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Kurzbeschreibung

Die Farbe BlauEine kleine Kulturgeschichte Rein physikalisch gesehen entsteht beim Menschen eine blaue Farbempfindung, wenn Licht einer bestimmten Wellenlänge – zwischen 440 und 485 Nanometer – auf die Netzhaut trifft, dort umgewandelt und in das Gehirn weitergeleitet wird. Dabei vermag der menschliche Sehsinn mehr Farben zu unterscheiden, als wir Ausdrücke in unserer Sprache besitzen. Für die Farbe Blau kennen wir, um einige Beispiele zu nennen, die Bezeichnungen blaßblau, hellblau, dunkelblau und tiefblau für die Farbtiefe und marineblau, tintenblau, königsblau, stahlblau, veilchenblau, kobaltblau, nachtblau, himmelblau, enzianblau und indigoblau für unterschiedliche Valeurs. Die Farbe Blau begleitet den Menschen seit Anbeginn mit geradezu überwältigender Intensität. Über uns wölbt sich der blaue Himmel und spendet elementare Geborgenheit. Auch die Wasser der Erde reflektieren genau diese Farbe. An trüben Tagen, besonders wenn sie gehäuft auftreten, schlägt sich das Fehlen von Blau auf unser Gemüt. Die Sonne, der blaue Himmel und das Azur des Meeres lassen uns fast alle Sorgen vergessen und werden in dieser Kombination alljährlich von Millionen Urlaubern als Medizin konsumiert. Aber was ist nun die Farbe Blau?Goethe, der sich Zeit seines Lebens mit der Lehre von den Farben beschäftigt hat, war der Ansicht, daß das Farbsehen kein rein mechanistischer Prozeß ist. Diese Auffassung stand im Gegensatz zu der damals anerkannten Theorie Newtons, die davon ausging, daß Farben nur physikalischen Gesetzen gehorchen. In Goethes Lehre reagiert aber der ganze Mensch auf Farbeindrücke. Bei Goethe steht das dunkle Blau im Kontrast zum hellen Gelb, wobei dem Blau mehr negative als positive Aspekte zugewiesen werden. Später griff Rudolf Steiner die Erkenntnisse Goethes auf und setzte sich mit dem Wesen der Farben auseinander. Für ihn ist Blau diejenige Farbe, die dem Menschen innerliches Wohlbehagen bereitet. Zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts wurden die phänomenologischen Ansätze Goethes und Steiners durch psychologische Untersuchungen über die Wirkung von Farben erweitert. Dabei wies Florian Stefanescu-Goanga nach, daß beim Betrachten von Indigoblau bei der Mehrzahl der Testpersonen die Atemlänge bei abnehmender Atemhöhe zunimmt. Zu ähnlichen Ergebnissen kam Ende der Sechzigerjahre der »Lüscher-Test«, wonach das Dunkelblau Ruhe oder Beruhigung repräsentiert. Blau steht auch für Bindung und Treue und wurde im christlichen Abendland bei Bildnissen konsequent in Form des blauen Mantels Mariens als Symbol eingesetzt. Damit steht das Blau für das ewig Weibliche und wird daher auch mit Zeitlosigkeit und Tradition assoziiert. Von dort ist es nur mehr ein kleiner Schritt zur bäuerlichen Tracht, die seit Jahrhunderten in dunklem Blau gehalten ist und so ebenfalls diesen Ausdruck des Passiven, des »nicht verändern Wollens« in sich trägt.Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, daß der Symbolgehalt der Farbe Blau eine universelle Größe ist. Er ist vielmehr vom jeweiligen Kulturkreis abhängig und unterliegt natürlich auch gewissen zeitlichen Moden. Als Farbe des Himmels und des Wassers steht das Blau für unbegrenzte Ferne und Tiefe. Denken wir in diesem Zusammenhang nur an den Ausdruck »ins Blaue fahren«, wo genau dieser Aspekt angesprochen wird. Der Zustand der Trunkenheit, in dem sich die Wirklichkeit von Raum und Zeit auflöst, wird auch als »blau sein« bezeichnet. In der Kunst des Zwanzigsten Jahrhunderts stehen immer wieder einzelne Bewegungen und Richtungen mit der Farbe Blau in Zusammenhang. Sehr bekannt ist die sogenannte »Blaue Periode« von Picasso, die durch den Freitod seines Malerfreundes Casamegas 1901 ausgelöst wurde und bis 1904 dauerte. Die während dieser Zeit entstandenen Bilder waren in Porzellanblau gehalten und zeigen die dem Irdischen entrückte, leidende, menschliche Kreatur. Picasso, der der mediterranen Lebensform eng verbunden war und sich mit der griechischen Kunst besonders intensiv auseinandergesetzt hatte, wußte natürlich um die Bedeutung der Farbe Blau als Ausdruck von Trauer. Während seiner Bauhauszeit entwickelte Wassily Kandinsky eine Farbtheorie, wobei er, angeregt durch die Freundschaft mit Arnold Schönberg, nicht nur Formen, sondern auch Klänge mit Farben in Übereinstimmung zu bringen suchte. Blau war für ihn eine himmlische Farbe, die er – je nach Farbtönen – den Streichinstrumenten zuordnete. Den drei Grundformen der Geometrie – Kreis, Dreieck und Quadrat – stellte er entsprechend die drei Grundfarben Blau, Gelb und Rot zur Seite. Die Farben Blau und Gelb kennzeichnen auch eine gegensätzliche Bewegung. Während Gelb sich vom Zentrum ausbreitet, entsteht bei Blau eine Bewegung zum Zentrum hin. Blau, insbesondere das dunkle, wird somit zum Symbol für das Meditative, das Unendliche. Das müssen wohl auch jene Astronauten verspürt haben, die unsere Erde – auf Ihrem Weg zum Mond und zurück – als eine in Blau gehüllte Kugel inmitten des unendlich anmutenden Kosmos gesehen haben. Das Blau als Symbol des Lebens inmitten einer sonst lebensfeindlichen Umgebung.