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Kurzbeschreibung

»Ein schwarzes Unterkleid«, krächzte Großmutter Gunda, als ihr Sohn es gewagt hatte, sich vorsichtig nach ihrem Wunsch für ein Geburtstagsgeschenk zu erkundigen. Mit einer Stimme, die sich von Jahr zu Jahr immer mehr zu der eines Papageien verwandelt hatte, setzte sie beleidigt hinzu: »Das ist euch wohl zu teuer, was? Legt halt euer Geld zusammen! Das wird euch eure Mutter ja wohl noch wert sein.«
Als ihr Sohn behutsam fragte, wozu sie denn mit ihren achtundsiebzig Jahren unbedingt ein schwarzes Unterkelid brauche, wo doch gerade heuer die Geschäfte voll seien mit angenehm warmen und auch überhaupt nicht gesundheitsschädlichen Miederhosen aus Microfaser, keifte die Alte so heftig los, daß ihr ein bläulich schimmernder struppiger Haarschopf frech in die Stirn wippte.
»Wofür ich das Unterkleid brauche? Damit ich es bei der Aufbahrung in der Leichenhalle tragen kann.«
»Bei welcher Aufbahrung«, fragte Kurt irritiert, weil ihm nicht aufgefallen war, daß jemand aus dem Bekannten- oder Freundeskreis gestorben wäre. »Na bei meiner eigenen«, kreischte die Alte, schob ihren Haarschopf zurecht und wandte sich wieder dem Fernseher zu, weil für sie das Thema erledigt und die Audienz beendet war.
Der Sohn zog den Kopf zwischen die Achseln und trottete kleinlaut von dannen. Warum hatte er auch so blöd fragen müssen?
Manchmal machte Gunda verrückte Sachen. Sie vergrub ihre Kaffekanne im Gemüsebeet und wartete sehnsüchtig auf die Bohnenernte; sie schüttete Bodenwischwasser als Marinade über den Endiviensalat und zwang eine ihrer Schwiegertöchter dazu, die ganze Schüssel auszulöffeln; sie erzählte im ganzen Ort, dass ihr fünfundfünfzigjähriger Sohn Karli bettnäßte, seit er mit dem Rauchen aufgehört hatte.