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Kurzbeschreibung

DAS BEERENMÄDCHEN

Der Schlag jenseits des Anzenberges stieg steil empor bis zu einem Schöpf zottiger Fichten. Die ersten Sonnenstrahlen vergoldeten die schwarzen Bäume und dort, wo auf der anderen Seite des Perneggerbachtales der Jungwald den Hang bedeckte, warf die Sonne schon einen gelben Streifen über den Kogel.
Am Fuße des Schlages stand Maria, ein sechzehnjähriges Mädchen, noch ganz wie ein halbwüchsiger Knabe, eckig und ungelenk, und blickte prüfend den Hang hinauf. Ihr sommersprossiges Gesicht glühte von dem eineinhalbstündigen Aufstieg. Auf schon halbüberwachsenen Wegen hatte die Beerenpflückerin lange Strecken abgeschnitten, um schneller zum Erdbeerschlag zu gelangen. Wie sie so in der kühlen Frühe stand, über den rotgewürfelten Kittel eine verwaschene Blaudruckschürze gebunden, die nackten braunen Beine in derben, schwerbeschlagenen Schuhen, war die schmächtige Gestalt wie ein winziges Pünktchen am Fuße des jäh aufsteigenden Hanges.
Maria, die trotz ihrer Jugend schon alle Beerenschläge weit und breit kannte, atmete erleichtert auf, als sie, den Hang hinaufschauend, sich vergewissert hatte, daß sie allein und niemand ihr zuvorgekommen war.
Ich hab ihr's ja gesagt, daß es hier besser ist, dachte das Mädchen, denn seine Mutter, die es auf der Brust hatte und nicht mehr in die steilen Schläge konnte, hatte dem Mädchen aufgetragen, wieder ins Weißenbachtal zu gehen. Erst nach einem längeren Streit hatte sie nach gegeben und das Mädchen auf die Ischler Seite gehen lassen. Immer mit den alten Beerenweibern zusammen, die so neidisch sind, daß sie einem die schönsten Beeren vor der Nase wegrupfen, da hab ich jetzt genug, grollte die Sechzehnjährige noch nachträglich, und sie freute sich, daß sie ihren Willen durchgesetzt hatte.
Langsam, mit kleinen Schritten stieg sie schräg in den Hang hinein. Die Gräser waren von Feuchtigkeit schwer, und Maria fröstelte, wie ihr die nassen Halme so über die nackten Beine strichen und die Nässe von den dicken Schafwollsocken wie von einem Schwamm aufgesogen wurde. In einer Mulde standen große Huflattichblätter, die ihr bis an die Hüften reichten. Von Erdbeeren war weit und breit nichts zu sehen, aber Maria stieg geduldig bergan, denn sie erkannte mit ihren geübten Augen, daß sie nicht nur die erste an diesem Tag war, sondern daß den Schlag in der ganzen Beerenzeit noch niemand betreten hatte. Kein einziger Pfad war im wilden Riedgras zu erkennen, die weite Hache lag unberührt im Morgenlicht. Der Huflattich zeigte nur dort seine weiße Unterseite, wo das Mädchen einen Streifen in das Grün gezogen hatte.
Auf der halben Höhe des Schlages, wo der Morgenwind herüberstrich, ging das Mädchen schräg zum Waldrand hinüber. Dort setzte es unter einer Fichte den Rucksack ab und nahm die Zistel heraus. Ein größeres Körbchen war aus geschälten Wurzeln geflochten, die kleineren aus jungen Weiden, Feldbererstauden, wie man sie hier nannte. Mit der kleinen Zistel in der Hand ging Maria in den Schlag hinaus.
Hier heroben stand das Gras nicht mehr so dicht, und auf den Blößen fand Maria die ersten Beeren, die rot im dunkelgrünen Kraut hingen. Aber sie waren nicht reif genug, zeigten noch weiße Bäuche und ließen sich nicht vom Blattkelch lösen. Hart kollerten sie in die Zistel. Die Arbeit ging nur mühsam voran, die Pflückerin mußte über die Hälfte der Beeren stehenlassen. Der Schlag war wie ein riesiges steilaufragendes Dach, und die winzigen Beeren versteckten sich im taufeuchten Gras. Kreuz und quer durchstreifte Maria die Lichtung, bis sie die kleine Zistel halbvoll hatte. Und immer noch waren die Beeren klein und hart. Sie dachte an das saure Gesicht der Herrschaftsköchin, wenn sie diese Beeren in die Schüssel schütten würde.
»Aber diesmal sag ich ihr, daß sie selber einmal in die Schläge gehen soll«, begehrte das Mädchen auf, »sie soll's einmal versuchen, nur einen einzigen Tag!«
Die Sonne war inzwischen über den Hügel emporgestiegen und brannte dem Mädchen ins Gesicht. Mit ihr kamen Schwärme von Mücken, die so klein sind, daß man sie im dunstigen Morgen nicht sieht. Aber wenn die Staunzen an ihr vorbeisummten, riß Maria den Kopf auf die Seite, daß die Haarschöpfe flogen. Sie tat es mechanisch und ohne Vertrauen, denn sie wußte, daß sich die winzigen Mücken doch nicht stören ließen. Sie setzten sich hartnäckig in den Kniekehlen fest, verbissen sich unbarmherzig beim Haaransatz am Genick und dort, wo der geschnürte Schuh das Blut staute. Erst als die Sonne die Gräser getrocknet hatte, zogen sich die Schwärme wieder in die kühleren Büsche zurück...