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Kurzbeschreibung

st die blanke Leere eines Blattes Papier Vollendung sprachlichen und bildkünstlerischen Ausdrucks? Dieser philosophischen Dimension des 'lebendigen' Stoffes Papier spüren nicht erst Künstler des 20. Jahrhunderts nach. Den reinen Bogen Papier befand Georg Christoph Lichtenberg bereits schöner als einen kostbar bedruckten. Die hohe Wertschätzung des Papiers bezog sich auch auf den kunstvollen Prozeß der Erstellung: aus den Fasern schmutziger alter Lumpen ersteht der reine weiße oder farbige Bogen Papier. Vorhergehende Daseinsformen des Papiers sind dem Kunstwerk inkorporiert und Thema zeitgenössischer, philosophisch-pantheistischer Kunstbetrachtung. Papier war bis ins 20. Jahrhundert fast ausschließlich Hilfsmittel für die Kunst. Papier und Pappe nutzten die Künstler für Entwürfe und Skizzen. Papier und Pappe waren Trägermaterialien für Zeichnung, Graphik und gelegentlich für Malerei. Die Eigenqualität der unterschiedlichen Papier-sorten, deren spezifische Materialität, Struktur und Farbigkeit, wurde von Künstlern zu allen Zeiten bewußt ausgewählt, um die künstlerische Aussage zu unterstützen. Erst Georges Braque und Pablo Picasso 'befreiten' das Papier aus der dienenden Rolle als Trägermaterial. Bedruckte Papiere klebten sie erstmals 1912 in Gemälde als den gemalten Bildpartien gleichwertige Strukturflächen. Futuristen, Dadaisten, Kurt Schwitters und Max Ernst nutzten Papiere jeglicher Art für Collagen. Josef Albers am Bauhaus erforschte anhand des flexiblen Endlospapiers die reine Form. Papier ist ein faszinierendes Medium. Papier gibt als Trägermaterial von Schrift und Bild Auskunft über Geschichte, Errungenschaften und Begebenheiten. Papier kann Teil einer Landschaft sein, in der es durch Verwesung in den Kreislauf der Natur zurückgeführt wird. Papier kann Landschaft in sich aufnehmen, wenn zum Beispiel Pigmente des Staubs oder Steins, Teilchen des Holzes oder des Laubes, Bestandteil des Papierblattes sind. Papier kann Geheimnisse in sich bergen, kann im Wasserzeichen oder in unsichtbarer Tinte verborgene Zeichen in sich einschließen. Papier inkorporiert Klänge und Geräusche, die je nach Faserqualität, Dicke, Geschmeidigkeit und Format variieren und je nach Art der Klangerzeugung durch Knüllen, Reißen oder Beschlagen ein breites Klang- und Geräuschpotential bieten. Dem Künstler ist die Aufgabe gestellt, Papier in seiner schier unendlich erscheinenden Bandbreite der Sprachmöglichkeiten zu erschließen. Dem Betrachter hingegen obliegt es, die Geschichte des jeweiligen Mediums Papier und die vom Künstler hineinkomponierte Lebensphilosophie zu entschlüsseln. Arbeitsmittel, die nicht zu den 'klassischen' künstlerischen Materialien gehören, übten gerade im 20. Jahrhundert eine besondere Faszination auf Künstler aus. Solche 'armen' Materialien wie Papiere aller Art und die Wiederverwendung von Abfallmaterial aus dem Alltag veränderte und erweiterte die Palette künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten entscheidend. Auch die Spuren von Verwendung, Verschmutzung und natürlichem Verfall wurden zum Thema. Ohne diese neuen Aspekte von Material wäre die Kunst, vor allem diejenige der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, um wesentliche Aspekte ärmer. Von der Antike bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wurde ein Kunstwerk primär über seine Inhalte rezipiert; das Material spielte eine untergeordnete Rolle. Man ging von der Vorstellung aus, daß die Idee aller Dinge in ihrem vollkommenen Zustand stofflos ist. Der Werkstoff hatte sich weitgehend der künstlerischen Form unterzuordnen. Die Materialien waren in eine Rangordnung gebracht, die davon bestimmt war, wie wenig sie die zugrunde liegende Idee in ihrer Reinheit zu trüben vermochten.1 Erst im 19. Jahrhundert griff die auf das Material bezogene ästhetische Theorie, zunächst in der Baukunst und seit den 'Fauves' für Malerei und Plastik.