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Kurzbeschreibung

Friedrich Gulda. [Erg. u. hrsg. von Ursula Anders]


1. Unegoistische Handlung: Nicht-Ich-Sein, Außersichsein. 1953

Das ist mehr als ein linguistischer Gag. Vielmehr bezeichnet dieses Wortspiel den relativ geringen Wert der bekannten »unegoistischen« Handlungen der Güte, des Mitleids, der compassion etc., wenn sie nicht zum Zeitpunkt des Geschehens vom Außersichsein begleitet sind: will sagen von einem Zustand, der sie ihrer versteckten egoistischen Motive – »Wie gut, mitleidig, compassionate etc. bin ich doch!« – entkleidet. Wenn man »außer sich« ist, fällt diese Selbstbefriedigung weg; nur dann ist das Gute wirklich gut, rein und richtig. – Was das mit Musik zu tun hat? Sehr viel. Ist nicht der gute Musiker Spender von Güte, Mitleid, compassion für seine Zuhörer?Darf er dabei »sich selbst genießen«? Nein.Merk’s, Virtuose und Showman: Self-consciousness macht musikunfähig. Musikfähig ist der, der »nicht ich«, »im Zustand der Gnade«, »inspiriert«, »in Zungen redend« ist.

»Außersichsein« nennt das die feinfühlige Sprache. II. Alle Dinge existieren nur in unserer Vorstellung. Alle Dinge, die wir uns vorstellen, existieren und sind ebenso real bzw. irreal.1953Schwierig zu begreifen, aber auch schwierig zu bestreiten, daß zwischen der »Realität« von »Dingen« und der »Realität« von Vorstellungen kein echter Unterschied besteht. Beide sind irreal, Erscheinung, Maya. Die wirkliche Realität, von der wir »in Zungen reden«, ist auf alle Fälle das ganz Andere und doch das Gleiche, aber eben richtig gesehen. »Correct vision«, um mit den erleuchteten Weisen zu reden. Wir Musiker sind dazu da, um, wenn wir »außer uns« sind, die anderen im Sinne der compassion an unserer wahren Sehkraft immer wieder teilhaben zu lassen.


Rezensionen
Beate Hennenberg: Notizen und Niederschriften, kritisch kommentiert und reflektiert, aus der Feder des Pianisten Friedrich Gulda. (KM)

Alfred Brendel tat es, Midori und Gidon Kremer taten es, viele Großen aus dem Musikbusiness haben es getan: Sie setzten sich mit ihrem künstlerischen Handwerk, dem Musikmachen, philologisch auseinander. Dabei ging und geht es naturgemäß weniger um wissenschaftliches Einkreisen spezieller Problemfragen, sondern, wie auch bei Friedrich Gulda, meist um "Gedankengänge aus dem Gebiet der Musik, […] das mich tagein, tagaus beschäftigt". Musik ist für Gulda ein Spiegel alles Geschehens. Die Gedanken tragen bei ihm den "Charakter allgemeiner Beobachtungen".

Gulda, ein 1930 in Wien geborener und 2000 am Attersee verstorbener Konzertpianist und Jazz-Musiker, hat sich musikalisch auf der ganzen Welt umgesehen. Seine musikalische Fortbildung, nachdem er das klassische Klavierspiel ausgefeiltest beherrschte, genoss er "speziell in den Discos von Ibiza". Den Beethoven-Ring der Musikakademie hat er zurück gegeben, da man dort die Studenten zu Nachbetern, nicht zu Revolutionären erzöge. Und vor allem hatte er es immer mit Mozart; man müsse sehen, "dass seine Musik ungeheuer tänzerisch ist und in einem ganz hohen, wenn auch übertragenen Sinn mit Techno zusammenhängt". Die Sentenzen sind allesamt lesenswert, etwa: "Spiel jeden Ton so, als ob es um dein Leben ginge!" (1954), "Dissonanzen gibt es nicht. Nur der Grad der Spannung im Verhältnis zum Grundton ist verschieden" (1964), "Was swingt, ist gut, was nicht swingt, ist schlecht, zumindest überflüssig" (1957).

(Beate Hennenberg, Rezension für: bn.bibliotheksnachrichten, [?])


http://www.biblio.at/rezonline/ajax.php?action=rezension&medid=17722&rezid=20825