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Kurzbeschreibung

Lauf, Berg, lauf!

Daß »der Berg« nicht nur für die Erlanger, sondern für alle (Bier)Franken ein »Muß« ist und ein Mysterium bleibt, bedarf für die Eingeweihten - was nichts mit »Kirchweih« zu tun hat! - keiner weiteren Begründung. Es ist aber, zumal in Zeiten professioneller Tourismuswerbung, für »Zugereiste« und Fremde erklärungsbedürftig, doch dazu später. Zunächst Fakten.
Wie jedes Fest braucht auch die Erlanger »Bergkärwa« eine gediegene Vorbereitung. Die drei wichtigsten Arbeiten hierbei sind: das Einbrauen eines speziellen, in Stammwürze und Alkoholgehalt kräftigeren »Bergbieres«, die umkämpfte Vergabe der Stellplätze für die Verkaufs-, Schau- und Fahrgeschäfte durch die Stadtverwaltung und schließlich das Großreinemachen von Kellerhäuschen, Holzbänken und -tischen. Wenn alles erledigt ist, kann am Donnerstag vor Pfingsten zur »Bierprobe« der Lauf beginnen.
Köln hat seine fünfte Jahreszeit: den Karneval, im Vorfrühling. Erlangen hat seine fünfte Jahreszeit: den »Berg«, zu Pfingsten. Der Unterschied?
In Köln sind berufsmäßige Spaßmacher am Werk, die Narrenkappe ist Standeszeichen, der Tusch der Kapelle signalisiert, wenn eine Pointe den Applaus heischt. In Erlangen machen den meisten Spaß die Besucher selber, ihr Abzeichen sind mitgebrachte Brotzelten, und auf den Krach der diversen Kapellen können viele gern verzichten. Nürnberg hat sein Männleinlaufen. Erlangen hat sein Männleinlaufen. Der Unterschied?
Auf dem Nürnberger Hauptmarke laufen oben an der Frauenkirche täglich um 12 Uhr die sieben Kurfürsten dreimal um den Kaiser. Das dauert dreieinhalb Minuten und macht aufs ganze Jahr gerechnet ca. 21 Stunden. An den Kellern am Burgberg laufen, den Auf- und Abbau nicht mitgerechnet, die »Berg-Gänger« vom Ausgraben des »Fäßla« bis zu seiner »Beerdigung« an insgesamt zwölf Tagen hin und her - soweit sie sich nicht gleich zu einer »Maß« hinhocken und dort sitzen bleiben. Bei einer täglichen »Bergzeit« von halbzehn oder zehn bis 23 Uhr macht das, aufs Ganze gerechnet, 157 Vz Stunden!

