Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

HUNGER

Die Schönheit Ilfracombes wirkt, als nähme alles hier die Gegenwart nur unwillig zur Kenntnis. In wenigen Orten Englands ist der viktorianische Baustil so gut erhalten wie in dieser Stadt an der Nordküsre Devons. Noch heute ist erkennbar, daß hier früher ein Ferienort reicher Bürger und Aristokraten gewesen ist. Auf den Küstenklippen im Westen des Ortes steht das letzte noch geöffnete Hotel aus der großen Ära Südwestenglands, die bis nach dem Ersten Weltkrieg gedauert hat. Die Suiten sind in viele kleinere Zimmer unterteilt worden. Dank der Spielhalle im Erdgeschoß gehen die Geschäfte des Hauses nicht nur während der Sommermonate gut.


Noch deutlicher sichtbar ist der Glanz vergangener Tage an den Hotels, bei denen die Verkleinerung ihrer fürstlichen Zimmerfluchten nicht rechtzeitig gelungen ist. Von den brüchigen Fassaden blättert der Putz ab, nachdem die einst vornehm hellen Farben erst zu verschmiertem Grau verwaschen, dann wie Schmutz weggespült worden sind. Die zerbrochenen Fensterscheiben in den verfallenden Mauern sind nicht mehr erneuert worden, Makler, die diese Liegenschaften zu Spottpreisen erwerben, lassen die Fensteröffnungen nur mit Brettern vernageln, um den Regen abzuhalten. Pensionisten, Männer mit tätowierten Unterarmen samt ihren grell gekleideten Frauen und Kinleuce ihren Urlaub hier und sichern n umgesetzten Geld das matte Weilten Häuser. Arbeitslose aus den Großstädten Englands leben neben den rund zehntausend Einwohnern hier, weil sie für ihr Arbeitslosengeld, vierzig Pfund pro Woche, in der Provinz mehr bekommen. Sie mieten in Gruppen die während der Wintermonate leerstehenden Ferienwohnungen, in der Großstadt könnten sie sich ein Dach über dem Koppf nicht leisten. Manche haben Drogen mitgebracht, wenig später sind Drogenhändler nachgereist.


Alle Wege und Straßen dieser Stadt führen zur promenade entlang der Küste hinunter. An schönen Tagen ist es der Horizont, auf der anderen Seite des Bristol Channels, die Küste von Wales zu sehen. Am Abend beginnen auf dem einen Ufer des Meeres die Laternen entlang der Promenade zu leuchten, drüben am anderen Ufer die Lichter von Cardiff. Der Blick raus auf den Atlantik, ist frei.

Traum und Wirklichkeit
Im Leben kann man sich weniger aussuchen, als man glaubt. Das erzählt Andreas Weber in seinem Buch "Nachtspiel. Acht Erzählungen in einer Landschaft", das in der Bibliothek der Provinz erschienen ist. Die Leser werden mit realistischer, leichtfüßiger Sprache zum Spiel mit Traum und Wirklichkeit eingeladen.

Andreas Weber wurde 1961 in Horn geboren lebt heute in Linz. Seine Erzählungen hat er an der Küste Englands angesiedelt. Die in dem Buch versammelten Lebensausschnitte lassen Menschen erkennen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind. Nach und nach kristallisieren sich Sehnsüchte nach Veränderung heraus, die Lebensträume aber liegen in der Ferne und nicht in ihrer Heimat. Und diese Heimat läßt auch keinen aus. Weber versteht es, eigenwillige Anekdoten zu erfinden, worin die personen zu Schauspielern ihrer eigenen Tragödie werden. Ein gelungenes Buch.

Kronenzeitung, So 20.07.1997