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Kurzbeschreibung

Wilhelm Hauff. [Ill. von Linda Wolfsgruber]


In einer großen Stadt lebte vor vielen Jahren ein Schuster mit seiner Frau schlicht und recht. Er saß bei Tag an der Ecke der Straße und flickte Schuhe und Pantoffeln und machte wohl auch neue. Doch musste er dann das Leder erst einkaufen, denn er war arm und hatte keine Vorräte. Seine Frau verkaufte Gemüse und Früchte, die sie in einem kleinen Gärtchen vor dem Tore pflanzte, und viele Leute kauften gerne bei ihr, weil sie reinlich und sauber gekleidet war und ihr Gemüse auf gefällige Art auszubreiten wusste. Die beiden hatten einen für das Alter von zwölf Jahren schon ziemlich großen und schönen Knaben. Er saß gewöhnlich bei der Mutter auf dem Gemüsemarkt, und trug den Weibern oder Köchen, die viel bei der Schustersfrau eingekauft hatten, einen Teil der Früchte nach Hause und selten kam er von einem solchen Gang zurück ohne eine schöne Blume oder ein Stückchen Geld oder Kuchen. Die Herrschaften dieser Köche sahen es gerne, wenn man den schönen Knaben mit nach Hause brachte, und beschenkten ihn immer reichlich.

Eines Tages saß die Frau des Schusters wieder wie gewöhnlich auf dem Markte. Sie hatte vor sich einige Körbe mit Kohl und anderem Gemüse, allerlei Krautern und Samen, in einem kleineren Körbchen frühe Birnen, Äpfel und Aprikosen. Der kleine Jakob, so hieß der Knabe, saß neben ihr und rief mit heller Stimme die Waren aus: »Hierher, ihr Herren! Seht, welch schöner Kohl, wie wohlriechend diese Krauter! Frühe Birnen, ihr Frauen, frühe Äpfel und Aprikosen! Wer kauft? Meine Mutter gibt es billig!« So rief der Knabe ...


Rezensionen
Wendelgard Beikircher: Ein Märchenklassiker mit fantastischen Illustrationen

Das vorliegende Märchenbuch ist ein wunderschöner bibliophiler Band in aufwendiger Aufmachung, sehr handlichem Format und mit kunstvollen Illustrationen versehen, denen es gelingt, sich subtil an die jedermann bekannte Geschichte heranzuarbeiten und somit einen ganz eigenen und wundersamen Zugang zu erschließen.

Ein Vergleich mit dem Originaltext zeigt, dass vieles wortwörtlich übernommen und einiges stilistisch sehr behutsam ergänzt bzw. ausgelassen wurde. Dadurch liegt eine flüssige und spannende Märchenfassung vor, die vornehmlich dem Duktus der Sprache, der Dramatik der Handlung und den poetischen Bildern Rechnung trägt.

Die Illustratorin Linda Wolfsgruber setzt diese textimmanenten Schwerpunkte gekonnt um und taucht das ganze Märchengeschehen in Grau- und Schwarztöne: Dadurch entsteht eine große atmosphärische Dichte. Mit wenigen Versatzstücken und ausgefallenen Teilansichten eröffnen die Bilder geheimnisvolle Welten, in denen vor allem das Bedrohliche, Geheimnisvolle, Einsame und Brüchige zum Ausdruck gebracht wird. Die kratzigen, kaum ausgemalten Tuschzeichnungen und fantastischen Kaltnadelradierungen erzeugen eine beklemmende Atmosphäre, die durch verzerrte, schräge Perspektiven und fehlende räumliche und zeitliche Konstanten gekennzeichnet ist. Die Figur des Zwerges Nase lehnt sich zwar an die vieltradierte Art der Darstellung an, bleibt im Grunde aber nur stilisiert. Dadurch wird den inneren und äußeren Turbulenzen eines diskriminierten Außenseiters schlechthin Ausdruck verliehen, dem es gelingt, in einer Welt voll existenzieller Bedrohung, menschlicher Aggressivität, sozialer Kälte und gesellschaftlicher Ausgrenzung seine Würde zu bewahren, Verantwortung und Fürsorge zu übernehmen und in festem Glauben an sich selbst seinen Weg zu gehen.

Eine hervorragende illustratorische Interpretation dieses Märchenklassikers.

(Wendelgard Beikircher, Rezension in: 1000 und 1 Buch, [?])