Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

Im psychiatrischen Krankenhaus Baumgartnerhöhe in Wien lebt seit mehr als zwei Jahrzehnten ein etwa vierzigjähriger Mann, der behauptet, am 15. Februar 1918 geboren worden zu sein. Zwar kann man ihm ansehen, daß er ein unglücklicher Mensch ist, aber nicht, daß er unter einer schweren Form der Persönlichkeitsspaltung leidet. Abgesehen davon, daß sein Geburtsdatum nicht stimmen kann, zeigt der Mann, der sich Hubertus von Ehrenherz nennt, keine Anzeichen, die auf eine Geisteskrankheit schließen lassen. Man weiß wenig über ihn, ausser, daß er jede Woche von einer knochendürren, steinalten Dame besucht wird, die vermutlich seine Großmutter ist. Trotz seines dauerbetrübten Gemütszustandes ist er im Krankenhaus nicht nur sehr beliebt, sondern genießt ein Ansehen, wie es einem Geisteskranken nur selten zuteil wird. Einer der Gründe dafür liegt in seiner freundlichen, menschlichen Anteilnahme, die er grundsätzlich jedem angedeihen läßt. Er interessiert sich für seine Mitmenschen, beobachtet ihr Verhalten und bringt ihnen sein unbedingtes menschliches Mitgefühl entgegen.

-------------------------------

Es bedarf wohl ab und zu der Lektüre eines solchen Buches, um die Gnadenlosigkeit des sozialen Räderwerks dörflicher Gemeinschaften wieder drastisch vor Augen geführt zu bekommen. Dem Leser bleibt jede individuelle Fluchtmöglichkeit verwehrt, hat er sich einmal mit diesem Buch eingelassen.. Raskol bietet in seinem Erstlingswerk alles auf, was zu einer gediegenen dörflichen Idylle gehört: die Mühle, den Kirchturm, das rauschende Wasser, das Wirtshaus, den Hochstand,....... aber er verwehrt diesen Attributen die Vereinigung zu jenem Stoff aus dem das hohe Lied der rechtschaffenen, braven Dorfgemeinschaft gewirkt ist. Solche Geschichten ist nur jemand im Stande zu schreiben, der selbst Zeuge von Geschehnissen war, die zutiefst betroffen machen, weil sie bewußt darauf abzielten, Menschen ihre Würde zu nehmen und ihnen den geringsten Respekt zu verweigern. Erst, wenn die Opfer erfolgreich auf dem Schindanger der dörflichen Heimat gelandet sind, weit ausserhalb sozialer Akzeptant, gibt sich der Moloch Dorf zufrieden und wartet lauernd auf seine nächsten Opfer, die sich noch anerkannt und unbehelligt wähnen.
Die Geschichte von Siegfried Kadenbach, der nach dem Konkurs seines Vaters durch alle Tiefen, niemals durch Höhen dörflichen Lebens geht, nimmt einen gefangen und lässt .einen bis zum Schluss nicht mehr los. Raskol entwickelt diese Spannung durch eine geradlinige, klare Textierung, die ohne überflüssige Paraphrasierungen auskommt. Da stimmt jeder Satz, jede Metapher, jeder Vergleich. Eingesponnen in ein literarisches Netzwerk, das Siegfrieds verzweifelte Versuche, den Unabänderlichen zu entrinnen, bis zum kaum mehr Erträglichen verfolgt, vermag sich der Leser doch der Dichte der Milieuschilderung nicht zu entziehen. Fast erhofft er Stellen zum Verweilen, zum Aufblicken, zum Innehalten - doch sie kommen nicht. Das Buch ist wie aus einem Guss geschrieben und nötigt den Leser dazu, es in einem Fluss zu lessen. Dazu kommt, dass der Handlung eine nur schwer definierbare aufklärerische Kraft immanent ist. Der Autor hat sich die Menschen in der vermeintlichen Dorfidylle ganz genau angesehen und was er da erblickt hat, gibt zwar Klarheit aber nicht allzuviel Hoffnung. Daher abschließend ein guter Rat: Wenn Sie sich mit dem Gedanken tragen aufs Land zu ziehen, tun sie gut daran, dieses Buch zu meiden, wenn sie allerdings hinter die Kulissen dörflicher Sittengemälde blicken woollen, dann führt kein Weg an diesem Buch vorbei.

Christian Vielhaber (26.7.01)