Warenkorb
0€ 0

Kurzbeschreibung

In "Holzfällen", 1984, spreche "er auch vom richtigen Zeitpunkt, sich wieder von jemand zu trennen, einen Menschen zu verlassen", und Schmied setzt dann fort mit ein paar Sätzen, die mit einem "Aber" beginnen, und die zum Schönsten und Gerechtesten gehören, das sich nicht nur über das Verhältnis von Kunst und Leben und über das dem Kunstwerk geopferte Leben sagen lässt, sonder auch über das, wie Sigmund Freud es sah, gemeine Unglück jedes Lebens: "Aber den richtigen Zeitpunkt, jemand zu verlassen, kann es nicht geben. Jedenfalls nicht für beide Seiten. Vielleicht mag der Zeitpunkt für den aktiv Handelnden stimmen. Auf keinen Fall stimmt er für den passiv duldenden, für den verlassenen Partner." (Hans Höller)


Rezensionen
str: Wieland Schmieds letztes Buch

Am 22. April 2014 ist der große österreichische Kunst- und Literatur-Vermittler Wieland Schmied 85jährig gestorben. So wurde sein in der Bibliothek der Provinz Weitra erschienenes Buch "Auersbergers wahre Geschichte und andere Texte über Thomas Bernhard" zum letzten Vermächtnis eines Kulturmenschen, der auch in der ostbayerischen Region Wegmarken gesetzt hat. Das zum Jahreswechsel 2013/14 fertig gestellte Buch versammelt Texte, die erstmals in Buchform erscheinen, viele gar noch nie gedruckt. Sie sind alle nach dem Tod seines Freundes Thomas Bernhard (1989) entstanden und sie sind nicht nur für Freunde dieses wohl bedeutendsten österreichischen Autors nach 1945 mit sehr viel Gewinn zu lesen. Schmied, der Bernhard das Erscheinen seines ersten Romans "Frost" 1963 überhaupt ermöglichte, schreibt über diese nicht einfache, lebenslange Freundschaft. Er schreibt aber auch über das Verhältnis von Kunst und Leben und er denkt dabei immer über die Frage nach der menschlichen Existenz in all ihren Dimensionen, im Schönen wie im Schrecklichen nach. Schmieds große Bildung macht den Leser reicher, er unterhält ihn und führt ihn auf sehr lebendige, authentische und auch einfühlsame Weise zum Wesen des Eigentlichen.

(str, Rezension in: Passauer Neue Presse Nr. 143, 25. Juni 2014)


Otto Johannes Adler: Schmieds Nahaufnahme Bernhards

In seinem an Begegnungen mit bedeutenden KünstlerInnen wahrlich reichen Leben lernte Wieland Schmied 1954 auch Thomas Bernhard kennen. Der Beginn einer Freundschaft, die bis zu Bernhards Tod 1989 anhielt. 1967 erwarb Ehepaar Schmied sogar ein Anwesen, welches sich nur wenige Autominuten entfernt von dessen Hof bei Ohlsdorf befindet. Näher konnte man diesem Autor ohnehin kaum kommen, den Schmied trefflich einen "Verrammelungsfanatiker" nennt. Zur Freundschaft gehörten nicht nur gemeinsame Unternehmungen, sondern auch Netzwerkarbeiten, etwa Schmieds maßgebliche Beteiligung daran, dass Bernhards erster Roman "Frost" 1963 im Insel Verlag erscheinen konnte. Kurzum: als wichtiger langjähriger Zeitzeuge weiß Wieland Schmied viel über den privaten Thomas Bernhard zu berichten, und dies selbstverständlich aus gezielt subjektiver Sicht.

Der vorliegende Band versammelt 23 Texte, alle nach Bernhards Tod entstanden, manche ursprünglich als Vorträge konzipiert. Sie beleuchten u.a. aus nächster Nähe die Landschaften und Häuser, welche in Bernhards Büchern eine Rolle spielen, und letztlich auch einige jener realen Menschen, die sich zu literarischen Vorlagen wandelten. Bei aller wertschätzenden Sympathie für den Autor, bemüht sich Schmied dennoch um Objektivität und versucht, bei den zahlreichen Zerwürfnissen, die Bernhards Biografie zieren, stets beide Seiten und Hintergründe zu zeigen. Interessant auch die gebotenen Einblicke in die Arbeitsweisen Bernhards, etwa im überraschenden Vergleich mit jener Technik der Übermalung, die Arnulf Rainer berühmt machte. Hierbei weiß Schmied seine umfassenden Kenntnisse als emeritierter Ordinarius für Kunstgeschichte wie nebenher einzubringen. In Summe eine lohnende Lektüre für alle jene, die ihr Wissen über Thomas Bernhard erweitern oder mit zahlreichen Details anreichern wollen.

Fazit: Viele Facetten und Eigenheiten Bernhards, gekonnt geschildert aus nächster Nähe.

(Otto Johannes Adler, Rezension in: Buchkultur 153, April/ Mai 2014)


so.Rezension:

Wohltuend unaufgeregt und bedächtig in den Formulierungen lesen sich Wieland Schmieds Essays, gerade wenn es sich um einen Autor wie Thomas Bernhard handelt, der provozierte und polarisierte, wo er nur konnte.