München hat seine »Wiesn«. Erlangen hat seinen »Berg«. Sagen Sie selber: Was ist eine Wiese gegen einen Berg? Von dem Herdenauftrieb der Busladungen, der Abzocke bei Bier, Imbiß und Fahrgeschäften sowie der Atmosphäre eines großen Einkaufszentrums vor den Toren der Stadt auf einer Asphalt- und Schotter»wiese« ganz zu schweigen. Und: Wer möchte die Pfingstferien gegen den Frühherbst eintauschen? Was man/frau am »Berg« alles zu sehen bekömmt an Prominenz? Die Herren der Chefetagen für die »Siemensianer«, die Stadtoberen (vom Faßanstich des OB bei der »Bierprobe« bis zum obligatorischen freien Dienstag der Stadtverwaltung) für die Bürgerschaft, allerlei Kultfiguren - wie z. B. Elke Herbst, Kitzmanns Kalauer-König, den teufelsweichen Gänsewirt, den Palettenkaiser - für die Kenner der »Szene«.
Ach ja, abundzu sucht noch ein schwarzer oder roter »Freistaat «-Fürsorger das Heilbad in der Menge. Die Professoren der Uni wechseln zu rasch, um richtig bekannt zu sein, und auch ihre Studenten schauen kaum über den eigenen engen Fachbereich hinaus. Früher wohnten nördlich der Schwabach die »Überflüssigen« in ihren Villen, heute macht sich zu Pfingsten hier davon, wer sich über den Lärm und den Dreck nicht ärgern will. Daß man/frau sich dem »Berg« auf vielerlei Art nähern kann, ist keine Frage. Das Historische wie das Kommerzielle, das Organisatorische wie das Polizeiliche, das Journalistische wie das Kulturkritische hat seinen eigenen Blick auf dieses »Volksfest«, das eigentlich gar kein Fest ist. Denn zu feiern gibt es im Grunde nichts. Es gibt hier keine Kirche, also auch keine »Kirchweih«. Und der Geist des christlichen Pfingstfestes würde in Hektolitern von Bier ersäuft. Auch daß es den »Berg« nun, mit kurzen Unterbrechungen und allerlei Wandlungen, schon 250 Jahre gibt, ist bestenfalls für Eventsüchtige von Bedeutung, denn eine Tradition als solche lockt doch im Ernst niemand hinter der Windschutzscheibe des Autos hervor. - Vertrauen wir uns also dem Poetischen an.
Sie haben richtig gelesen. Der »Berg« hat unbestreitbar eine poetische Qualität. Doch ehe man/frau zu seinen Farben und Düften, seinen Tönen und seiner Vielfalt an Berührungen kommt, muß frau/man sich all das erlaufen. Wie eine fremde Stadt durchlaufen und umlaufen sein will, damit man sie samt ihren versteckten Winkeln und Ecken ein bißchen kennt, so will der »Berg« von den ringsum verstreuten (auch: wilden) Parkplätzen aus erklommen sein. Ob man/frau auf der »Bergmeile« im Menschenstrom mitschwimmt, ausschert und stehenbleibt:Selten ist es ein Schlendern, meist ein Schieben und Geschobenwerden, oft auf Tuchfühlung, wo dann die Taschendiebe und Po- und Busengrabscher ungestört ihr Unwesen treiben können. Eile hilft hier an normalvollen Tagen nichts. Auch der Menschenstrom hat Wirbel und Staus, Schnellen und Gleithänge. »Läufige« und »Gegenläufige« trifft man/trau hier - denn Hinweg und Rückweg, wir wissen es seit Heraklit, sind Dasselbe und doch nicht das Selbe. Tausend Gesichter: Auf welche schaut frau/man länger? An Treffen/Wiedersehen und Gesprächen/Gesprächsfetzen läuft manches gut, wie geschmiert, entspannt, manches mißlingt, führt zu Mißtönen, Mißmut und Streit. Aufgebrezelte Mädchen und junge Frauen im europaweiten Push-up-BH- und Bauchfrei-Look, Gelhaarjünglinge, quengelnde Kinder, wache oder stumpfe Bierkrugmitsichrumschlepper, Bratwurst/Gyros/Pizza/Langos-Kauende, mit einem Grünzeug-Gewinn Bestrafte: Sie alle kommen hier zu ihrem Recht - zumindest meinen sie das, sonst wären sie nicht hier.
Und natürlich sucht jedes Lebensalter andere Genüsse. Doch die meisten kommen auf andere Art wieder ins Laufen - nach dem Genuß von ein/zwei Maß Bier: zum abkehrwürdigen Pissoir oberhalb der Kellerhäuschen oder zum kostenpflichtigen WC-Wagen. Was ich als Zehnjähriger zum ersten Mal als »Berg« erlebt habe, war etwas ganz anderes als ein paar Jahre später Popcorn und Autoscooter und das Papierrosenschießen für die erste Liebe und dann der »Tanz« des Abiturienten und Studenten ums Faß vor dem »Erich-Keller«. Die Schiffschaukel und der »Affenkäfig« mit der schwindelfreien Tochter boten einen anderen Reiz als der Besuch mit Bekannten beim Scherenschneider oder das Treffen mit Kollegstufen-Kursen zum »Kitzmann«-Bier. Und das Wiedersehen alle fünf Jahre mit den alt gewordenen Mitschülern auf dem »Steinbach-Keller« zu einem dunklen Bier und einer Gulden-Brez'n ist wieder etwas anderes.

Klar: Für jeden Erlanger hat der »Berg« ein anderes Gesicht. Und auch für ihn gibt es einen Wandel in den Jahrzehnten, vielleicht schon in den Jahren, selbst wenn das Angebot an Bier- und Imbißmöglichkeiten, an Fahr- und Schaugeschäften ähnlich geblieben ist...