wie ein Mäander talwärts. Wie immer führte mich mein automatisches Gehen ans Ufer, ich sah das braune Wasser, das durch Schmelzwasser aus den Bergen verdoppelt Erdreich mit sich riß.


Jedes Jahr verändert dieses Hochwasser die Lage der Schot-terbänke im Fluß, jene Stellen, wo im Sommer die Kinder baden. Zuletzt war ein toter Arm entstanden, dessen Wasser angenehme Temperatur erreichen konnte. Ich fürchtete um meinen Lieblingsplatz und ging entgegen meiner Gewohnheit flußaufwärts, benutzte dafür ein schmales Steiglein, das sich um Erlen, Weiden und Haselsträucher wand. Sonst spaziere ich in die Gegenrichtung, wo ein bewaldeter Hügel den Blick aufs häßlich nackte Ackerland verdeckt. Ich beschloß, bei der Schot-terbank umzukehren, um nicht in das weite Becken zu gelangen, aus dem nur mehr die kürzlich mit Asphalt belegte Straße zurückführte.


Diese lange Einleitung geschah mit Absicht, jedes Detail daran ist im Rückblick ein Beispiel: Wir agieren immer im Endpunkt einer Kausalkette, unsere Vergangenheit befiehlt uns den nächsten Schritt. Auch damals flogen meine Gedanken über dieses Thema, während ich immer wieder nach vome spähte, ob die Schotterbank schon zu sehen wäre. Der von gefallenen Blättern bedeckte Boden nährte Schneerosen in selten beobachteter Menge, bei genauem Blick zeigten sich winzige, hellblaue Flecken, die Knospen von Leberblümchen.


Sie erscheinen unter bestimmten Bedingungen. Es bedarf gewisser Temperatur, der Winter muß mit seinen Frösten Samen oder Wurzeln erfaßt haben, es braucht Regen und Son¬nenstrahlung. Hat all dies das rechte Maß, zeigen sie sich. Wenn das Umfeld stimmt, die Reize stark genug sind, regt sich Keimung und Wachstum.


Darin lag die Paralelle zu mir. Der Föhn dämpfte meine Stimmung, der milde Tag und die dadurch beschlossene Ruhezeit, alles äußere Reize, ließen mich so handeln. Das Hochwasser brachte mich dazu, die Route zu ändern und auch darin reagierte ich wie die Blumen. Mein üblicher Spaziergang, Variante kurz, ohne Anfahrt, hatte sich entwickelt, weil er nur kurz den Blick auf das von mir nicht geliebte Land zuläßt, die Ursachen für diese Abneigung könnte ich wieder lange und ausführlich herleiten, angefangen von der Tatsache , daß ich aus bewaldetem Hügelland mit winzigen, eingestreuten Äckern stamme, dort war meine Heimat, dort lernte ich mich wohlfühlen, dort erfuhr ich Geborgenheit. Die weite, freie Fläche läßt mich unruhig werden, wie Menschen aus flachen Gegenden sich in den Bergen beklommen fühlen, weil für sie die Einengung des Horizonts, die mir angenehm ist, bedrohlich wirkt. Doch genug davon.