Schmied, 1929 in Frankfurt geboren, und seine Frau Erika bewiesen bereits in den vergangenen Jahren mit ihren großartigen Fotobänden, wie sie Thomas Bernhard als langjährigen Freund erlebt hatten und trugen erhellend zum Verständnis des Künstlers bei. Nun lässt der Kunsthistoriker und Autor Schmied an seinen eigenen differenzierten Erinnerungen teilhaben und rückt in seinem "Alphabet" so manche Begebenheit aus dem Leben des als einzelgängerisch und unzugänglich verschrienen Bernhard zurecht. Dazu gehören ganz alltägliche Besuche und Begegnungen oder gemeinsame Feiern, aber auch Textanalysen wie zum Prosaband "Alte Meister". Darüber hinaus berichtet Schmied detailliert über die Hintergründe jenes Eklats um "Holzfällen", der Ende 1984 zeitweilig sogar zum Verbot des Buches führte: "Thomas Bernhard war von dem, was er infolge von 'Holzfällen' erleben mußte, tief tangiert. Und mehr: Er war verstört."

(iw, in: so.Rezensionen, 2014)


Alfred Pfabigan: Geschichten über Thomas Bernhard – alphabetisch von seinem Freund Wieland Schmied

Die nicht seltene Fiktionalisierung des eigenen Lebens, die über ein Vierteljahrhundert währenden, von den Medien geradezu rituell zelebrierten Bernhard-Skandale, die ambivalente Haltung gegenüber seiner öffentlichen Rolle und auch die Schöngeister irritierenden, scheinbaren Widersprüche zwischen Lebensführung und Kunstauffassung des Autors, haben das österreichische Publikum geradezu süchtig nach Geschichten über Thomas Bernhard gemacht. Ein zuverlässiger Dealer für Bernhardiana aller Qualitätsklassen ist Richard Pils, der rührige Eigner der „Bibliothek der Provinz“. Zum 25.Todestag legt er ein von Wieland Schmied verfasstes Alphabet zu Bernhard vor: Es reicht von „A“ wie Auersberger, jener Kunstfigur aus „Holzfällen“, die massiv auf den Komponisten Lampersberg anspielte, über „C“ wie Canetti, „T“ wie Trakl bis „Z“ wie Zweifel.

Hier spricht einer der letzten Überlebenden der Bernhard Nahestehenden, einer, der nicht nur bereit ist zu sprechen, sondern der Bernhard auch intellektuell gewachsen war und es verstand, konfliktfrei mit dem Schwierigen umzugehen. Man kannte sich – mit unterschiedlicher Intensität – von 1954 bis zu Bernhards Tod. Schmied ermöglichte die Publikation von „Frost“, man war sozusagen benachbart und sprach sich über vieles aus, – etwa über Francis Bacon, über Kunst, Alltägliches und Privates; hier wahrt Schmied Diskretion. Die Beziehung war asymmetrisch, wie so viele in Bernhards Leben. „Ich empfand für ihn Freundschaft“, so Schmied heute, „Thomas Bernhard hatte für niemanden das Gefühl der Freundschaft. Er war dazu nicht fähig, und er zeigte es offen.“

So ist dieses Alphabet also der letzte Freundschaftsdienst, die Texte sind heterogen und folgen in der Gestaltung der Vorgabe durch das Titelwort. Der kleine Artikel über den Tierpräparator Höller, eine Figur aus „Korrektur“, enthält eine schöne Interpretation dieses sperrigen Romans. Schmied hat die Fähigkeit, mit wenigen Strichen Personen oder Ereignisse derart prägnant zu zeichnen, dass im Leser das Gefühl entsteht: So habe ich mir das eigentlich vorgestellt.

Essays – wie der schöne Text über die Bedeutung von Orten für Bernhard – wechseln in alphabetischer Ordnung ab mit Kontextualisierungen, Richtigstellungen ohne Rechthaberei oder dem Abschluss einer Diskussion, die der Autor mit Bernhard nicht zu Ende gebracht hatte: Schmied greift jenes Problem auf, an dem sich der Protagonist der „Alten Meister“, der Kunsthistoriker Reger abarbeitet – gibt es die „große Kunst“ wirklich, oder ist sie nicht nur ein Bluff, den der Kenner, der den Fehler sieht, mit Anstrengungen entlarvt. In einem weisen Text, der gleichzeitig die Summe aus Schmieds lebenslanger Beschäftigung mit Kunst zieht, hebt er die Dichothomie zwischen „Meisterwerk“ und „Fehlerhaftigkeit“ auf und argumentiert, dass unsere Liebe zu einem Kunstwerk dieses nie als Ganzes umfasst, sondern einem herausragenden Teil gilt, der uns den „Fehler“ übersehen lässt.

[…]

(Alfred Pfabigan, Rezension in: Die Presse, 8.2.2014)


http://diepresse.com/home/spectrum/literatur/1559946/Bernhard-und-die-Kaiserliche-Hoheit